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Nicht leicht war es, den bescheidenen Mann zu bewegen, seine Arbeiten mit sei⸗ nem Namen zu zeichnen, lange dauerte es, bis er in diesem Punkte nachgab. An der Dankbarkeit und an dem Interesse unserer Leser hat er aber doch erfahren, wie gern seine Arbeiten gelesen wurden. Was er schrieb, waren Erlebnisse aus seiner Kind⸗ heit und Jugendzeit, diese Tatsachen hatten sich ihm unvergeßlich eingeprägt. Als er mit 75 Jahren anfing zu schreiben, da stand ihm, wie man das bei alten Men⸗ schen immer beobachtet, alles noch so frisch im Gedächtnis, als ob es einige Tage vorher geschehen sei. Die pietätvolle Erin⸗ nerung vieler seiner Mitbürger, Freunde und Bekannten folgt dem tüchtigen Manne über das Grab hinaus nach. H. B.
Die Einnahme von Brest⸗Litowsk.
Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.
10. Juli 1915. Als ich vor 7 Monaten im Begriff war, zum zweitenmal ins Feld zu rücken, da hörte man in Deutschland nur das Schlimmste über Russisch-Polen, und doch war es dort dann ganz annehm⸗ bar. Wenn wir noch einen zweiten Winter⸗ feldzug mitmachen müßten— ich hoffe noch, daß es nicht dazu kommt—, dann könnten wir sehr zufrieden sein, wenn wir ihn unter denselben Verhältnissen, wie den Winter an der Bzura, verbringen könnten. Noch schlimmer wie in Polen sollte es in den Karpathen sein und ganz schlimm in Ga⸗ lizien. In Wirklichkeit war es umgekehrt. Die Karpathen waren besser wie Russisch⸗ Polen, und Galizien ist ein landwirtschaftlich sehr schönes, meist fruchtbares Land. Die Wohnungen waren meist recht sauber, das Ungeziefer keinenfalls schlimmer wie anders⸗ wo. Die Galizier besitzen viel Schönheits⸗ sinn, was besonders aus der malerisch schönen Anlage der Dörfer und der Kleidung der Frauen hervorgeht. Als wir heute wieder in Rußland einmarschierten, merkten wir bald, daß wir uns in ein wesentlich schlech—⸗ teres Gebiet begeben hatten.
Heute früh um 5 Uhr rückten wir von Zablow ab, wo wir fünf schöne, friedliche Tage verbracht haben, über Oserdow, Prze— wodow, Radkow nach Telatyn. Um 9 Uhr vormittags überschritten wir die russisch⸗ galizische Grenze, befinden uns also jetzt wieder in Feindesland. Gebe Gott, daß wir diesmal einen größeren Erfolg hier erringen, als es uns in Russisch⸗Polen beschieden war. Der fast sechsstündige Marsch war recht anstrengend, denn es wurde, als die Sonne um 7 Uhr den Nebel niedergekämpft hatte, recht heiß und die letzten 2 Stunden auch recht staubig, da es hier gestern offen- bar nur ganz wenig geregnet hatte. Hier in ihrem eigenen Lande haben die zurück⸗ gehenden Russen in den Häusern noch übler
gehaust als in Galizien. Ich war in einem jüdischen Haus, in dem der Kassenschrank sesprengt und die Dielen aufgerissen waren. lllerdings war dort wohl auch etwas zu finden; denn in einem Raum lagen zentner⸗ weise Hülsen verschossener Infanterie- und Artilleriemunition.
Es war ein völliger Friedensmarsch, den wir heute hatten. Die Batterien marschierten für sich, die Kanoniere sangen schöne Volks⸗ und Soldatenlieder.
11. Juli 15. Um gerecht zu sein, will ich nicht verschweigen, daß ich gestern abend hörte, daß nach Aussage der Bewohner ein Teil der Verwüstungen in Telatyn auf Kosten der Oesterreicher zu setzen sein soll. Als diese im N vorigen Jahres nach dem Vorstoß auf Lublin wieder zurück muß⸗ ten, fanden in der hiesigen Gegend schwere Kämpfe statt, wovon die zahlreichen Massen⸗ und Einzelgräber, an denen wir vorüber kommen, Zeugnis ablegen.
Heute früh um 6 Uhr Abmarsch über Lykoszyn, Stara-Wies nach Molozow, wo wir mit Rücksicht auf den Witterungs- umschlag— es weht ein kalter Wind und es ist regnerisch— in einem sauberen Häuschen Quartier bezogen. Die Bewohner sind sehr entgegenkommend. Die meisten Einwohner sind geflohen. Nach dem ängstlichen Ver⸗ halten der Zurückgebliebenen ist anzuneh⸗ men, daß ihnen das Schlimmste von den deutschen Barbaren erzählt worden ist.
Trotz des Regens war der Marsch heute teilweise recht staubig. Die ganze Division ist eben zurückgezogen. Die Ruhe, die uns ja sehr nötig war, hat eine Schattenseite. Es kommt einem dabei besonders stark zum Bewußtsein, wie schön es ist, in Frieden zu leben, und die Sehnsucht darnach regt sich stärker.
Gegen Abend. Ich sitze vor unserem Häus— chen im Sonnenschein und lese„Bismarck und wir“ von Paul Rohrbach. Wir erörtern jetzt auch wieder häufiger die Frage: welches Ergebnis wird der Krieg haben, wird es im richtigen Verhältnis zu unseren schweren Opfern stehen? Wird der Friede nicht durch Ueberspannung unserer Forderungen oder durch ungenügende Ausnutzung unserer militärischen Erfolge den Keim eines neuen Krieges oder einer Schwächung unserer Machtstellung in sich tragen? Nichts wäre beklagenswerter, als wenn die Millionen, die draußen ihr Leben und ihre Gesundheit eingesetzt haben, durch einen schlechten Frie⸗ den verstimmt oder verbittert würden.
Während ich las, bauten über mir unter dem vorspringenden Dach Schwalben ihre Nester. Aber die Eigentumsverhältnisse schei— nen nicht ganz geklärt zu sein; denn jetzt, wo es an die Besetzung der Schlafstellen geht, entsteht ein großer Streit.
Wir durften heute wieder einen friedlichen Sonntagnachmittag genießen.


