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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. Is Sießen, Misericordias Domini, den 4. Mai 1919 8. Jahrgang
Wahre Größe.
Psalm 18, 36. Wenn du mich demütigst, so machst 5 mich groß.
Die fromme Landgräfin Elif abeth hat einmal ein Loblied auf die Demut gesungen, die sich willig unter das Schwere, das ihr legt wird, beugt und dadurch.Bar wah⸗ ren Größe wird. Sie vergleicht den Demüti⸗ gen mit dem Schilf in einem reißenden Strom. Wenn die Wogen wild i en, dann beugt sich das schlanke Rohr willig und läßt die Fluten über sich. hat das Ungestüm der Wasser sich gelegt, dann erheben sich die Halme wieder und erscheinen stärker und gekräftigter als zuvor. Wie Gott es in der Natur macht, so macht er es auch mit seinen Menschenkindern. Er läßt
0 weg auf dem früheren Glacis der Festung.
Am Botanischen Garten ist er noch, ebenso wie eine Bastion, gut erhalten Im Ebel⸗
Klingelhöfferschen Garten machten die Enkel ihre ersten Obststudien. Alle Sorten, mit Ausnahme von Pfirsichen und Aprikosen, waren. Geerntet wurden weit über 100 Waschkörbe voll und davon ein Teil der besonders vorzüglichen Aepfel an Bekannte ge eben Der Preis war 1 Gulden für den Korb. Das Pfund kostete mithin 3 Pf.
und jetzt?
Meine Mutter starb früh. In deren Schwester bekamen wir eine zweite liebe⸗ volle, treue Mutter. Sie bewies, wie un⸗ gutr effend die verallgemeinerte Legende von der bösen Stiefmutter ist, ebenso unzu⸗ treffend wie die vielfach breitgetretenen
die Wasser der Trübsal, die Fluten des Lei⸗ des über sie dahingehen, er schickt schwere Zeiten der Heimsuchung über gande Völker, um sie groß zu machen. Wir würden sein Tun nicht verstehen und an seiner Weisheit und Liebe verzweifeln, wenn wir nicht wüß⸗ ten: das eben ist Gottes Art, durch Demüti⸗
stätischste Baum, muß stets mit einem schwe—
ren Gewicht belastet werden, um empor⸗
wachsen zu können. Ist es nicht auch so mit
unserem Volk? In den schwersten Zeiten der Demütigung hat sich stets seine wahre
Größe offenbart, da ist es zu den Quellen jeiner Kraft, Zu dem Gott alles Heiles, zu⸗ rückgekehrt. Jetzt steht unser Volk in der
schwersten Zeit seiner tiefsten Demütigung, 8 möchte es sich willig unter die züchtende
Hand seines Gottes beugen, damit er es wie⸗ der groß und herrlich machen kann aus seiner göttlichen Kraft!
Erinnerungen und Betrachtungen.
Von Generalleutnant z. D. Friedrich Klingelhöffer(Gießen).
(Fortsetzung.)
Meine Mutter war eine geborene Ebel. Deren Vater war Regierungsrat. Er 1 das landgräfliche Beamtenhaus 1820 gekauft und den vier Morgen großen Garten an⸗ gelegt. Zu diesem Zweck war ihm ein Stück Wall der alten Festung überlassen worden. Diesen ließ er abtragen und in den Wall⸗ graben werfen. Damit erwarb er sich das Besitzrecht. Auf gleiche Weise ist der Garten⸗ streifen um den Stadtkern herum entstanden. Er reicht bis zur„Schoor“, dem Spazier⸗
Schwiegermutterwitze. Vorgreifend möchte
ich dies auch aus eigener Erfahrung hier betonen. Mit meiner Schwiegermutter, Frau Steuerrat Schuster, hatte ich nie die
geringste Reibung, obgleich meine Frau die
einzige Tochter war und wir nur drei Häu⸗
d efähr⸗ gung zu erziehen und zur wahren Größe zu ser voneinander wohnten, angeblich gefähr
führen. Die Palme, der höchste, maje⸗
liche Momente. Dabei war meine Schwie⸗ germutter durch den frühen Tod ihres Mannes und die Sorge für einen geistig zurückgebliebenen Bruder an Verantwortung und Selbständigkeit gewöhnt.
An Schulen besuchte ich zunächst die Privatschule des Dr. Steimetz in der Neuen bäue, im Hinterhause der jetzigen Natt⸗ mannschen Fabrik, dann die Privatschule des Dr. Schwabe im Vorderhaus der jetzigen
Milchküche in der Wetzsteingasse, frühere „Hintergasse“ So schön und hygienisch wie die jetzigen Schulen waren die damaligen nicht. Eine Vorschule des Gymnasiums
wurde erst später eingerichtet, das Gym—⸗
nasium begann mit der Sexta. Das da⸗
malige Gebäude ist jetzt Jum Regierungs- gebäude umgewandelt. Direktor war Dr. Geist, wegen seiner Sprechweise humoristisch im Ecksteinschen„Besuch im Karzer“ ver⸗ wertet. Religionslehrer war Pfarrer Gla⸗ ser, Mathematiklehrer Professor Dr. Dölp. Wie schon früher einmal in einem aus dem„Offizierblatt⸗ in das Unterhaltungs⸗ blatt des„Gießener Anzeigers“ überge⸗ gangenen Aufsatz berichtet wurde, verstand es Dr. Dölp, seine Schüler vor dem Spiel⸗ teufel zu e indem er zwei Sätze klar machte. Der eine war, daß die Wahr⸗ scheinlichkeit des Gewinnens 1 der Bankhalter hat, der zweite Satz, daß die Wahrscheinlichkeit immer neu bleibt. Hat
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