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8 1 Sonntagsgruß 9

Gemeindeblatt für die evan gelische Kirchengemeinde Gießen

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Nr. 39 Sießen, I5. S. n. Trinitatis,

den 24. September 1922 Jahrg. II.

Die Bibel und die Menschen unserer Seit.

Röm. 15, 4. Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.

Der Jubiläumstag der Bibelübersetzung Luthers hat uns darauf aufmerksam ge⸗ macht, was die Heilige Schrift seit vier Jahrhunderten für unser Volk bedeutet. Bei einer rein geschichtlichen Betrachtung dürfen wir indessen hier nicht stehen bleiben, die Bibel ist ein Gegenwartsbuch, und an jeden Christen ergeht die Frage: Wie stehst du zur Bibel? Unstreitig ist das Buch der Bücher früher viel mehr gelesen worden als heutzutage. In der alten Zeit hat man in Millionen von Familien nur drei Druck⸗ werke besessen, den Kalender, das Gesang⸗ buch und die Bibel. Das mag ein Mangel an geistiger Kultur gewesen sein, dieser Mangel hatte aber die erfreuliche Folge, daß die Bibel sehr eifrig gelesen wurde. An Sonntagnachmittagen saßen ernste Männer und Frauen mit gefalteten Hän⸗ den vor diesem Buche und ließen seinen göttlichen Inhalt in ihre Herzen eindringen. Die Familienbibel wurde von ihnen in Ehren gehalten, die leeren Blätter am Eingang und am Schluß benützte man zu chronik⸗ artigen Einträgen über Vorgänge in der Familie. Als man in der Schule noch keine Lesebücher hatte, war die Bibel das Schul⸗ lesebuch. So kam es, daß die Alten im Worte Gottes lebten und durch es stark wurden, in den Wechselfällen des Lebens auszuhalten.

In der schweren Zeit, die über uns ge⸗ kommen ist, kann uns von allen Büchern, die jemals gedruckt worden sind, nur die Bibel Kraft und Trost geben. Mancher wird jetzt an sich das Wort des Pfalmisten er⸗ fahren: Wo dein Gesetz nicht mein Trost ge⸗ wesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elende. Die Bibel ist nicht nur ein Buch des Trostes, sie ist nicht nurBalsam fürs zerrissene Herz, sie macht auch die Seele unruhig, indem sie dem Menschen seine Sünde vorhält. Aber sie weist auch auf den hin, der die Vergebung der Sünden erwirkt hat, auf den Heiland. So gibt sie uns alles, wonach unser Herz verlangt.

H. B

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren.

Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

In der Schule wurde am andern Tage derBesuch gehörig ausgeschlachtet. Es war doch nicht jeder so glatt durchgekom⸗ men, wie es am Abend zuvor schien; einige hatten die Rutschpartie in einer Weise zurück⸗ gelegt, daß sie es bedauerten, es versäumt zu haben, sich nicht ein Eisenblech auf ihrer Kehrseite anbringen zu lassen; denn dann wäre der Abrutsch über die Stufen zweifel⸗ los glatter und schmerzloser, wenngleich auch etwas geräuschvoller vonstatten gegangen. Ein anderer sagte, seine Mutter wolle heute in Bergs gehen und nachsehen, ob die Hälfte seines Hosenbeins noch irgendwo an der Treppe hinge. Karl Balser, welcher bei dem Spuk seine Hauspantoffel trug, hatte einen davon verloren, sich aber denselben heute früh vor Beginn der Schule wiedergeholt. Einer namens Wagner kam mit einem Pflaster am Hinterkopf, angerückt. Er be⸗ hauptete, es habe ihm einer bei der Nieder⸗ fahrt mit dem Stiefelabsatz ins Genick ge⸗ treten. An Beulen und Schundflecken war

kein Mangel, aber etwas hatte jeder, und.

das waren braune, klebrige Sirupflecken. Ein mit mir gleichaltriger Junge, Namens Wagner, hatte den Aufstieg mit einem mäch⸗ tigen Stück Truddelbrot angetreten und dieses bei der Talfahrt mit Todesverach⸗ tung festgehalten. Da er bald oben, bald unten und in all den Stellungen in der Menschenlawine genug mit sich selbst zu tun hatte, so konnte er nicht verhindern, daß sein Imbiß unfreiwillige. Bekanntschaft mit den Kleidern der jeweiligen Rutsch⸗ nachbarn machte.

Schröbel sahen wir in der großen Vor⸗ mittagspause abseits im Hofe bei einigen seiner Klassengefährten stehen und eifrig auf dieselben einreden. Ob er ihnen die Geschichte gerade erzählte? Diese war ihm zweifellos sehr unangenehm, während sie uns unbän⸗ digen Spaß gemacht hatte. Allseitig wurde eine Wiederholung gewünscht, die denn auch, wie ich später hörte ich selbst war nicht dabei mehrmals stattfand. Die Buben suchten sich ein möglichst hohes Haus, welches bis über das Dach bewohnt war, aus,