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onntagsgruß

emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Wi 22

Gießen, Exaudi, den 28. Mai 1922

II. Jahrg.

Gott und die Gottesfürchtigen. Röm. 8, 31. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?

Wie lange ist Gott mit den Gottesfürch⸗ tigen? So lang sie im wahren Glauben und Gottesfurcht beharren. Denn wenn sie davon abweichen und besudlen sich mit großen Uebeltaten, so weichet auch Gott mit dieser seiner gnaden⸗ und huldreichen Gegenwart von ihnen ab, gleichwie er ist von Saul, da er gottlos worden, abgewichen. O wie gefährlich siehets dann mit solchen Leuten, von welchen Gott der Herr also abgewichen ist! Da trücket sie alsdann das Wehe Got⸗ tes. Da heißt es dann: Ist Gott wider uns, wer mag vor uns seyn? Da sind dann alle Festungen unsern Feinden ein Scherz. Da stoßen uns unsere eigenen Bundesge- nossen zum Lande hinaus, und die Leute, auff die wir unsern Trost setzen, betriegen und überweltigen uns.

Wann Gott für dich ist, so ist die Spinnweb ein Maur fein,

Wann Gott wider dich ist, so wird die Maur ein Spinnweb seyn.

Darumb lasset uns durch göttliche Be⸗ gnadigung gläubig und gottesfürchtig seyn, so wird uns Gott wider alle Feinde be⸗ schützen. Dann der Name des Herrn ist ein festes Schloß, der Gerechte laufft dahin und wird beschirmet. 0

Wie verbirget aber Gott seine gnaden⸗ reiche Gegenwart bey den Gottesfürch⸗ tigen? Das tut er mit scharpfem Creutze und mit seinem Gerichte. Gleichwie ein Vatter, der mit seinem Kinde spielet, sich bißweilen versticket, damit das Kind ihn suchen und wieder finden soll, also unser lieber Gott als unser Vatter verbirget seine huldreiche Gegenwart unter und mit dem zugeschickten Ereutz, daß wir ihn durch das instendige Gebet suchen und finden sollen. Ist dann Gott für uns, so kann nichts wider uns seyn im Witwenstand, dann Gott erhelt die Wittwen. So kann auch nichts wider uns seyn im Waisenstand, dann Gott ist der Waisenhelfer. Ist Gott für uns, so kann nichts wider uns seyn im Kriege, weil Gott das Schwerdt unsers Sieges ist. So kann nichts wider uns seyn

in der Tewrung, weil Gott darin uns er⸗

nehret. Ist Gott für uns, so kann nichts wider uns seyn in Krankheit, weil Gott unser allmächtiger Arzt ist. So kann nichts

wider uns seyn in der Pest, weil wir unter dem Schirm des Höchsten sitzen und unter dem Schatten des Allmechtigen bleiben. Ist Gott für uns, so kann nichts wider uns seyn in der Flucht, als die Gott zehlet und fasset unsere Threnen in seinen Sack und ohne zweiffel sie zehlet. So kann auch nichts wider uns seyn im Fewer und Wasser, als darin uns Gott uns beschirmet. End⸗ lich ist Gott für uns, so kann auch nichts vor in und nach dem Todt wider uns seyn, uns zu beschedigen, dann Gott läßt unsere Seele durch die heilige Engel in Abra⸗ hams Schoß tragen. Sonach sollen alle bekümmerte Hertzen getrost sprechen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns seyn? Justus Feurborn, Superintendent zu Gießen, gestorben 1656.

Zur Erinnerung an heinrich Hochstätter sen.

DerSonntagsgruß hat seit seinem Be⸗ stehen sein Augenmerk darauf gerichtet, alte, erfahrene, gereifte Mitarbeiter zu gewinnen. Gewiß, die Jugend hat Ideale, ist be⸗ geisterungsfähig, verfügt über Ideen, aber sie ist unabgeklärt und noch unentschieden. Was junge Menschen schreiben meist sind das Gedichte bietet den Lesern nicht viel. Gedichte mag im allgemeinen nie⸗ mand lesen, um so weniger, da sie zu Tausenden überall zu haben sind und jeder zweite Mensch im Bedarfsfalle sich Ge⸗ dichte selber machen kann. In erster Linie verlangen die Leser nach Tatsachen, nach Erlebtem, nach Beobachtetem, das können aber nur erfahrene, ältere Menschen dar⸗ bieten. Ein sehr wertvoller Mitarbeiter un⸗ seres Gemeindeblattes war der am 3. März 1918 im Alter von 88 Jahren heimge⸗ gangene Generalarzt a. D. Dr. Otto Kap⸗ pesser zu Darmstadt, der aus seinen Jugend⸗ erinnerungen so vieles niedergeschrieben hat, das sonst im Zeitenstrome untergegangen wäre und der das von ihm Erlebte und Ge sehene aus der, Kraft seines reichen Ge mütslebens poetisch zu gestalten wußte. Ihm hat sich der Gießener Bürger Heinrich Hoch stätter, der am 8. Mai d. Is. im Alter von nahezu 83 Jahren entschlafen ist, wür⸗ dig angereiht. Durch seine wertvolle Mit- arbeit hat er es verdient, daß wir ihm dieses Erinnerungsblatt widmen.

Heinrich Hochstätter wurde am 1. Sep⸗ tember 1839 als der älteste in der Zahl