Ausgabe 
15.10.1922
 
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berger! wehrte er ab. Ich bat ihn, mich doch einmal ruhig anzuhören, was er dann auch tat. Wahrheitsgetreu erzählte ich ihm den ganzen Sachverhalt und erreichte damit, daß er sich bereit erklärte, den Schwengel wieder zu nehmen, wenn wir eine Bescheini⸗ gung von zu Hause brächten, daß gegen die Veräußerung desselben nichts eingewendet würde. Ich versprach dies und verabschiedete mich. Meine beiden Leidensgefährten im Hintergrunde waren seelenvergnügt ob der Kunde, und so liefen wir in die Scheppeck und brachten es mit einiger Mühe fertig, die Verkaufserlaubnis zu erhalten. Aber diese wäre beinahe wieder ins Wasser ge⸗ fallen, als Frau Sch., die mit uns in den Hof ging, um von ihrem Pumpenschwengel Abschied zu nehmen, merkte, daß er gar nicht da war. Nun mußten wir alles beichten und erhielten dann auch Absolution. Leider gab uns diesmal mein Petter Wiener nur einen Gulden, das sind 60 Kreuzer, oder 1,70 Mk. Aber es reichte, und glücklich, zum erstenmal ins Theater gehen zu dürfen, eilten wir heim. Meine Angehörigen amüsierten sich über meine Erzählung sehr und auf ihre Frage, was wir mit den überschüssigen 24 Kreuzern machen wollten, antwortete ich: Da kaufen wir uns einen Hund dafür.

Der Theaterabend, der Freitag, kam herbei. Lange vor Kassenöffnung standen wir im Hofe desCafs Leib, bis endlich der Schalter hochgezogen wurde und wir breitspurig unsere 36 Kreuzer für drei Galeriekarten hinlegten.Kostet heut' einen Groschen mehr, wegen der Beleuchtungs⸗ unkosten, sagte der Kassierer. Gut, daß wir die 24 Kreuzer Ueberschuß bei uns hatten. Davon wurde der Mehrpreis be⸗ glichen. Dann erhielten wir unsere Karten. Wir waren die ersten im Saale und turnten die schmale Treppe, links am Eingang, nach dem Olymp empor, der das Privi⸗ legium hatte, die Loge der Gymnasiasten, Realschüler, Studenten, Gesellen und sonst noch kunstliebenden Lumpenvolkes zu sein. Sollten wir uns auf die rechte oder linke Galerieseite oder auf die Mittelgalerie, der Bühne gegenüber stellen? Auf letzterer ver⸗ sperrte der Kronleuchter teilweise die Aus⸗ ficht auf die Bühne. Also entschlossen wir uns für nichts. Es dauerte nicht lange, da füllte sich das Lokal, auch auf der Galerie bildeten sich allgemach zwei Reihen, die eine, die sich auf die Brüstung stützen konnte, die andere, welche über die Köpfe der Vorn⸗ stehenden hinwegsehen mußte. Wo ein paar so kleine Kerle, wie wir, standen, war das micht schlimm. Die Hintermänner blickten bequem über uns hinaus. Aber gerade ich hatte das Unglück, einen ruppigen, fast so dicken wie großen, nach Herberge riechenden Kerl hinter mir zu haben, welcher priemte und fortwährend spuckte.

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Leben eines Uebeltäters.

Um das Jahr 1800 war die Unsicher⸗ heit groß im deutschen Lande. Die kriegeri⸗ schen Ereignisse, die namentlich den deut⸗ schen Westen in Mitleidenschaft gezogen hatten, hatten zur Folge, daß es in unserm Vaterlande von Räuberbanden wimmelte, die jahrelang der Schrecken der Bevölkerung waren. Infolge der territorialen Zersplitte⸗ rung, in der sich Deutschland damals befand und infolge der mangelhaften Organisation des Sicherheitsdienstes gelang es nicht, über die Uebeltäter Herr zu werden. Auch Ober⸗ hessen hatte unter dieser Plage zu leiden. Im Vogelsberg wie in der Wetterau gab es Räuberbanden, die erst nach jahrelangen Fehlschlägen der Behörden überwältigt wer⸗ den konnten. Noch bis in die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts dauerte in Oberhessen diese Plage an, erst da gelang es dem energi⸗ schen Zugreifen der Justizbehörden, die Ein⸗ wohner des Landes gegen freche Ueberfälle zu schützen. In Gießen wurden in der Zeit von ungefähr 1808 bis 1828 mehrfach Räu⸗ ber hingerichtet. Das ganze linke Rhein⸗ ufer, von der holländischen Grenze bis zum Mittellaufe des deutschen Stromes stand damals unter der Gewaltherrschaft von frechen Banditen.

Unter diesen hat einer eine gewisse Be⸗ rühmtheit erlangt, es ist derSchinder⸗ hannes, der heute noch in ganz Hessen, wenigstens dem Namen nach, bekannt ist.

Ungeheuer viele Geschichten und Anekdoten

erzählt man sich von ihm, oft wird er als ein Muster der Großmut gerühmt. Schinder⸗ hannes hat seine Raubzüge ausschließlich auf dem linken Rheinufer ausgeführt, das hat nicht verhindert, daß man auch Uebel⸗ taten, die auf dem rechten Rheinufer von anderen Verbrechern verübt worden waren, ihm zur Last gelegt hat. Es ging mit diesem Menschen, wie es manchmal in der Geschichte mit Helden geht, man erzählt, um ihren Ruhm zu vermehren, mehr von ihnen, als

sie getan haben. Auch in Oberhessen ist Schinderhannes sehr bekannt gewesen.

Johann Henrich Schaffstädt, dessen Chronik wir im Jahrgang 1919 desSonntags- grußes veröffentlicht haben, erwähnt in seinen Aufzeichnungen die Hinrichtung des Räubers, das ist ein Beweis dafür, daß man auch in unserer Gegend viel von dem Ver⸗ brecher geredet hat.

Ein ganzer Kranz von Sagen und Anek⸗ doten schlingt sich um die Gestalt dieses Räubers. Es ist deshalb angebracht, die Tatsachen reden zu lassen und aus den Akten die geschichtliche Wahrheit festzu⸗ stellen. Dieser Aufgabe hat sich in jahrzehnte⸗ langer Arbeit der Kreuznacher Buchdruckerei⸗ besitzer Ferdinand Harrach, der im Jahre 1918 im Alter von 62 Jahren dahingeschieden ist, unterzogen. Harrach hat vor allem die Literatur benützt, die sich auf die Räuber

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