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ich mir vergegenwärtigte, mit welchen Ge⸗ fühlen wir um Ostern 1868 die Franzeschul auf Nimmerwiedersehen verließen. Unser ganzes Blut war uns ob der Schlußprüfung in den Kopf gestiegen, und wir atmeten auf, als wir auf die Straße kamen. Eitel Freude auf allen Gesichtern. Mochte es auch in der Franzeschul noch so hübsch und manchem bei den warmherzigen Abschiedsworten unseres Lehrers und bei seiner kurzen Schil derung unseres vierjährigen Zusammenseins eigen ums Herz gewesen sein, uns gings mit der Schule, wie dem Studenten mit dem Karzer, wir waren alle froh, daß wir das fidele Gefängnis hinter uns hatten. Von zehnjährigen Jungen kann man eben nicht viel Einsicht verlangen, diese stellt sich meist viel später ein und mit ihr auch das Be⸗ dauern darüber, daß man eine so lange Zeit gebraucht hat, um sich der unvergleich lich schönen, harmlosen und glücklichen Tage in der Elementarschule und des Lehrers in gebührender Anerkennung und Dankbarkeit zu erinnern.

Also, wir waren frei und machten kein Hehl aus unserer Freude. Die Ruhigen von uns begnügten sich damit, vergnügte Ge sichter zu machen, die übrigen lärmten, schwadronierten und wirbelten den Schul- ranzen am Tragriemen um den Kopf herum. Man war ja nun kein Vorschüler mehr, die Ferien begannen, und das höhere, für uns vorerst verschleierte Etwas, die Realschule, kam erst in sechs Wochen an die Reihe; es war, soweit man auch in die Zukunft schaute, mit dem besten Willen nichts zu er⸗ blicken, über welches man sich hätte Sorgen machen können.

Zu Hause waren die Angehörigen natür⸗ lich auch erfreut, schon dem Jungen zulieb. Ein Anlaß, den Schulabgang wie eine Hel⸗ dentat zu feiern, lag kaum vor. Die Zurücklegung der ersten Bildungsetappe des Söhuchens war hier, wie überall, ein sich fast automatisch abwickelnder Vorgang, bei welchem sich keiner, vulgär ausgedrückt, ein Bein ausriß. Dazu lag auch um so weniger Anlaß vor, als die in den höheren Lehr⸗ anstalten Fleiß und Mühe in Anspruch nehmenden Aufgaben, dann aber auch das drohende Gespenst des Sitzenbleibens in den Elementarschulen wegfielen. Das einzige, bei jeweiliger geistiger Unterproduktion des Schülers angewandte Auffrischungsmittel bildete das spanische Rohr, dessen Wirkung aber meist nur eine vorübergehende war und bei manchen sogar eine gewisse Er⸗ leichterung im Gefolge hatte, nämlich das befriedigende Bewußtsein, die Krisis hinter sich zu haben.

Die Schlußprüfung hatte so lange ge⸗ dauert, daß das Mittagessen verspätet statt⸗ fand. Dabei wurde die Frage ventiliert, was ich denn einmal eigentlich werden wolle. Von dem mir früher als Inbegriff alles Schönen und Erstrebenswerten erscheinen⸗

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den Beruf eines Briefträgers, 5 oder Seiltänzers war ich als Absolvent der Vorschule abgekommen. Ich wollte höher hinaus, obgleich ein Seiltänzer ja auch eine sehr hohe Stellung einnimmt. Mein Ideal lag auf anderem Gebiet; Bei dem Soldatenspielen war ich der einzige Pfeifer, der auf der Querpfeife regelrecht spielen konnte, die übrigenSpielleute, manchmal auch die ganze Kompagnie, pfiff mit dem Mund, und selbst derHerr Hauptmann legte vor der Stadt seinen Stolz ab und geruhte höchstselbst mitzuflöten, wodurch der ganzen Pfeiferei erst die richtige Weihe ver⸗ liehen wurde. Daß ich schon als kleiner Junge das Piccolo spielen konnte, kam daher, daß mein Vater von anno 48 her eine dieser kleinen Flöten besaß, welche ich mich mach und nach selbst spielen lehrte. Aber diese Kunst war mir in meiner militä⸗ rischen Karriere hinderlich, denn bei der

nant aufrücken müssen, wenn sie mich, als den alleinigen Vertreter desFederviehes wie die Soldaten die Spielleute nannten, hätten entbehren können. Ich hatte daher einige Male geprotzt und es dadurch schließ⸗ lich durchgesetzt, daß ich wenigstens nominell Leutnant wurde; denn es blieb im übrigen alles beim alten, bis auf meine Einbildung, die einen mächtigen Ruck nach oben erhielt. Der Ehrgeiz ist eine mächtige Triebfeder, dessen Wirkung ich noch gar manchmal bei mir, aber noch vielmehr bei andern, wahr⸗ genommen habe. Hierin lag die Veran⸗ lassung, daß ich meinen Eltern erklärte, ich wolle dereinst Offizier werden.Du meine Güte! rief meine Mutter und schlug die Hände über dem Kopf zusammen,das geb' ich nie und nimmer zu!Glaubst du denn, wir zögen unsern einzigen Jungen groß, nur um en hernach totschieße zu lasse! Gott bewahre! Mein Vater lächelte, strich mir mit der Hand über den Kopf und sagte:Hast recht, mer muß immer nach owe strewe und nicht nach unne.Und du, beruhigt er die Mutter,reg! dich nett auf; bis es emal so weit is', daß en Beruf ergriffe wer'n muß, läuft noch viel Wasser de Lahn ennunner!

(Fortsetzung folgt.)

Die Einnahme von Brest⸗Litowsk.

a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.)

1. Aug ust 15.(Aus einem Briefe an meine Frau.)Welch ein Jahr liegt hinter uns. Heute vor einem Jahre fiel die fol⸗ genschwere Entscheidung, erfolgte die Kriegs⸗ erklärung. Wie genau entsinne ich mich der Vorgänge an diesem n ich kann mir gar nicht vorstellen, daß schon ein Jahr seitdem verflossen ist. Gut, daß wir

Kreuzer Truppe hätte ich längst zum Leut⸗

Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res.

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