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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 35
Gießen, II. S. n. Trinitatis, den 27. August 1922
II. Jahrg.
Der Adel der Arbeit.
1. Thess. 4, 11. Arbeitet mit euren eigenen Händen, wie wir euch geboten haben.
Auf dem Bahnhofe einer deutschen Bade⸗ stadt läuft ein Schnellzug ein. Der Seiten⸗ gang ist dicht mit Menschen gefüllt, die Gepäckträger eilen herbei Ein Ruck und der Zug hält. Ueberall entsteht eine lebhafte Be⸗ wegung. Ten Wagen erster und zweiter Klasse entsteigen Männer und Frauen, alte und junge in großer Zahl, es sind durchweg Ausländer, die den schlechten Stand des deutschen Geldes benützen, um sich in un⸗ serem Lande Tage des Nichtstuns, der Er⸗ holung, des Vergnügens zu verschaffen. Fast alle diese Reisenden tragen in ihrer Kleidung großen Luxus zur Schau. Die Kleider weisen die neueste Mode auf, kostbare Pelze werden trotz der sommerlichen Wärme sichtbar, an den Fingerringen funkeln wertvolle Steine, das Reisegepäck ist von höchster Eleganz. Fremde Laute schwirren über den Bahnsteig, stolz schreiten die Fremden dahin, sie lassen es deutlich sichtbar werden, daß sie mit sehr viel Geld nach dem armen Deutschland kommen, zu der Nation, zu der sie früher mit der größten Bewunderung aufgesehen
haben.
Auf demselben Bahnsteig warten zwei Menschen auf einen Personenzug, der in wenigen Minuten kommen muß, es sind ein Mann und ein junges Mädchen. Der Mann trägt Arbeitskleidung und hat neben sich auf der Bank seinen Rucksack liegen. Er kommt aus einem abgelegenen Dorfe, das ihm keine Arbeitsgelegenheit gibt, und reist nach dem rheinisch⸗westfälischen Industriegebiet, wo e⸗ in einer Grube arbeitet. Ungefähr alle vier Wochen besucht er seine Familie, er hat ein mühsames Tagewerk, deshalb haupt⸗ sächlich, weil er, der schon in vorgerückten Jahren steht, den Segen der Heimat und des Familienlebens entbehren muß. Das Mäd⸗ chen neben ihm hat die Sichel in der Hand und will vom Erntefeld nach Hause fahren. Es trägt ein einfaches Arbeitskleid und grobe Schuhe. Das Tuch, das vor der Sonne schützen soll, ist tief über die Stirn gezogen, dennoch ist das Antlitz gebräunt, und die Hände weisen Risse und Sprünge auf.
In aller Einfachheit kommen uns diese beiden, der Arbeiter und die Schnitterin, schöner und vornehmer vor als die fremden Menschen, die an ihnen vorübergegangen. sind. Diese erzeugen keine Werte, bringen
vor allem unserem Vaterland keinen Nutzen, jene aber weisen die Schönheit und den Adel der Arbeit auf, sie schaffen, daß unsere Volksgenofsen hlen und Brot haben, sie richten sich, vielleicht unbewußt, nach den Worten des Apostels Paulus, der selber ein eifriger Handarbeiter war und den Christen mit ernsten Worten eingeschärft hat, daß sie arbeiten sollen. H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
37. Der Gießener Bub vor 50 Jah ve n. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
In der„Scheppeck“ auf dem Sch.'schen Grundstück stand eine alte Pumpe, deren Stock schief, wie der Turm zu Pisa, empor⸗ ragte. Des ewigen Anpumpens müde, hatte der aus der guten alten Zeit stammende handgearbeitete, schmiedeiserne Schwengel, offenbar in der Absicht, Ruhe zu haben, die Verbindung mit dem in den Brunnen füh⸗ renden Gestänge schon längst aufgegeben, und nur die alte Anhänglichkeit an den Pumpen⸗ stock war es, die in ihm bisher den Gedanken nicht aufkommen ließ, sich von diesem zu trennen. An einem verrosteten Stift hing er seit Jahren verlassen herunter, und wenn nicht manchmal einer der Jungen im Ueber⸗ mut und, um seine Kraft zu prüfen, Pump⸗ versuche angestellt hätte, dann wäre er über⸗ haupt unberührt geblieben. Auf diesen Pumpenschwengel hatte Friedrich W. sein Augenmerk gerichtet. Er meinte, die ganze Pumpe, die nur im Wege stehe, sei für Sch.“'s, die ja eine Pumpe in der Küche hätten, wert⸗ los. Den Schwengel könne man leicht heraus⸗ machen und verkaufen und dann für das Geld Bretter anschaffen. Das leuchtete allen sofort ein, aber heimlich durfte das nicht gemacht werden, und so übernahmen es der Sohn und der Neffe des Hauses, die Sache in Ordnung zu bringen. Sie kamen eines Tages, wie zufällig, bei Frau Sch. auf die Pumpe zu sprechen, und machten dieses ausgeleierte und untaugliche Wasserversorgungsinstitut nach Kräften schlecht, an welch' löblichem Unter⸗ nehmen ich, der ich gerade dabei war, mich tüchtig beteiligte, und brachten es schließlich so weit, daß Frau Sch. die Genehmigung zur Beseitigung gab, in der Hauptsache des⸗ halb, um unseren kleinen Tummelplatz neben dem Hause von dem Hindernis zu befreien.
Von dem Verkauf des Schwengels war wohl-


