Ausgabe 
25.6.1922
 
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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, 2. S. n. Trinitatis, den 25. Juni 1922

II. Jahrg.

Das Gewitter.

Psalm 29, 3 u. 7. Die Stimme des Herrn gehet über den Wassern, der Gott der Ehren donnert, der Herr über großen Wassern. Die Stimme des Herrn sprühet Feuerflammen.

Es ist noch nicht lange her, da haben sich die Menschen vor dem Gewitter sehr ge fürchtet. Tas Zucken des Blitzes und das Rollen des Donners jagte ihnen großen Schrecken ein. In alten Gesangbüchern fehlen nicht die Lieder, die man bei einem Gewitter natürlich nicht singen, wohl aber beten sollte und die das Entsetzen, das ein Gewitter erregt, als besonders groß hin⸗ stellen. Heute ist dieses Entsetzen lange nicht mehr so groß, die Furcht vor dem Blitz⸗ schlag ist bedeutend zurückgegangen. Wir wissen, daß im Verkehr auf der Eisenbahn oder auf der Straßenbahn weit mehr Un⸗ fälle vorkommen als durch die Naturgewalt beim Gewitter, und dem Menschen von heute ist auch dieses eine Offenbarung des allwaltenden Gottes. Der 29. Psalm, der eine sehr eindrucksvolle Schilderung eines Gewitters am Libanon enthält, ist keiner von den besonders bekannten Psalmen, aber er verdient, daß der Bibelleser ihn auf sich wirken läßt. Hinreißend wird hier dar⸗ gestellt, wie ein Gewitter sich auswirkt. Dem Ausbruch des Wetters geht der Sturm⸗ wind voraus, der durch die Wüste fegt, im Gebirge die Zedern zerbricht, das Wild aufjagt und das Laub von den Bäumen reißt. Dann sprühen am Himmel die Feuer⸗ flammen auf, und der Tonner rollt über die Erde. Dem Donnerrollen folgt der Regen, der in dichten Strömen auf das Land niederfällt. Nirgendswo in diesem Gottesliede ist etwas davon gesagt, daß ein Gewitter großen Schrecken hervorruft, nein, der 29. Psalm ist ein Lob⸗ und Dank⸗ psalm, der in dem machtvollen Naturschau⸗ spiel die Größe und Herrlichkeit Gottes erblickt. i

In diesem Sommer schickt Gott Sonnen⸗ schein und Regen immer zur rechten Zeit, und allem Anschein nach steht uns eine gute Ernte bevor. Die Gewitter, die seither über unser Land niedergingen, haben alle⸗ male ergiebigen Regen und eine reine Luft 1 Darum wollen wir in das Lob

Sängers aus alter Zeit einstimmen

und uns das Wort zu eigen machen: Die

Stimme des Herrn sprühet Feuerflammen. Der Gott der Ehren donnert, der Herr über großen Wassern. H. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor 50 Fah ven Von Louis Frech.

Vorbemerkung des Heraus⸗

gebers.

Die im vorigen Jahrgang unseres Gemeindeblattes erschienene Schilderung un⸗ seres geschätzten MitarbeitersDer Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt hat bei unseren Lesern großen Anklang gefunden, und allseitig wurde der Wunsch ausge⸗ sprochen, daß diese Schilderung fortgeführt werde. Hierzu hat sich Herr Louis Frech nun auch bereit gefunden, er wird in den nächsten Nummern seine Erlebnisse in der Gießener Realschule, in die er Ostern 1868 eingetreten ist, schildern. Tatsachen und Personen werden hier vor uns aufsteigen, die in der Erinnerung vieler der älteren Gießener fest verankert find. Gießen war um das Jahr 1870 noch eine rechte Klein⸗ stadt, dieKreuzer Buben das sind die, die auf dem Kreuzplatz und in dessen Nach⸗ barschaft wohnten konnten sich noch ungehindert bei ihrem Spiel bewegen, die Stadt trug noch einen patriarchalischen Zug. Sehr dankenswert ist es, daß das Bild des Lebens in unserer Stadt vor einem halben Jahrhundert durch diese Schil⸗ derung festgehalten und so den Nachkommen gezeigt wird, wie die Zeit war, da ihre Großeltern Kinder waren.

*

Vor vielen Jahren begegnete mir eines Tages ein mit mir befreundeter Student, der wegen nächtlicher Allotria zu einigen Wochen Karzer verurteilt worden war. Na, begrüßte ich ihn,aus Urlaub zu⸗ rück?Wie du mich hier siehst, direkt aus dem Kittchen, antwortete er.War eine langstielige Geschichte? fragte ich in be⸗ dauerndem Tone.Im Gegenteil; zeit⸗

weilig ganz hübsch, hier und da auch mal

etwas langweilig, im allgemeinen ein fideles Gefängnis. Aber froh bin ich doch, daß ich wieder heraus bin. Hieran dachte ich, als