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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 52 Gießen, 4. Advent, den
24. Dezember 1922 Jahrg. II.
„Die Freud'.“
Von einem Landgeistlichen.
Evang. Luk. 2, 10 u. 11. Siehe, ich ver⸗ kündige euch große Freude, die allem Wolk widerfahren wird; denn euch ist ute der Heiland geboren.
Es ind schon viele Jahre her. Das Dorf lag im Schnee. Weiß die Dächer und Stra⸗ ßen und Felder, alles weiß bis zum Wald hin, und von dort glitzerten die Bäume her⸗ über, als ob sie von Silber wären. Der Himmel war so blau, wie sonst nur an schönen Sommerabenden; aber die Männer, die über die Straße eilten, hatten den Kra⸗ gen in die Höhe geschlagen und pusteten im Gehen auf die Finger, die Weiber hielten den Kopf gesenkt und wickelten die Hände in die Schürze. Es knirschte unter ihren Füßen, richtiges Weihnachtswetter. Noch zwei Tage, dann sollte das Christkindchen kommen. Aus den Häusern scholl hier oder dort von Kinder⸗ stimmen ein Weihnachtslied,„Stille Nacht, heilige Nacht“ oder„Christkindchen komm in unser Haus.“
Ich wollte aufs Filial gehen und bog um die Ecke, der Landstraße zu. Da„schleckerte“ der„Häuschen⸗Heinrich“ aus seiner Tür heraus, gerade auf mich los. Es war von seiner Treppe aus zu dem niedergetretenen Fahrweg mitten auf der Straße, auf dem ich ging, kein Pfad geschaufelt. Aber es störte den 80 jährigen nicht, daß er bis hoch über die Knöchel im Schnee stapfen mußte, es war etwas sehr Wichtiges und Eiliges, was er zu sagen hatte. Ich ging ihm auf halbem Wege entgegen.„Herr Pfarrer,“ sagte er, „das Lies is krank.“ Und dabei standen ihm die Tränen in den Augen. Bauern weinen nicht leicht. Und noch weniger lassen sie ihre Tränen sehen, es sei denn hinter dem Sarg her, wenn die Ortssitte es so verlangt. Ich wußte, daß des alten Heinrich Tränen echt waren. Aber er meinte, mit dem Handrücken über die Augen fahrend, sich entschuldigen zu müssen:„Wissen Sie, wenn man so lange miteinander lebt, dann gewöhnt man sich so aueinander!“„Ist es so schlimm?“ fragte ich. Ja, es war schlimm. Die Lies war ein Jahr älter als ihr Mann und nie krank gewesen. Das Lebenslicht war ausgebrannt bis auf ein Stümpfchen und würde bald ver⸗ löschen. Das wußte auch die Liese selber. „Ich hab mir immer gewünscht, auf Weih⸗ nachten zu sterben, unser Schorsch ist am ersten Weihnachtstag begraben worden; seit
der Zeit hab ich es immer gewünscht.“ Sie sagte es so leise, daß es der Heinrich nicht verstehen konnte trotz der hohlen Hand, die er ans Ohr hielt. Als ich es ihm sagte, nickte er ein paarmal:„Ja, das hat es immer gewünscht; es ist schon 35 Jahre her.“ Und da meinte er den Tod seines Sohnes. Das Lies aber hob die beiden Hände über die Decke und zeigte und sagte:„Sechs, Vatter, sechs!“„Ja,“ bestätigte er sinnend,„wahr⸗ haftig sechsunddreißig!“
Ich ging nicht über Land. Die Alte erzählte mancherlei in heiserem Flüsterton, ganz klar und voller Frieden, aber nach jedem zweiten Satz fielen ihr für ein paar Minuten die Augen zu. Wie ich ihr zum Fortgehen die Hand reichte, sagte sie:„Viel⸗ leicht hab ich die Freud'!“ Da meinte sie die Freude, Weihnachten zu sterben. Er hatte die Hand nicht am Ohr, als sie das sagte, aber er wußte, was sie gesagt hatte. Und so flüsterte er mir an der Tür noch zu:„Ach, und ich hab mir immer gewünscht, ihns nicht zu überleben,“ wieder meinte er seine Frau. Und wie ich ihm die Hand drückte, zum Zeichen, daß ich ihn verstanden hatte, da war es ihm, als hätte er mich wieder zu tief unter sein Wams schauen lassen, und er fügte hinzu:„Wissen Sie, wenn man keine Kinder hat!“
Am Bescherabend nach der„Lichterches⸗ kirch“ ging ich wieder hinauf in das alte Häuschen. Da war das Lies tot. In der Ecke am Fußende des Bettes stand ein kleines Tannenbäumchen, an dem die Lichter ab⸗ gebrannt waren. Der Heiner schien ganz ge⸗ faßt und getrost.„Ich hab ihr das Bäumchen angesteckt,“ erzählte er,„und da hat ihns immer drauf geschaut und hat die Händ' gefaltet gehatt— und is so eingeschlafen.“
Am andern Morgen vor dem Gottesdienst ging ich noch einmal nach dem Heiner sehen. Die Tür war nicht zu. Als ich in das Stübchen trat, lag er auf den Knien vor dem Bett, den Kopf in den gefalteten Händen auf dem Bettrand und war auch tot.„Herz⸗ schlag,“ sagte der Doktor. a
Am dritten Weihnachtstag habe ich die zwei Alten beerdigt. Ihr Leichentext war: „Siehe, ich oerkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren.“
Aus einem alten Gießener Stammbuch.
Stammbücher sind heute kaum noch in der Mode. Vor 40 Jahren besaßen auf, dem Lande junge Männer und junge Mädchen


