2
dürfen aber auf dem Marsch vorbeitraben. Ich wollte, als ich für Hauptmann von Hirschberg auf dem Marsch die Abteilung führte, an einem Bataillon R. J. R. 83, das zu langsam marschierte, als es einen kurzen Halt machte, vorbeitraben lassen. Das ver⸗ hinderte der Bataillonskommandeur, ein Major, der offenbar, wie viele Infanteristen, der Artillerie gram ist, weil sie keine so großen Verluste hat, wie die Infanterie, ab⸗ sichtlich, indem er das Bataillon sofort an⸗ treten ließ. Als ich an einer Stelle der Straße, wo drei Kolonnen nebeneinander hätten marschieren können, vorbeizutraben versuchte, verhinderte er es wieder, indem er die Kompagnien teils auf der rechten, teil auf der linken Seite des Weges marschieren ließ. Schließlich trabte ich aber doch vorbei, als der Major vorgeritten war⸗ Er pfiff dann seine Kompagnieführer kolossal an, weil sie uns vorbeigelassen hatten. Wir waren schon 1⅝ Stunden an dem Platz, wo wir Mittagsrast hielten, als das Bataillon dort eintraf. Solche Kleinigkeiten und Schikanen sollte man nicht für möglich halten.
Wir marschierten heute 40 Kilometer von morgens ½8 Uhr bis abends ½7 Uhr. Ich war 8 Stunden im Sattel. Der Marsch führte über Zastrzembl, Michalki, Nowo⸗ siolki Ilosk, bis an die große Straße Horsk —Kobrin, neben der wir im Wald Biwak bezogen. War tagsüber schönes Marschwetter gewesen, wobei nur die armen Pferde sehr unter der Fliegenplage zu leiden, hatten, so bewölkte sich nachmittags der Himmel und um ½6 Uhr begann es zu gießen.
Unser Zelt ist ja gut dicht, aber der Boden ist doch sehr naß. Was wird man sich einen Rheumatismus in die Knochen holen.
6. September 15. Nun haben wir schon etwas mehr Klarheit über unsere Zu⸗ kunft. Ein bedeutender Abschnitt unserer Tätigkeit ist abgeschlossen, der genau 5 Mo⸗ nate dauerte und die Kämpfe in den Ost⸗ beskiden, die Befreiung Galiziens und den Vormarsch in Rußland über den Bug bis zur Jasiolda umfaßt. Viel Interessantes haben wir in dieser Zeit gesehen und kennen
gelernt, aber auch viele schwere Kämpfe mit⸗
gemacht, große Anstrengungen und Entbeh⸗ rungen ertragen. Gar viel erschütternde Bil⸗ der des Elends und Jammers haben wir ge⸗ sehen, wie sie nur der Krieg mit sich bringt. Nun kommen wir aus Rußland weg, worüber wir alle sehr froh sind. In ein trostloseres Land mit schlechterer Verbindung, noch lang⸗ samerem Postbetrieb können wir nicht kom⸗ men. Hauptmann von Hirschberg, der zehn Jahre in Afrika war, meint, der afrika⸗ nische Busch sei nicht so reizlos, wie die Gegend um Brest-Litowsk und Kobrin. Der Krieg war uns hier langweilig geworden; es fehlte zuletzt jede Lust und Liebe. In dem völlig flachen Gelände waren keine guten Batteriestellungen und Beobachtungsstellen
zu finden. Nun haben wir acht Tage Marsch, mehrere Tage Bahnfahrt, vielleicht auch Donauschiffahrt, und kommen in ein anderes Land. Da bieten sich neue Eindrücke, die an⸗ regend wirken.
Heute morgen um ½8 Uhr Abmarsch auf der großen Straße nach Kobrin. Strecken⸗ weise war die Straße in ganz üblem Zustand.
Wir mußten über den Muchaviec. Die Brücke war von den Russen verbrannt wor⸗ den; unbegreiflicherweise ist von unseren Pionieren eine so schmale Brücke gebaut wor⸗ den, daß nur jeweils eine Kolonne darüber kann. Es bewegten sich aber auf der großen Straße zwei Divisionen zurück, während für die vorn an der Front befindlichen Truppen lange Kolonnen von Kobrin herkamen. Da gab es andauernd Stockungen, zeitweise hiel⸗ ten drei Kolonnen nebeneinander, dazwischen lange Wagenzüge der von Osten zurück- kehrenden Bewohner, die einen jammervollen Anblick boten. Da es sehr klar und wind⸗ still war, rechnete ich mit dem Besuch eines Fliegers. Ich marschierte deshalb mit meiner Batterie am Schluß der Abteilung und hielt mich immer in der Nähe des Abwehr- geschützes. Kurz nach 9 Uhr erschien auch ein Flieger vom Osten her, der Bomben auf den Wald und die große Straße, etwa da, wo wir nachts biwakiert hatten, abwarf. Ich ließ sofort wieder das Abwehrgeschütz aufbauen, das in sieben Minuten feuerbereit war. Aber der Flieger hatte nach Abwerfen von 3 bis 4 Bomben gleich wieder Kehrt gemacht, so daß er außer Schußweite war. Eine Bombe war in einen Infanterieersatz⸗ transport aus Göttingen, der kurz vorher auf dem Marsch zur Front an uns vorbei⸗ gekommen war, eingeschlagen und hatte 40 Mann verwundet. Ich holte später die Batterie wieder ein. Nach 1 Uhr fing es an zu regnen, auch wurde es stürmisch und kalt, so daß wir froh waren, als wir um 4 Uhr in Legaty(nordwestlich Kobrin) Orts⸗ unterkunft beziehen konnten. Der Marsch war über Gut Planta, Lukowice gegangen. Wir marschierten nicht über Brest⸗Litowsk, sondern nördlich davon, und da wir die große Straße verlassen haben, werden die Flieger⸗ besuche wohl aufhören. Wäre heute der Russe bis über die Notbrücke am Muchawiec ge⸗ flogen, wo sich die vielen Kolonnen stauten, dann hätte er mit seinen Bomben noch viel größeres Unheil anrichten können.
7. September 15. Die Nacht war kalt und stürmisch. Um 67⅛ Uhr Abmarsch. Der Weg führt über Androwo, Sawitschi Sha⸗ binla nach, Olisarow⸗Staw. Mittags nah- men wir bei Sonnenschein zusammen mit der Abteilung das Essen am Ufer des Muchawiez ein, der reguliert ist und voller Ho zflöße liegt. Um 4 Uhr erreichten wir unser heuti⸗ ges Marschziel. Gestern legten wir 30, heute 33 Kilometer zurück, zum Teil auf sehr sandigen Wegen. Heute war ich 7¼ Stunden


