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Das Schneetreiben hielt noch immer an. Hoch in den Lüften heulte der Sturm, daß
aus dem Mauerwerk der Ruine einzelne
Steine losbröckelten und polternd zur Erde fielen. Christoph Rusch fand seine Kinder um die Pfanne mit den Kartoffelkrüstchen sitzend. Heißhungrig langten sie zu, die kleineren griffen mit den Fingern nach den Kartoffelstücken, und es wäre für den Vater nichts übrig geblieben, wenn Magdalena zuletzt ihren Geschwistern nicht Einhalt ge⸗ boten und sie dazu gedrängt hätte, daß sie in das Bett gingen. Als die Pfanne gereinigt, das bißchen Geschirr gespült und weggestellt war, ging auch das älteste Kind hinauf in, die Kammer zur Ruhe, nachdem es dem Vater gute Nacht gesagt hatte.
Christoph Rusch saß allein bei dem trü⸗ ben Schein des Lämpchens in der immer kälter werdenden Stube. Der Mann kam sich ganz und gar verlassen vor. Wie war vor zwei Jahren alles noch so gut gewesen! Da wurde in der ganzen Umgebung gebaut. Mußte er auch oft einen weiten Weg zu seiner Arbeitsstelle zurücklegen, er brachte doch allemale am Samstag Geld heim. Und seine Frau war so fleißig und tüchtig, sie hielt die Kinder in Ordnung und Sauberkeit, arbeitete im Taglohn bei den Bauern, graste für die zwei Ziegen, die im Ställchen neben dem Hause standen und hatte für den Mann immer ein gutes Wort. Nun lag sie seit zwei Monaten auf dem Kirchhofe, und der Schnee fiel auf ihr Grab. Was sollte der arme Witt⸗
mann jetzt anfangen? Er wäre gern nach
Amerika gegangen, aber wer gab ihm und seinen Kindern das Geld für die Ueber⸗ fahrt? Es blieb ihm wahrlich nichts übrig, als mit Kaspar Sand gemeinsame Sache zu machen. Christoph hatte wohl von seinem Vater oft das Wort gehört: Ehrlich währt am längsten, und der Lehrer Erbes hatte im Religionsunterricht gesagt: Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchem wird es zuletzt wohl gehen, aber wer kann ehrlich bleiben, wenn die Kinder hungern und die Not zu allen Ritzen hereinschaut? a In seiner Bedrängnis nahm Christoph
das Gesangbuch zur Hand, das seine selige Frau bei ihrer Konfirmation erhalten hatte, er wollte ihr Lieblingslied lesen. Nicht lange brauchte er zu suchen, da hatte er es unter Nummer 373 gefunden, das Lied: Befiehl du deine Wege. Langsam und bedächtig, jede Zeile überlegend, las der einsame, beküm⸗ merte Mann, während der Sturm an das Häuschen stieß und es umzureißen drohte. Gerade war er an die Stelle gekommen:
Er wird dir Hilfe senden,
Wenn du's am mind'sten gläubst,
Und all dein Unglück wenden,
Wenn du nur kreu verbleibst,“)
In dieser Fassung finder dich das Lied im alten hessischen Gesangbuche.
da klopfte jemand wit einem festen Gegen⸗ staude gegen die Fensterscheibe.
Nun wird der geneigte Leser gewiß an eine jener Wundergeschichten denken, wie sie mitunter in erbaulichen Büchern erzählt werden. Sine dieser Geschichten berichtet, wie ein armor Mann in Polen, der sich mit seiner 1 in großer Not befindet, das schöne Lied Paul Gerhardts liest. Da pocht es leise gegen das Fenster, und wie er nach⸗ sieht, sitzt ein Rabe davor und hat einen goldenen Ring im Schuabel. Nein, es war kein Rabe, den C ristoph Rusch fand, als er das Fenster geöffnet hatte, auf der Straße stand vielmehr ein ir einen blauen Mantel gehüllter Mann, der eine Brille trug und eine Pelzmütze auf dem Kopfe hatte. Es war der Dr. Schmidt aus Wöllstein.
„Christoph, auf!“ sagte er,„du mußt mit mir nach, Wöllstein gehen. Ich hab unten beim Friedrich Schlamp meinen Gaul stehen, der fürchtet sich und scheut bei dem furchtbaren Wind, und ich sehe gar nichts, weil mir der Schnee fortwährend gegen die Brillengläser fährt. Wenn ich allein nach Hause gehe, so gerate ich in Gefahr, in die Appel zu fallen, und ich muß rasch nach Hause, da ich einer schwerkranken Frau ver⸗ sprochen habe, sie heute abend noch einmal zu besuchen.
Der Dr. Schmidt war in dem arm⸗ seligen Häuschen hoch oben auf dem Berge wohlbekannt, er hatte der Familie, als die Mutter krank war, beigestanden. Ihr Leben zu retten, lag nicht in seiner Macht, aber er war, obwohl er von Christoph nicht einen Kreuzer erhalten konnte, einen Tag um den anderen gekommen, hatte ange⸗ wendet, was nur möglich war, hatte dem verzagenden Mann zugeredet, auch manch⸗ mal unter dem Mantel etwas für die Kinder mitgebracht. 5 5
Christoph Rusch zögerte nicht einen Augen⸗ blick, der Aufforderung nachzukommen. Er zog ein dickes Wams über, wickelte sich ein Tuch um den Hals, setzte die Schirm⸗ mütze tief in das Gesicht und ergriff seinen Knotenstock. Dann sagte er Magdalena, die er wecken mußte, Bescheid und verließ seine Behausung. 5 1 5
Nebeneinander gingen die beiden Männer die steile Gasse hinunter, bis über die Knöchel sanken sie in den Schnee ein. Der Arzt, der in hohem Maße kurzsichtig war und sich bei dem Schneetreiben nicht auf seine Brille verlassen konnte, mußte sich manchmal an seinen Begleiter halten um nicht zu straucheln. Unten im Dorfe beim Gastwirt Friedrich Schlamp zog Christoph das Pferd aus dem Stalle, legte ihm eine Decke um, ergriff es am Zügel. Dr. Schmidt folgte ihm nach. 5
Solange die beiden mit dem Pferde noch im Dorfe waren, dich es leidlich; denn die Gebäude gewährten Schutz gegen den Wind, und der Lichtschein fiel aus den Fenstern


