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und wenn es auch unausgesprochen blieb, es schwante doch manchem, daß sich bis zu Ostern ein Gewitter über ihm zusammen⸗ ziehen würde. Einige Lichtblicke in diese, mir heute noch deutlich bewußte Periode des Hangens und Bangens in schwebender Pein brachten die Weihnachten, die alle Sorgen vergessen ließen. Wie immer hatten Eltern und Geschwister in liebevoller Weise für mich gesorgt, und auch ich konnte allen mit teilweise selbstgefertigten Geschenken auf⸗ warten. Den Weihnachtsbaum durfte ich da⸗ mals zum erstenmal selbst auswählen und gegen einen Sechser(= 18 Pf.) erstehen. Die Stadt sorgte alljährlich für die Bäum⸗ chen und verkaufte sie in ihrem Magazin am Oswaldsgarten, an dessen Stelle sich jetzt der eingezäunte Raum für die Gießfässer u. dgl. befindet. Schon für einen Groschen (E 3 Kreuzer= 9 Pf.) bekam man ein ein Meter hohes Bäumchen. Heute zahlt man 300 Mark dafür, und manche Familie wird diesmal ihr Weihnachtsfest ohne ein solches feiern müssen. Unvergeßlich wird es mir bleiben, wie mich meine Mutter am ersten Weihnachtsfeiertag, unser Alleinsein benutzend, an sich heranzog und mich mit ernstem Gesicht fragte, ob ich mich über die Geschenke gefreut und dabei auch daran ge⸗ dacht habe, wie der Vater und sie immer darauf bedacht gewesen seien, mir das Leben so schön, wie es in ihrer Macht gestanden hätte, zu gestalten. Bestürzt über den eigenen Ton, den ich bei meiner Mutter gar nicht gewohnt war, schaute ich sie befremdlich an und sagte:Warum fragst du so seierlich, du hast es ja doch gesehen, wie sehr ich mich gefreut habe, mein allerliebstes Mütterchen. Da nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände, sah mir in die Augen und sprach: Freilich habe ich es gesehen, nicht nur ge⸗ sehen, auch gefühlt, aber ich möchte es auch noch einmal aus deinem Munde hören, weil du mir nun noch eine ganz besondere Freude bereiten sollst. Dabei sah sie mich mit ihren lieben, treuen Augen unverwandt an, so daß ich über das gänzlich Ungewohnte dieser Zwiesprache befan zen, ihr um den Hals fiel und keine Antwort zu geben vermochte. Im selben Augenblick überkam mich eine Ahnung, und mein Herz fing an zu klopfen.Die Schule! entfuhr es mir beklommen und meine Mutter wiederholte:Ja, die Schule! Dann erzählte sie mir, daß Herr Professor Buchner beim Vater gewesen sei und ihm eröffnet habe, ich würde zu Ostern nicht versetzt werden, wenn ich mich nicht ganz gewaltig anstrenge Di! ganze Klasse tauge nicht viel, und es sei eine Blamage, nicht nur für die Klasse, sondern auch für die Lehrer, wenn die Hälfte der Schüler sitzen bleibe. Der Vater, fuhr meine Mutter fort, wollte dich vornehmen; da es aber dabei ohne Schelte und vielleicht noch mehr nicht abgegangen wäre, so bat ich ihn, mir die Angelegenheit überlassen zu wollen. Ich habe

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nun gewartet bis heute; denn ich sagte mir, daß, wenn du all die unter dem Christbaum aufe peicherten sichtba en Zeichen der Liebe und Treue deiner Eltern und Schwestern fähest und dich freutest, dein Herz für eine Mahnung besonders empfäng⸗ lich sei. Ich sehe, du weinst! Komm her, mein Junge, und gib mir einen Kuß! So, nun versprichst du mir, uns und besonders auch dir, das Herzeleid des Sitzenbleibens zu Ostern nicht anzutun! Für mich gab es nichts Höheres und Lieberes wie meine Mutter. Mein Leben, meine Seligkeit, alles hätte ich für sie hingegeben. Heiß stieg es in mir auf bei ihren Worten, die so weich und doch so eindrucksvoll klangen. Von Herzen gern und mit dem festen Vorsatz, das Verbummelte nach Möolichkeit nachzu⸗ holen, legte ich mein Versprechen ab, und von nun an war die Erledi zung der Schul⸗ aufgaben meine erste und wichtigste Auf⸗ gabe. Mein alter treuer Freund Wilhelm Nauheimer, der zur Zeit als Dr. med. dent. in Hersfeld den Leuten die Zähne auszieht, stak damals in den gleichen Schuhen. Er nahm sich meine an ihn weitergegebene ernste Mahnung ad not m, und so arbeiteten wir tagtäglich gemeinsam unser Pen um durch, mit dem Erfolge, uns zu Ostern zu den Glücklichen zählen zu dürfen, die in die 4. Klasse aufrückten. Mit der Zensur in dem Schulranzen und einem mächtigen Stolz in der Brust ging es im Geschwindschritt nach Hause, wo ich von den Lippen meiner Eltern, beim Vater theoretisch, beim Mütter⸗ chen praktisch, den Dank erwartete.

Aber ein sogenannterbraver Schul⸗ junge bin ich darum doch nicht geworden. Diese korrekten Musterschüler waren mir un⸗ sympathisch. Der Mutwille und die Bereit⸗ schaft zu losen Streichen lagen mir und einer ganzen Reihe meiner Kollegen im Bute und zeitigten manche Frucht, wie wir später noch sehen werden.

Somit auf Wiedersehen in der 4. Klasse!

Ein Bruchstück einer Selbstbiographie des Hofpredigers Ernst Zimmermann.

Mitgeteilt von Professor Dr. zur. et phil. Karl Esselborn.

Der Darmstädter Hofprediger Dr. Ernst Christoph Philipp Zimmermann geboren am 18. September 1786 zu Darmstadt als Sohn des damaligen Subrektors und spätern Direktors Johann Georg Zimmermann, eines der vortref lichsten hessschen Päda ogen, ge⸗

storben daselbst am 24. Mai 1832 hat

wiederholt Ansätze dazu gemacht, eine Selbst⸗ biographie zu schreiben, nie aber den Plan ausgeführt. Sein Bruder Karl hat in dem BucheErnst Zimmermann, nach seinem Leben, Wirken und Charakter geschildert (Darmstadt 1833) ein Bruchstück einer sol⸗ chen mitgeteilt, die auf Bitten schwedischer Amtsgenossen begonnen worden sind. Dieses