Ausgabe 
12.2.1922
 
Einzelbild herunterladen

5

onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

e

Gießen, Septuagesimae, den 12. Februar 1922

IJ. Jahrg.

Sonntagsheiligung. 2. Mose 20, 8. Gedenke des Sabbattags, daß du ihn heiligest.

Die Zahl der Arbeitsstunden ist durch die neue Gesetzgebung in vielen Berufszweigen sehr eingeschränkt worden, dennoch hört man in Stadt und Land, daß gerade am Sonn⸗ tagvormittag viele Arbeiten unternommen werden, die zum Charakter des Feiertags nicht passen. In Haus und Hof, in Garten und Stall wird selbstverständlich in un⸗ feierlichem Gewande geklopft, geputzt und allerhand hergerichtet, das den Nach⸗ bar stört und ihm die Sonntagsstimmung raubt. Wenn dann die Glocken vom Turm klingen, so sind es keine dichten Scharen, die zum Hause des Herrn gehen, sondern ganz vereinzelt kommen die, die unter einer geistlosen und irdisch gesinnten Um⸗ gebung Gottes Wort noch lieben. Wo man stundenweit in Regen, Sturm und Kälte über die Berge ziehen muß, um die Kirche zu erreichen, da ist das Interesse am Gottes⸗ dienste oft erheblich größer als da, wo man nur einige Straßen weit zu gehen braucht, um in einer schönen und wohlgeheizten Kirche dem Gottesdienste anzuwohnen. Kommt der Nachmittag, so gehen die Men⸗ schen von der Arbeit direkt zum Vergnügen über, sie strömen in das Kino oder zu den Vereinsveranstaltungen, die weder dem Geiste noch dem Gemüte Anregung geben. Sie wissen nicht, daß sie auf diese Art sich selbst ganz um den Frieden und die Weihe des e bringen, und ihr Herz bleibt verödet.

Den Menschen von heute gilt immer noch das uralte Gebot: Gedenke des Sabbat⸗ tags, daß du ihn heiligest. Nur da geschieht das, wo man am Sonntage dem heiligen Gotte naht, sein heiliges Wort auf sich wir⸗ ken läßt, mit Gleichgesinnten betet und Gott im Liede preist. Wer so seinen Sonn⸗ tag verbringt, der nimmt Kraft und Trost mit hinaus in die unruhige, arbeitsreiche Woche. Benjamin Schmolck gibt die Sonn⸗ tagsstimmung des Christen treffend wieder mit den Worten:

Dieser Tag sei dir geweiht, Weg mit allen Eitelkeiten! Ich will deiner Herrlichkeit Einen Tempel zubereiten, Nichts sonst wollen, nichts sonst tun, Als in deiner Liebe ruhn. H. B.

nachher noch verabschieden.

Beim deutschen Beskidenkorps.

Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.

3. Die Kämpfe bei Lemberg. (Fortsetzung.)

4. Juli 15. Ein ganz ruhiger Sonntag. Friede ringsum, auch der Kanonendonner, der heute morgen von weit herüber hallte, ist verstummt. Vor 8 Tagen hatten wir das letzte Gefecht. Wie wohl hat mir diese Ruhe getan! Ich fühle mich wieder kräftig und gesund. Vorhin war ein österreichischer Hauptmann da, der mich mit seiner Batterie hier ablösen wird. Da müssen wir das hübsche Rekliniec leider verlassen. Es war wirklich schön hier in unserer Scheuer in⸗ mitten wogender Felder und grüner Wiesen mit weidenden Pferden und Kühen. Von der freundlichen Pfarrersfamilie will ich mich Weit werden wir heut nicht mehr zu marschieren brauchen. Hauptmann Plesser, der in Urlaub ist, muß heute wieder daheim abreisen. Er ist gar hart, dieser Abschied. Aber ich trage mich auch mit Urlaubsgedanken. Wer weiß, wie lange der Krieg noch dauern wird und damit die Trennung? Ich denke, es wäre möglich, daß ich den Krieg nicht überlebe. Dann möchte ich meine Lieben daheim doch noch einmal gesehen, mich an ihrer Liebe erfreut haben. Und die lieben Kinder hätten mich auch noch einmal gesehen und würden wohl eher die Erinnerung an ihren Vater

sich bewahren können. Ein Sonntag in Galizien.

Die Julisonne liegt drückend heiß auf dem schönen Dorfe R., ein leichter Wind verschafft ein wenig Kühlung. Es ist Sonn⸗ tag, aber die Glocken rufen nicht zum Gottesdienst. Auf den weithin bis zum Wald sich ausdehnenden Wiesen weiden zu beiden Seiten des Baches friedliche Herden: Pferde, Kühe, kleine schwarze Schafe. Es sind große Herden, die auf Wohlstand bei den Einwohnern schließen lassen. Zu beiden Seiten der breiten Ortsstraßen stehen oder sitzen die Bewohner in Gruppen zusammen, die Männer in langen weißen Kitteln, mit schwarzem Ledergürtel zusammengehalten, auf dem Kopf schwarze Pelzmützen; die Frauen mit bunten Schürzen, dunklen Kopf⸗ tüchern und dicken bunten Halsketten. Die Häuschen liegen im Schatten hoher Bäume,

1