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Heute noch findet man in den Stamm⸗ büchern der Kinder merkwürdige Zeilen- stellungen, durch die irgendein Gedanke zum Ausdruck gebracht werden soll. Unser Stamm⸗ buch zeigt eine Inschrift, be der die Zeilen zunächst von unten nach oben und dann von oben nach unten gehen, sie besagen:
„Wie hier diese Zeilen stehen, so pflegt es in der Welt zu gehen. Dies ist zum Denkmal geschrieben von deinem Bruder E. T. M. Liebknecht aus dem Hessendarm⸗ städtischen. Obernburg d. Zten Ster.“ Ein späterer Zusatz besagt:„Wurde Cadet bey den Keyserlichen Coburger Dragoner Re⸗ giment.“
Aus dem gleichen Jahre stammt der Ein⸗ trag:
„Die Welt ist wie ein Opernhaus,
Man kommt, man schaut, man geht hinaus. Bei diesen Zeilen erinnern Sie sich zu Zeiten an Ihre ergebene Freundin und Baase Carolina Verdrießin aus Battenberg. Rabenau, den 28ten Dezember 1781.“ Da es keinen Ort gibt, der Rabenau heißt, sondern nur eine Landschaft dieses Namens, so ist wohl Londorf als der Wohnsitz der Familie des Amtmanns Verdrieß anzunehmen.
Die„Baase“ Hedwig Verdrieß aus Batten⸗ berg schreibt:„Fällt der Himmel ein, er kann den Weisen decken, aber nicht erschrecken.“
Die„M. E. Kempfin“ scheint pessimistisch gerichtet gewesen zu sein; denn von ihrer Hand rührt der Eintrag her:„Freunde in der Noth gehen hundert auf ein Loth.“
Etwas von den Ideen, die neun Jahre später von Frankreich hervordrangen, klingt wieder in dem Verse: b
„Nicht Erbrecht, nicht Geburt,
Das Herz macht gros und klein,
Ein Kayser könnte Sclav,
Ein Sclave Kayser seyn. Zum freundschaftlichen Andenken von G. Reuling d. Math. Befl. Gießen, den 18ten Febr. 1782.“ Von dem späteren Lebenslauf dieses jungen Mannes kündet der Zusatz: „Wurde Unteroffizier im englischen Dienste und ging mit nach Amerika.“.
Während alle diese Einträge augenschein⸗ lich aus der Studentenzeit des Georg Fried⸗ rich Liebknecht herrühren, gehört ein anderer einer viel späteren Zeit an. Er lautet:
„Wenn Teufel beten, Engel fluchen,
Wenn Katz und Mäuse sich besuchen,
Dann hör ich auf, Ihr Freund zu sein. Erinnern Sie sich hierbey an denjenigen, der gerne länger in Ihrer Nähe gewesen wäre und der sich nennet Friedrich Köhler, Premier Leutnant bei der Landwehr pon Anhalt Bernburg. Bernburg, den 21. May 1814.7
Eine längst vergangene Welt steigt in diesem Stammbuche vor uns auf. Die Men⸗ schen, denen wir hier begegnen, waren ruhiger, zufriedener und weniger hastig als die Menschen der Gegenwart. Heute würde
man sich kaum noch die Zeit nehmen, dem Freunde oder der Freundin in das Stamm- buch zu schreiben. H. B.
Ein Bruchstück einer Selbstbiographie des Hofpredigers Ernst Zimmermann.
Mitgeteilt von Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn. (Schluß.)
Aber einer immer gleichen Spannung und eines beständigen Aufschwungs ist der mensch⸗ liche Geist, solange er an die Verhältnisse des Körpers gebunden ist, nicht fähig. Er bedarf auch Erholung und Erquickung; und wo anders könnte er diese finden als in der Vergangenheit. Wer die Kunst versteht, die Vergangenheit im Gedächtnisse festzuhalten oder leicht wieder aufzufrischen, verdoppelt sich gleichsam sein Leben; er kann in hohem Alter noch die schönen Tage seiner Jugend und seiner kraftvollen männlichen Wirksam⸗ keit geistig zum zweitenmal verleben.
Darum will ich denn von nun an, so oft sich mir eine freie Stunde und die nötige Laune dazu darbietet, Erinnerungen aus meinem Leben niederschreiben, natürlich so einfach und kunst⸗ los, als es mir die Empfindung meines Herzens eingibt. Denn nur für mich selbst schreibe ich, und jeder, welchem etwa nach meinem Tode diese Blätter in die Hände fallen dürften, wird sich überzeugen, daß sich dieselben durchaus nicht zum Drucke als Autobiographie eignen. Für das Inter⸗ esse des Publikums ist mein Leben äußerst einfach und arm an äußeren Ereignissen. Unzählige Einzelheiten, welche ich hier niederschreiben werde, haben bloß Wert für mich, zum Teil vielleicht für meine näch⸗ sten Angehörigen und Freunde, und es ge⸗ hört die ganze Eitelkeit eines Goethe dazu, mit dergleichen das größere Publikum zu belästigen oder, fast möchte ich sagen, zum besten zu haben. Sollte man es jedoch der Mühe wert achten, nach seinem Tode eine biographische Notiz über mich ins Publikum gelangen zu lassen, so könnte wohl aus diesen Blättern manches geschöpft werden. Für diesen Fall wünsche ich indessen: 1. daß bei Benutzung dieser Erinnerungen die größte Diskretion nicht gegen mich, sondern gegen andere Personen angewendet werde, über welche ich auch zwar mit möglichst liebevoller Schonung, aber doch nach der Wahrheit und meiner Ueberzeugung aus⸗ sprechen muß; 2. daß mein Freund Lucius, wenn mich derselbe überlebt, die Abfassung einer solchen biographischen Nachricht über⸗ nehme. Dr. Ernst Zimmermann.
Ich bin geboren am 18. September 187. in der obersten Etage des hiesigen Gym⸗ nasiums, wo damals die Wohnung des zeiti⸗ gen Subrektors war. Mein Vater, Johann Georg Zimmermann, seit Ende des Jahres
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