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weislich keine Rede. Wir konnten an diesem Nachmittag kaum erwarten, bis Frau Sch., um, wie gewöhnlich ihre Einkäufe zu be⸗ sorgen, in die Stadt ging. Als sie weg war, machten wir uns sofort ans Werk, schlugen den Verbindungsstift oben aus der Gabel des Pumpenstocks heraus, und der schwere Schwengel fiel mit einem dumpfen Schlag zur Erde. Wir nahmen ihn zu dritt auf die Schultern, trugen ihn zu Schlossermeister Wiener, der uns nach längerem Hin und Her einen Gulden dafür gab, nicht ohne sich vorher durch ein Kreuzverhör von unserer Verkaufsbefugnis überzeugt zu haben. So ganz traute er uns ja nicht, da ich aber sein Pate war, so gab er schließlich nach. Seelenvergnügt gingen wir zum Holzhändler Geilfuß in die Neustadt und erstanden für den Erlös einige Bretter, die wir über die Schoor(Westanlage) in die„Scheppeck“ schleppten. Nachdem wir das, was wir für die Bänke brauchten, mit einer alten vorsint⸗ flutlichen Säge abgeschnitten hatten, blieben uns noch zweieinhalb Bretter übrig, für welche wir vorerst keine Verwendung wußten
und die wir daher bis auf weiteres im
Garten verbargen.
Unsere Gartenhütte, in welcher wir regel⸗ mäßig abends saßen und uns durch Er⸗ zählen, Rätselaufgeben und ähnlichem aufs schönste unterhielten, hatte den Nachteil, ohne ein geschlossenes Dach zu sein. Nur pyra⸗ midenartig zusammengenagelte Stangen, über welche sich die Ranken von noch aus dem Wald zu holendem Geisblatt nach und nach ziehen sollten, ersetzten dasselbe. Wenn es daher regnete, gewährte die Hütte keinen Schutz. Unser Ueberschuß an Brettern reichte für ein Dach nicht aus. Wir beschlossen daher, lange Gerten zu schneiden, und diese auf die aus alten Bohnenstangenstücken be⸗ stehenden Dachsparren mit Kordel festzubin⸗ den. Darauf sollten dann große Blätter gelegt und diese dann auch wieder befestigt werden. Wie ausgedacht, so wurde das Vorhaben auch ausgeführt. Die Gerten hatten wir rasch beisammen, denn rechts und links an der Neuenweger Wieseckbrücke standen alte knor⸗ rige Weidenbäume am Wasser mit schönen, schlanken Zweigen, die, ohne daß ein Hahn danach krähte, in beliebiger Weise geplündert werden konnten. Da holten wir unser Ma⸗ terial, und die breiten Blätter lieferten die verschiedenen Krautsorten, hauptsächlich Meerrettich. So brachten wir ein tadelloses dichtes Dach zurecht, nicht ohne Mühe und viel Spektakel, der aber da hinten niemand störte.
Wie eine Idee eine andere erzeugt, sah man auch hier wieder. Das Dach erinnerte an die Wigwams ber Indianer; was lag näher, als nun Indianer zu spielen! Um die Sache regelrecht zu betreiben, wurde sie eingehend besprochen, aber es wollte nichts Gescheites herauskommen. Daß Bogen und Pfeile angefertigt werden mußten, wußte
jeder, aber was ein richtiger Indianer sonst noch trieb, darüber gingen die Ansichten sehr auseinander. Federkronen und ähnlichen Firlefanz wollte keiner tragen, und so wurde ich denn beauftragt, in die Leihbibliothek von Hofmann auf dem Seltersweg zu gehen und derselben ein Buch über die Sitten und Gebräuche der Indianer zu entleihen. Leider wurde mir, als ich andern Tags nach dem Buche fragte, lachend der Bescheid, daß kein solches vorhanden sei. Ich lief mun in die Leihbibliothek von Ottmann in der Schloßgasse. Dort eröffnete mir Frau Ottmann, nachdem sie sich eingehend über
das Befinden meines Vaters, meiner Mutter
und meiner Geschwister informiert hatte, daß zwar kein Buch über Indianer da wäre, aber sie habe eine Geschichte von Kanni⸗ balen, in welcher alle 2—3 Seiten einer um⸗ gebracht und aufgefressen wurde, die sie uns, zum Preise von einem Kreuzer pro Tag, sehr empfehlen könne. Ich nahm das Buch mit und war gespannt, was meine Freunde am andern Nachmittag nach der Schule zu meiner Erwerbung sagen würden. Ich war⸗ tete in der Scheppeck, bis alle da waren, dann setzten wir uns nach Indianerart im Kreise auf den Boden, die Pumpe ohne Schwengel in unserer Mitte. Als ich aber von den Kannibalen anfing, wurde ich fürchterlich ausgelacht und war darüber so aufgebracht, daß ich das Menschenfresserbuch dem ärgsten Höhner, einem ein paar Jahre älteren Gym⸗ nasiasten namens C. J. mit dem Erfolg ins Gesicht warf, daß mich dieser, trotz tapferer Gegenwehr, gehörig abzog. Ich raffte mein Buch auf, lief heim und nahm mir vor, nicht wiederzukommen. Ich fertigte mir zu Hause einen großen Bogen und Pfeile an, ersteren aus einem Haselnußast, letztere aus rund geschnitzten und mit einer Glasscherbe glatt geschabten Stängelchen, die ich von einem astfreien Brett abgesplittert hatte. Bei Flick und Kröll auf dem Seltersweg holte ich mir einige eiserne Pfrieme und setzte sie mit der unteren Spitze in das eine Ende der
feilstöckchen, welches ich zu diesem Zwecke reuzweise gespalten hatte. Dann wurde dieses Ende mit einer Lage dünnen Bind⸗ fadens spiralförmig dicht umwickelt, und die Pfeile waren fertig. Mit diesen Pfeilen lernte ich ausgezeichnet schießen und meine Kameraden auch. Diese holten mich einige Tage nach meinem Kannibalenzwist wieder in die Scheppeck, nachdem ihnen einer ver⸗ raten hatte, daß ich eine besondere Art von Pfeilen habe.(Fortsetzung folgt.)
Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.
(Fortsetzung.)
Für den Rückmarsch war befohlen, daß die Infanterie überall in den Orten und auf den Straßen das Vorrecht habe, wir
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