Ausgabe 
20.8.1922
 
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schenken. Einen großen Vorteil hatte der weder durch Passanten noch durch Fuhrwerke gestörte Weg über die Neue Anlage für uns, nämlich den, daß wir auf demselben an kriti⸗ schen Tagen, d. h. an solchen, an welchen es wahrscheinlich war, daß man in der Schule dran kam die Lektion gemeinsam durch⸗ hechelte. Es blieb dabei bei dem, der zu Hause nichts geschafft hatte, wenigstens soviel hängen, daß der Lehrer sich der Ein⸗ sicht, der Junge habe sich, wenn auch ungenügend, vorbereitet, nicht verschließen konnte.

Meine erste engere Freundschaft schloß ich mit zwei Buben, Otto und Julius Sch., Vettern, die in derScheppeck, das ist das Sackgäßchen auf der Westanlage, nicht weit vom Selterstor, in einem frei im Garten stehenden Haus wohnten. Der ältere war eine Waise und wurde von Verwandten, die wie Eltern für ihn sorgten, mit deren Söhnchen erzogen. Letzteres ging damals noch nicht in die Schule, während sein Vetter das Gymnasium besuchte und eine Anzahl Schulkameraden zu Freunden hatte, die ihn öfters besuchten und die ich dadurch auch kennen lernte. Wir vergnügten uns im Som⸗ mer täglich in dem großen Garten, welcher mit seinem hinteren Ende bis an die Wieseck reichte, mit allem möglichen Zeitvertreib.

Wir brachten uns eine Schaukel zwischen zwei Bäumen an und bauten uns eine Gartenhütte, bei deren Errichtung soviel Köche mithalfen, daß es mich heute noch wundert, daß der Brei nicht verdorben wor- den ist. Aber es ging ganz gut, wenn auch trotz der vielen Hilfe etwas langsam. Wir hatten nur eine einzige Leiter, und da war es an der Tagesordnung, daß stets einige oben auf den Stangen hingen und nicht herunter konnten, weil die Leiter auf der andern Seite verwendet wurde. Als die Hütte fertig wahr, fehlten nur noch die Bänke ringsum; da es aber an Brettern gebrach und der bei den Gießener Buben schon im zarten Alter beginnende chronische Mangel an Kleingeld auch noch im 11. Jahre kein Zeichen von Besserung aufwies, so war guter Rat teuer. Aber unser Freund Friedrich W. wußte Bescheid. Er entfernte im Interesse der guten Sache aus dem Bett der häuslichen Hilfskraft seiner Eltern die Bretter, auf welchen der Strohsack ruhte und half dem dadurch entstehenden Mangel durch Ein⸗ chlagen von Nägeln und Spannen von Bindfaden ab, auf die nun der Strohsack zu liegen kam. Unter allgemeiner Anerken⸗ nung der Findigkeit des Spenders wurden die Bretter in Empfang genommen und auf die in den Boden geschlagenen Holzstöcke aufgenagelt. Aber das Dienstmädchen ent⸗ deckte infolge der Berg- und Talform seines Ruhelagers rasch die hinter seinem Rücken vorgenommene Wandlung. Als Friedrich W. eines Tages fröhlich, wie immer, und nichts ahnend aus dem Gymnasium nach Hause

kam, wartete sein Vater mit einer Tracht Prügel nur solange, bis sein Sprößling den Ranzen abgelegt hatte, um ihm an dessen Stelle die Quittung über das meuchlings entfernte Strohsackfundament aufzuhängen. Außerdem erging der strenge Befehl, dieses sofort wieder herbeizuschaffen. Die unter Wehklagen noch selbigen Abend an die dicht⸗ gedrängt auf den Bänken hockende Buben⸗ schar gerichtete Bitte, die sechs Bretter wieder zurückbringen zu dürfen, wurde mit sehr gemischten Gefühlen entgegengenommen und schließlich mit dem BescheidSchaff erscht annere ebei abgetan. Das war nun leider nicht möglich, und so blieb unserem Fried⸗ rich nichts anderes übrig, als die gestif⸗ teten Sitzgelegenheiten heimlich wieder zurückzuholen. Der status quo ante in der Dachstube war bald wiederhergestellt, aber Friedrich W. wurde ob seiner Hinterlistigkeit von seinen Kameraden in denJamb ge⸗ steckt, was soviel wie Verruf bedeutete. Da aber unser Freund unter diesem augen⸗ scheinlich sehr litt, nahmen wir ihn schon. nach einigen Tagen wieder in Gnaden auf, zumal er uns einen Vorschlag unterbreitete, der schon wegen der nun doch etwas dring⸗ lich gewordenen Bretterbeschaffung nicht von der Hand zu weisen war..

(Fortsetzung folgt.)

Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.

(Fortsetzung.) In gleicher Höhe mit uns, auf der linken

Seite der Straße, stieg eine Staub⸗ und

Rauchwolke auf. Schon erfolgte etwas weiter zurück eine zweite Entladung. Da erscholl der Ruf:Ein feindlicher Flieger! Wirklich flog ein solcher gerade über der Straße von Osten nach Westen und warf mit Behagen und großer Geschicklichkeit noch weitere Bom⸗ ben ab. In der Marschkolonne entstand na⸗ türlich große Aufregung. Ich zog sofort ein Geschütz und den Wagen mit dem einen Flugzeugabwehrgestell seitlich der Straße heraus, ließ es aufbauen, und das ging so rasch, daß ich den Flieger noch beschießen und von der Straße vertreiben konnte. Nach einer halben Stunde sah ich ihn seitlich von uns in respektvoller Entfernung nach der russi⸗ schen Linie zurückfliegen. Durch die erste Bombe wurden 3 Mann und 2 Pferde des in gleicher Höhe mit mir marschierenden Munitionswagens verwundet, zum Glück nur leicht. Ein Zugstrang wurde durch ein Sprengstück glatt durchschnitten. Ich hatte auf der linkne Seite der Straße auf die Batterie gewartet und war dann zu dem auf der anderen Seite reitenden Wachtmeister hinübergeritten. Hätte ich ihn zu mir her⸗ übergerufen, wäre uns wohl durch die Bombe ein Unglück zugestoßen. Die Ver⸗ wundeten sind Kanonier Eckelmann am Kopf,