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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 13
Gießen, Lätare, den 26. März 1922
II. Jahrg.
Sonnenwunder. Von D. Karl Hesselbacher. Psalm 84, 12. Gott, der Herr, ist Sonne.
Welche Wunder malt die Sonne! In langen grauverhangenen Tagen sahen wir nach ihr aus, und die Welt war dunkel, einsam und leer. Da— mit einem Male brach sie durch die Wolken, die Herrliche. Und die Welt war verwandelt mit einem Schlage. Es war wie ein Zauber.„O Erd, o Himmel, o Glück, o Lust!“ so hat einst ein Ge⸗ waltiger gesungen. Kein Wunder— es gibt nichts Größeres als das Wunder, das die Sonne auf der kleinen und kalten und dunkeln Erde schafft.
Ob auch in euren Herzen etwas von diesem Wunder zu sehen ist? Ob ihr den lachenden Morgen mit einer lachenden Seele grüßt? Ob aus euren Worten heraus das helle Jauchzen klingt, mit dem frohe Men⸗ schen einander zurufen? Ich las vor kurzem, wie ein Wanderer durch ein herrliches Berg⸗ tal zieht, in dem alle Wonnen der Welt zum Blühen gekommen sind. Eine alte Bauersfrau lehnt am Zaun ihres Gärt⸗ chens. Und jubelnd fliegt ihr der Gruß des fröhlichen Wanderers zu:„Hei, was habt ihr ein herrliches Wetter heut!“ Aber sie mißt ihn scheelen Auges. Will der Wanders⸗ mann vielleicht eine Erfrischung von ihr? Man traut heutzutage keinem Stadtmenschen mehr über den Weg! Und dann kommt die kurze Antwort:„Schön Wetter, ja das haben wir— aber sonst nichts!“ Es war eine launige Geschichte, die der Wanderer erzählt. Aber hinter dieser Laune steckt ein tiefer Ernst.„Sonst nichts“— ja, wir haben ein leeres Herz, wir haben ein kaltes Herz, wir haben ein finsteres Herz. Darum haben wir„sonst nichts“. Man sagt, daß nur Sonntagskinder wahrhaft glücklich sein können. Es ist etwas Richtiges dran. Denn Sonntagskinder, das sind Leute, die Gott danken können, wenn er sie grüßt. Leute, die jeden Sonnenstrahl nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem Herzen in sich hineintrinken. Leute, die nicht bloß in der Sonne gehen, sondern anderen den Weg in die Sonne hinein weisen. Leute, die darum in sich einen wahren Vorrat von Sonnen⸗ licht aufspeichern und am trüben Tag davon leben können, was sie am lichten Tag in sich hineingesammelt haben. Leute, denen die Sonne wirklich eine Gottesgabe ist, von der sie innerlich zehren. Leute, aus deren
Innerem immer etwas wie Sonne heraus⸗ grüßt, weil sie die Welt gar nicht anders anschauen können wie mit Sonnenaugen.
Möchtet ihr nicht solche Sonnenkinder, Sonntagskinder werden?
Wer möchte das nicht!
Aber dazu gehört eben etwas Besonderes. Dazu gehört, daß über eurem Leben die rechte Sonne aufgeht. Eine Sonne, die eine noch viel größere Zauberkünstlerin ist als die Sonne am Himmel da draußen. Eine Sonne, die noch eine viel wunderbarere Verwandlung zustande bringt als die Erden⸗ sonne. Eine Sonne, die ein Menschenherz umwandeln kann. Das ist doch das größte. Kunststück, das es gibt: das Umwandeln eines Menschenherzens. So groß ist das, daß es viele Leute unter uns gibt, die be⸗ haupten, dies Kunststück sei eine Unmöglich⸗ keit. Eher könnte man einen Mohren weiß waschen, als ein Menschenherz umwandeln. Eher noch aus einem Tiger ein Lamm machen! Und doch hat einer, den ihr wohl alle kennt, an sich selber diese Wunder erlebt, daß er ein völlig anderer geworden ist. Das war der Mann, der gesagt hat:„Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, es ist alles neu geworden!“ Und der Mann war ein so durch und durch Wahchaftiger, daß er sich weder etwas einbildete, noch anderen Leuten etwas vorgemacht hat. Er ist einfach unter die wahre Sonne hinunter⸗ gegangen und hat es erlebt, wie die einen Menschen verwandelt. Vom Grund aus, so daß kein Haar vom alten Menschen mehr bleibt! 8 1
Es ist etwas Aehnliches, wie ich es jüngst mit einem Schwerkranken erlebt habe, den man in die glückselige Schweiz getan hat, daß er dort gesunde. Als er zurückkam, blühend, mit roten Wangen und brauner Haut und lockigem Haar und aufrecht straffem Gang, da haben wir ihn gegrüßt: Man kennt dich ja gar nicht mehr! Und er gab zur Antwort:„Bei mir ist kein einzig Blutströpflein mehr vom alten Blut. Alles neu, alles neu! Das tat die Sonne.“
Ihr kennt sie, diese Sonne. Sie heißt Christus. Nicht wahr, diese Sonne ist die Wunderkünstlerin, die ein Menschenherz um— wandeln kann?
Man muß heraus aus der alten Haut— um zu leben, wirklich zu leben. Leben mit dem Himmel im Herzen und mit Gottes- kraft in den Adern.


