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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 42
Gießen, 18. S. n. Trinitatis, den I5. Oktober 1922
Jahrg. II.
Was ist die Bibel dem deutschen Volke?
Psalm 119, 105. Dein Wort ist meines 9 7 Leuchte und ein Licht auf meinem ege.
Was ist die Bibel dem deutschen Volke? Ueber diese Frage sollen uns zwei große deutsche Gelehrte, Ludwig Häußer, der Ge⸗ schichtsschreiber der rheinischen Pfalz, und Adolf von Harnack, der Geschichtsschreiber der christlichen Glaubenslehre, Antwort geben. Häußer urteilt:„Wie kam es doch, daß diese seit dem sechzehnten Jahrhundert durch innere und äußere Erschütterungen so furcht⸗ bar heimgesuchte deutsche Nation sich in ihren Tiefen einen unverwüstlichen Kern von religiöser und sittlicher Nationalbildung erhalten hat, dem weder die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges noch die Sint⸗ flut der Ausländerei in den folgenden Gene⸗ rationen etwas anhaben konnten? Das kam daher, daß bei uns keine Hütte so klein, kein Hausstand so arm war, wo Luthers Bibel nicht hinkam; daß dies Buch für das eigent⸗ liche Volk nicht nur Gebet⸗ und Andachts⸗ buch, sondern Lese⸗ und Familienbuch, die ganze geistige Welt ward, in der die Jungen aufwuchsen, zu der die Alten zurückkehrten, in das der gemeine Mann seine Familien⸗ geschichte, die Gedenktage der Seinen auf⸗ schrieb, aus dessen Inhalt die Mühseligen und Beladenen Trost und Linderung schöpf⸗ ten in der Not des Tages. Das haben nicht die Kriege ausrotten können, die aus unserm schönen Vaterland einen großen Kirchhof, eine rauchende Brandstätte gemacht haben!“ Was die Bibel für unser Volk in seinen Beziehungen zu anderen Völkern, was sie also für die Beziehungen der Kulturvölker zueinander ist, drückt Harnack mit den Wor⸗ ten aus:„Die Bibel ist das einzige Buch, welches alle Kulturvölker miteinander ver⸗ bindet. Was sie an sich und für die Kultur bedeutet, das hat Goethe in den letzten Gesprächen mit Eckermann unübertrefflich zum Ausdruck gebracht. Die Meisterwerke der Antike verbinden die Kulturvölker bereits micht mehr; fällt auch noch die Kenntnis der Bibel fort, so wird die Kultur chaotisch werden und die christlichen Kirchen werden zu Sekten. Kein Haus ohne Bibel, keine Schule ohne Bibel: das muß daher die Losung sein!“ 185
Um die Geltung der Heiligen Schrift ist uns nicht bange. Sie wird den einzelnen Menschen und den Völkern den Weg weisen,
solange noch ein Mensch auf der Erde lebt. Weder Krieg noch Umgestaltung eines Staatswesens, weder gute Zeiten noch Jahre der Teuerung und des Hungers werden hieran etwas ändern; denn Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. N
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren.
Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Doch zurück zur„schönen Galathea“. Alles Kopfzerbrechen wegen der Beschaffung der 36 Kreuzer Eintrittsgeld für die beiden Freunde und mich half nichts. Es blieb nichts anderes übrig, als den Pumpen⸗ schwengel noch einmal an den Mann zu bringen. Unser Gewissen beruhigten wir damit, daß, wenn es beim ersten Verkauf geblieben wäre, Sch. schließlich nichts da⸗ gegen gehabt hätte. Der Schwengel wäre dann sowieso nicht mehr da. Diesmal ver⸗ wahrte ich mich ganz entschieden, den Zwischenträger zu machen. Auf die Ein⸗ wendung, daß das zu lösende Geld eigent⸗ lich dem Sch. allein gehöre und ich für die 12 Kreuzer, die ich erhalten sollte, auch etwas tun müsse, erklärte ich mich schließlich bereit, den Schwengel bis an das Hoftor des Schlossermeisters Wiener tragen zu helfen. So geschah es denn auch. Wir rückten ab und die beiden Sch. gingen in den Hof, wo gerade der Gesuchte in Hemdärmeln, die beiden Hände in den Taschen, anscheinend eine Erholungspause machte. Mit keines⸗ wegs freundlichen Blicken betrachtete er die Ankommenden, die den schweren Schwengel auf den Boden warfen.„Ist das der Schwen⸗ gel von damals?“ fragte er.„Jawohl!“ hieß es.„Wollt ihr mache, daß ihr enaus kommt!“ Dabei ging er mit der Hand aus⸗ holend auf die beiden los, die sich für den Abschluß des Geschäfts in dieser Form natürlich nicht interessierten und schleunigst auf die Straße retirierten. Dabei gewahrte mich mein Petter Wiener, und mit hochrotem Gesichte sagte er, jetzt zeige er die Sache der Polizei an.„Un deinem Vatter sag ichs auch!“ räsonnierte er. Ich exwiderte, er könne den Schwengel diesmal ruhig be⸗ halten; er würde nicht mehr zurückgeholt. „Was soll ich überhaupt mit dem Ding, ich
hob Eise genug. Verkauft en dem Rothen-


