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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 17
Gießen, Quasimodogeniti, den 23. April 1922
II. Jahrg.
Festhalten! (Zur Konfirmation 1922.) Von D. Karl Hesselbacher.
Ueber dem Dasein der Knaben, die in diesen Frühlingstagen am Altare knien, steht schon jetzt das Wort: harte Arbeit im Frondienst. Und über der Jugend unserer Mädchen steht das schwere Wort: Verzicht auf viele Freuden, die einst eure Mütter ihr eigen nennen durften. Sie gehen hinein, die Kinder unseres Volkes, in die Armut, die größer ist, als sie je war in den leidvollen
Geschicken unserer vielgeknechteten und viel
geplagten deutschen Heimat.
Die Jugend unseres Volkes wird auf⸗ wachsen im Schatten. Sie wird darum nicht blühen wie die Rosen am Zweig, sondern sie wird ihre Wurzeln in die Tiefe graben müssen, damit sie nicht vergehe an Mangel des Lebenssaftes. Und sie soll das wissen. Wir wollen ihr nichts versprechen, das doch nicht gehalten wird. Wir wollen ihr nicht ein Liedlein singen von Jugendschönheit und Jugendfreude und Jugendheiterkeit. Wir wollen sie nicht betrügen. Wir wollen ihr klar und ungeschminkt die Wahrheit sagen. Und die Wahrheit heißt:„Deutsche Jugend, ihr mußt Stahl sein— oder ihr seid nicht! Deutsche Jugend, ihr müßt hart sein, sonst ist euer Werk wertlos! Deutsche Jugend, ihr müßt den Mut haben, nichts zu besitzen als ein treues Herz und einen kraftvollen Willen und eine kühne Hoffnung und einen unzerbrechlichen Geist der Zähig⸗
keit und Unerschrockenheit— sonst zerbricht das deutsche Land unter euren Händen. Deutsche Jugend, ihr müßt den Weg gehen. auf schutzloser Straße, in Wetter und Sturm, — nur dann werdet ihr, was ihr werden sollt: die Männer und die Frauen, die das neue Land bauen, nachdem das alte in Trümmer gefallen ist!“ Das wollen wir ihnen sagen, auch an ihrem Freuden- und Ehrentag. Ja, gerade an diesem Tag. Denn ihre Augen sollen sich weiten in dem Blick auf das Große, das wir von ihnen erwarten und das ihnen auf die Schultern und auf die Gewissen gelegt ist. Sie sollen es wissen mehr als je eine deutsche Jugend es hat wissen müssen— daß sie nicht da sind zur Freude, sondern zum Werk und zum Kampf. „Ist es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen“— das soll das Lied unseres Lebens werden.
Ihr seid nicht zur Freude da. Aber zu etwas viel Größerem und Edlerem: zur Freudigkeit! Nur aus einer freudigen Jung⸗ mannschaft heraus wird etwas Ganzes und Starkes geschaffen. Nur freudige Frauen können einmal ihren Kindern das Himmel⸗ reich weisen, in dem sie Licht und Klarheit finden. Nur freudige Menschen erlahmen nicht, während sie bauen und die brand⸗ geschwärzten Trümmer ihnen erzählen von dem, was gewesen ist und für lange Jahr⸗ zehnte dahin ist. Ihr müßt freudige Men⸗ schen werden, die in die Zukunft hinein⸗ greifen mit starken Händen und wissen: Und wenn die Welt voll Teufel wär, es soll uns doch gelingen! Kinder, die Freudigkeit muß euer Atem und euer Herzschlag sein— dann werdet ihr, was ihr werden sollt.
Glaubt ihr nicht, daß es etwas Wunder⸗ bares ist, zu wissen: Ich bin für einen Königsthron da? Wer das weiß, der läßt sich nicht mit dem Gesindel ein, das neben ihm herläuft. Und der steckt seine Hände nicht in den Schmutz. Und der läßt sich nicht biegen und brechen von der Gewalttätigkeit. Der bleibt stolz und ungebrochen. Der geht vorwärts, und ginge es durch Dornen und über Felsen weg. Der läßt sich nicht halten auf dem Weg, und ob tausend Hände sich in sein Gewand krallen.„Mir ist nur das Höchste gut genug— laßt mich zufrieden mit euren Scherben.
Und wenn sie euch sagen:„Warum willst. du dich so plagen Tag um Tag? Komm, wirf dein Gewissen weg. Es hindert dich nur daran, reich zu werden wie die deren!“ dann gebt ihnen stolz zur Antwort: „Um ein paar Goldstücke willen ist mir meine Königskrone nicht feil. Die Goldstücke fliegen davon, wie sie hergeflogen sind. Und ich habe meine Herrlichkeiten verloren für eine Handvoll Staub!“ Und wenn sie euch sagen:„Warum willst du dein junges Leben. nicht genießen wie die Anderen? Sei kein Kopfhänger und springe mit, wo alles springt!“ dann gebt ihnen das Wort zurück: „Es sind viele gesprungen und haben ihre schöne Jugend in den Abgrund getrieben und sind ertrunken in den finsteren Fluten des Stromes, der durch diesen Abgrund schäumt. Ich will meine Krone nicht geben um einen Morgen des Lachens, auf den ein Abend des bitteren Weinens folgt!“ Und wenn sie euch sagen:„Was Königskrone? Niemand weiß etwas von dem Thron, auf den ihr wartet, keiner hat ihn gesehen.
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