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noch Stammbücher, in die ihre Bekannten gefühlvolle Verse, oft in schön verzierter Schrift, eintrugen. Schulmädchen haben heute noch ihr Album, aber sobald sie die Schule verlassen haben, legen sie es zur Seite. In früheren Jahrhunderten hatte jeder akademisch Gebildete, vor allem jeder Student, sein Stammbuch. Diese Bücher sind heute noch vielfach erhalten und sind interessante Doku⸗ mente der Zeitgeschichte. ö

Im nachstehenden sollen einige Einträge mitgeteilt werden, die sich in dem Stamm⸗ buche des Studenten der Theologie Georg Friedrich Liebknecht aus Obernburg bei Thal⸗ itter finden. Dieser Student war ein Enkel⸗ sohn des Gießener Professors der Mathematik und Theologie Johann Georg Liebknecht, der 679 zu Wasungen geboren war und 1649 zu Gießen starb, der Vater des jungen Mannes war der Pfarrer Georg Friedrich Liebknecht zu Obernburg. Nur mit tiefer Wehmut veröffentliche ich hier Einträge aus diesem Buche, denn der, der das Buch zuletzt besessen hat, der es mir selbst seinerzeit über⸗ bracht und für längere Zeit zur Verfügung gestellt hat, der praktische Arzt Dr. Karl Richter, ist vor Jahresfrist in der Fülle männlicher Kraft und auf der Höhe eines gesegneten Wirkens einem Leiden erlegen, das die Folge einer im Felde erlittenen Verwundung war. Dr. Richter besaß das Buch von seinen Vorfahren her, die in irgend⸗ einer Weise mit der Familie Liebknecht, einer ehemaligen hessischen Beamtenfamilie, verwandt waren. Was aus Georg Friedrich Liebknecht später geworden ist, kann ich zu⸗ nächst nicht sagen, vermutlich ist er wie sein Vater Pfarrer einer hessischen Gemeinde ge⸗ worden. Das Buch enthält eine bemerkens⸗ werte kolorierte Zeichnung, die das Walltor darstellt, wie es war, bevor die Festungs⸗ werke der Stadt Gießen im Jahre 1806 niedergelegt worden sind. Hiernach müssen Wälle und Tore außerordentlich hoch ge⸗ wesen sein. Daher erklärt sich auch der im 18. Jahrhundert oft beklagte Umstand, daß die Gesundheitsverhältnisse in Gießen sehr schlecht waren; die frische Luft hatte keinen Zutritt in die engen, dumpfen Gassen. Das Bild zeigt Soldaten, die die im Frie⸗ dericianischen Zeitalter übliche Uniform tra⸗ gen und auf den Wällen Wache halten. Aus dem Walltore heraus reiten im gestreckten Galopp Studenten, die vermutlich ihren Gläubigern entrinnen wollen. Hinter dem Walle ragen nur der Stadtturm, die Burg⸗ kirche und die jetzige Zeughauskaserne hervor. Die Familie Liebknecht war mit der Fa⸗ milie Bichmann, gleichfalls einer hessischen Beamtenfamilie, 15 mit der Gießener Familie Kempf, verwandt. Darum finden wir im Anfang des Buches mehrfach Ein⸗ e von Gliedern dieser Familien. Wir esen:

Sei glücklich, bester Freund! Genieße stets die Freuden,

Die nur der Weise kennt

Und Thoren nur beneiden. Gießen, d. 12ten Septber. 1781. Zum be⸗ ständigen Andenken von Deinem Freund, Vetter und Brud ud Karl Ludwig Bichmann. Darunter steht die Bemerkung:Zog im Herbst 81 von hier ab. Der Ausdruck Bruder bezieht sich hier auf die Zugehörig⸗ keit zu der gleichen Studentenverbindung.

Auf der nächsten Seite findet sich:

Nur ein edles Herz macht groß. Battenfeld, den 15ten Ster(Oktober) 1781. Hiermit emfielt sich zum gütigen Andenken Ihre Freundin und Baase Hedwig Bich⸗ mann. Der ursprüngliche Besitzer des Buches hat darunter geschrieben:Ist todt.

L. P. Kempf, über den bemerkt wird wurde die Ostern 82 Candidat, schreibt: Tugend und Religion begleiten uns durch die Thäler des Todtes.

Nicht alle Einträge sind auf diesen ernsten Ton gestimmt. Das gilt von dem Worte:

Ein Böhm beweist mit vielen Gründen,

Es sey kein leerer Raum zu finden,

Doch sagt des Burschen Beutel ja,

Quod saepe dentur vacua.

(Daß es häufig leere Räume gibt.) Gießen den gten September 1781. Zum Denkmal der Freundschaft von L. von Milch⸗ ling zu Trays in Hessen.

Darunter lesen wir:Reiste den 28ten April 1782 von hier ab und wurde Lieute⸗ mant bey dem Markgraf von Baden⸗Durlach in Carlsruhe.Mit demBöhm ist hier der bekannte Philosoph und Schuhmacher zu Görlitz Jakob Böhme gemeint.. l

Luise Bichmann schreibt:Nur nicht die Redlichkeit sonst mag mir alles fehlen.

Ganz im Geiste der damaligen Zeit ist das Wort gehalten:Hülle dich in deine Tu⸗ gend, wenn es stürmt! Kleeberg, den Zten Februar 1782. Durch diese Zeilen empfiehlt sich zum geneigten Andenken Ihre aufrich⸗ tige Freundin B. W. C. Liebknecht.

a Jen Vers Höltys treffen wir, wenn wir een:

Wunderschön ist Gottes Erde

Und werth darauf beglückt zu sein!

Drum will ich, bis ich Erde werde, Mich dieser schönen Erde freuen. Weihen Sie zuweilen einige zärtliche Augen⸗ blicke Ihrem ergebensten Freund und Vetter

Carl Verdries.

Rabenau am 28ten Dez. 1781. b

Wehmütig berührt darunter die Notiz: Starb 1786 in seinen Jünglingsjah ren.

Seltsam mutet an: 8.

Gebrechlichkeit, dein Name ist Weib. Zum freundschaftlichen Andenken von Christ. Gerh. Taschs aus Gießen.

Gießen, im August 1782.

Die Mutter schreibt dem Sohne Steh als ein fester Thurm, der nie sein

Haupt bewegt, Wie sehr sich um ihn her der Winde Sturm

N erregt.