e e
20
viele umrahmt von großen Mohnbeeten, die in bunten Farben leuchten, weiß, rot. lila, rosa. Storchennester in großer Zahl beleben das Bild. Die Alten füttern ihre Jungen und klappern wie Mühlen. Die auf der Straße munter spielenden Kinder laufen erschreckt auseinander, da zwei Reiter da⸗ herkommen. Ein deutscher Artillerieoffizier ist es mit seinem Burschen, der nach dem Pfarrhaus reitet. Wie kommt er in diese friedliche Gegend Galiziens? Aber draußen am Dorfrand stehen ja nahe bei den dort vereinzelt liegenden Häusern deutsche Feld⸗ geschütze, eines davon auf hohem Gestell, die Mündung steil gen Himmel gerichtet. Und auf der Ostseite des Dorfes, nach dem Wald zu, ziehen sich helle Streifen durch die Felder; davor sind viele Pfähle mit Stacheldraht eingerammt— Schützengrä⸗ ben— und hinter denselben wimmelt es von geschäftigen Feldgrauen. Auch hier ist der furchtbare Krieg hingekommen. Vielleicht donnern bald die Geschütze, platzen die Schrapnells und Granaten über dem Dörf⸗ chen, und die armen Dorfbewohner müssen in die vorsorglich errichteten Unterstände flüchten. Ein Haus nur braucht in Brand zu geraten— die Strohdächer zünden schnell — und bei dem Wind kann in kurzer Zeit das ganze Dorf in Asche liegen. Aber der Feind steht 6 Kilometer entfernt jenseits des Waldes; er scheint nicht angreifen zu wollen. An dem ehrwürdigen Holzkirchlein vorbei, an dem Frauen, vor Heiligenbildern kniend, ihr stilles Gebet verrichten, führt der Weg zu einem hübschen Ziergarten mit blühenden Rosen, bunten Glaskugeln, ge⸗ pflegten Wegen. Am Ende des Wegs, vor einem freundlichen einstöckigen Hause, steigt der Offizier ab. Der Pfarrer und seine Familie— ein römisch⸗katholischer Geist⸗ licher mit einer feinen, liebenswürdigen Frau und fünf prächtigen Kindern— be⸗ grüßen den Hauptmann, dessen Batterie am Dorfrand eingegraben ist, wie einen alten guten Bekannten, und doch ist er erst vor drei Tagen hierher gekommen und will jetzt Abschied nehmen, da die Batterie weiter muß. um auf einem anderen Kriegs⸗ schauplatz für Deutschlands Bestand und Ehre zu kämpfen. Zwei Leutnants und ein junger Militärarzt sind schon im Pfarr⸗ hause; auch so vertraut mit der Familie, wie alte Freunde. Auch sie liegen erst seit drei Tagen vorn im Schützengraben. Aber die Freundlichkeit der Pfarrersfamilie, die seit Monaten entbehrte Möglichkeit, mit ge⸗ bildeten Damen im trauten Kreis zusammen sein zu können, hat auch sie angelockt, und sie waren täglich Gäste im Pfarrhaus. Die Magd trägt guten Kaffee auf, die Frau Pfarrer dreht Zigaretten für sich und ihre Gäste. Ein Flügel ziert das einfach aus⸗ gestattete Woh tzimmer. Monatelang war er versteckt, da die Russen, die fast/ Jahre bis vor wenigen Tagen hier im Quartier
gelegen hatten, alles kurz und klein schlugen, oder, wenn es wertvoll war, mitnahmen. Jetzt ist der Flügel aus dem Versteck her⸗ vorgeholt worden, und die 17jährige Tochter des Pfarrers singt mit weicher Stimme ruthenische Lieder, begleitet von dem jungen Arzt, einem meisterhaften Klavierspieler. O, welche Freude, dieser friedvolle Sonntag⸗ nachmittag im Familienkreise für die deut⸗ schen Offiziere, die nun schon 11 Monate im Felde stehen, aber auch im rauhen Krieg ihr weiches Gemüt sich bewahrt haben. Draußen reiten die Jungen des Pfarrers auf des Hauptmanns Plerden, den 6jährigen hat der Bursche vor sich in den Sattel gesetzt. Und das sind dieselben Männer, die, ohne mit der Wimper zu zucken, aus ihren Ge⸗ schützen Tod und Verderben zu dem Feind hinübersenden. K
Mit herzlichem Händedruck und dem Wunsche, daß sie vor den Schrecken des Krie⸗ ges bewahrt bleiben möge, scheidet der Haupt⸗ mann von der freundlichen Pfaxrersfamilie. Und als er mit seiner Batterie abrückt, küssen ihm die Leute, in deren Scheuer er mit seinen Offizieren die drei Tage gewohnt, zum Abschied die Hände.
6. Juli 15. Ein kleines Stimmungsbild habe ich im Vorstehenden zu zeichnen ver⸗ sucht, von friedlichen Stunden im Kriege.
Am Sonntagabend um 6 Uhr rückte ich mit der Batlerie von Rekliniec ab, mar⸗ schierte durch Mosty⸗Wielkie und ging in dessen Nähe zur Ruhe über. Da es dunkel geworden war, und wir den Weg nach dem ausgesuchten Biwakplatz verfehlt hatten, lagerten wir an einem recht ungünstigen Platz. Gestern früh um 7 Uhr ging es weiter auf staubiger Chaussee, durch schönen Wald, der erfüllt war von Walderdbeeren⸗ duft, zwischen wogenden Feldern hindurch, an einem Fluß entlang 30 Kilometer weit bei großer Hitze, über Sielec, Oströw(west⸗ lich Krystynopol), Zabeze bis Zeblow, wo wir um halb drei Uhr ankamen und auf einem großen freien Platz mitten im Dorf Biwak bezogen. Die Pferde fanden unter Bäumen Schutz gegen die Sonne. Wir quar⸗ tierten uns im Schulhaus ein, das etwas erhöht über dem großen Platz liegt, der all⸗ mählich von we ter ankommenden Batterien und Kolonnen eingenommen wird. Wir sitzen unter einer blühenden Linde am schön ge⸗ deckten Kaffeetisch. Unter uns geschäftiges Treiben auf den Biwakplötzen, gegenüber die Dorfkirche mit drei Kuppeln und daneben der hölzerne Glockenturm mit vier großen Glocken. N 0 b
In unserem Hause sind außer alten Leuten mehrere junge Frauen und Mädchen, viele Kinder, deren Freundschaft wir durch Schokolade und Lakes rasch erwerben. Die freundlichste der Dor schönen stellt uns einen hübschen Blumenstrauß auf den Tisch. Unser Kreis erweitert sich immer mehr. Ein großer
9


