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20.8.1922
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Mr. 34

Gießen, Jo. S. n. Trinitatis, den 20. August 1922

II. Jahrg.

Der Zug des Lebens.

Evang. Joh. 5, 24. Wer mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.

In der Kunsthalle zu Düsseldorf hängt ein Bild, ein Seitenstück zu dem bekannten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie Zug des Todes. Es ist unterschrieben Zug des Lebens. Das Bild will eine Illustration sein zu der bekannten Geschichte von den Weisen aus dem Morgenlande. Der Maler läßt aber nicht nur die drei Magier dem blendenden Stern folgen, dessen leuch⸗ tender Glanz über dem dunkeln Horizont glänzend aufflammt, hinter ihnen, die auf Kamelen an der Spitze des Zuges einher reiten, folgt eine dichtgedrängte, bunt⸗ gemischte Schar von Menschen verschiedenen Alters und Standes, Große und Kleine, Alte und Junge, Männer und Frauen, Greise und Kinder, Jünglinge und Mädchen, Gesunde und Kranke, Krüppel, Lahme Blinde, getragen und gestützt von den Armen der Liebe. Sie alle folgen dem Stern, von einem tiefen inneren Verlangen getrieben, die einen mit aufgehobenen betenden Händen, die andern mit ausgestrecktem Finger nach vorn weisend, aber alle mit einem unaus⸗ sprechlichen Ausdruck seliger Hoffnung in den leuchtenden Augen und auf den verklär⸗ ten Zügen ein wundersamer Zug des Lebens. Er reißt sie fort mit geheimnis⸗ voller seliger Gewalt durch die Wüste, über den Acker voller Dornen und Disteln, nur ein Ziel haben sie vor Augen: hin nach oben, hin zum Himmel. 0

Einzelne Szenen sind besonders er⸗ reifend auf dem Bild. Da schiebt ein ein⸗ acher Mann aus dem Volke auf einem Karren sein todkrankes Weib, das mit auf der Brust gefalteten Händen still ergeben daliegt, vor sich hin. An der Seite geht ein Mädchen, mit der einen Hand den Karren festhaltend, mit der andern nach oben deutend, als wollte es dem lieben kranken Mütterlein tröstend zuflüstern:Sei nur getrost, bald hat das Weinen ein Ende. Vorn an der Spitze des Zuges, allen vorauseilend, sieht man eine Frau mit fliegenden Schritten vor⸗ wärts eilen, an jeder Hand ein Kind, einen Knaben und ein Mädchen. Sie will die Kinder hinführen zum Stern von Beth lehem, auch sie sollen teilnehmen an dem Zug des Lebens. Auf ihren Lippen lesen wir:Ihr Kinder, laßt die Welt und ihre

Lust, laßt, was irdisch ist, dahinten, folgt dem Lebensfürsten nach.

Und das ist es, was Eltern und Kinder, Alte und Junge, beherzigen wollen. Ihr Eltern, lernt von diesem Weib, nehmt eure Kinder an der Hand und führet sie hin zum Stern von Bethlehem, geht ihnen aber selbst durch gutes Beispiel und frommes Vorbild voran. Und ihr Kinder, nehmt auch ihr teil an dem Zug des Lebens. Folgt nicht der Welt und ihrem blendenden Schein. Sie kann euch nicht geben, was ihr nötig habt für eure unsterblichen Seelen, es bleibt eine gähnende Leere, wo ihr den nicht habt, der allein ewiges Leben und volles Genüge gibt, Jesum, Christum, unsern Herrn.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor 50 Jahre n. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Der Weg um die Neue Anlage, welchen ich täglich zweimal nach und zweimal von der Schule zurückzulegen hatte, war selbst⸗ verständlich viel, viel schöner, wie über den Neuenweg, der sich in seinem Gesamtbild gegen früher kaum geändert hat. Heute ist er wesentlich sauberer; denn damals war er für die Fuhrwerke der Bauersleute und Gießener Landwirte die Hauptverkehrsstraße. Zur Erntezeit lagen überall die Strohhalme, Heubüschel, Dickwurzblätter und dergleichen umher, und es roch zeitweilig stark nach Ackerbau und Viehzucht. Demgegenüber ver⸗ hielt sich die Neue Anlage wie der Tag zur Nacht. Man war im Freien und in frischer Luft, und das Auge hatte seinen Genuß; denn die Bäume und das Strauch- werk befanden sich in ihrem Anfangs⸗ stadium und waren noch nicht so belaubt und buschig wie später, so daß man die ganze Anlage mit ihren Bosketts, Rondels, Beeten und Wiesenflächen überblicken konnte. Im Winter war es allerdings anders, da pfiff der Nordost von den Gänsäckern her un⸗ behindert über die ganze Anlage hinweg, und bei Sturm und Schneegestöber hieß es, sich nach vorn überlegen, um voran zu kommen. In solchen Fällen hatte man in den Straßen der Stadt mehr Schutz. Aber da immer ein ganzes Rudel Jungen gemeinsam den Weg zurücklegte, gab es stets Unter haltung genug, um den Unbilden des Wet⸗ ters nicht allzuviel Aufmerksamkeit zu

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