Ausgabe 
8.10.1922
 
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Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor

50 Jahren. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Mei' Ahnung hat mich mett betroge, ich hab' gleich gemerkt, daß der Hannel nett ganz laderein war. Weshalb willst de den Schwengel wiederhawwe? Etz mal raus damit, awwer schnell, denn ich hab' kei! Zeit für so Buwereie. Ich suchte die Sache als ein Mißverständnis hinzustellen, und nachdem er nur halb überzeugt mich verschiedene Male unterbrochen hatte, fragte er nach dem Geld.Ohne Geld kriegst du en nett, erklärte er. Aber die Got legte es ihm auf die Werkbank. Er sah einen Augenblick nach ihm hin und sagte dann: Drauße im Hof liegt dein Schwengel. Du kannst'in morjen hole. Heut' haw ich kei! Zeit! Auf meinDanke auch schön, und guten Abend! knurrte er nur. Vor de Werkstattüre dankte ich meiner Got noch ganz besonders und mit einemschönen Gruß an die Eltern stieg sie die Treppe empor, während ich mich eiligst hinaus⸗ machte. Ich rief meine ungeduldig harren⸗ den Freunde herbei, die mir den Schwengel suchen halfen. Er war trotz der Dunkel⸗ heit rasch gefunden. Wir luden ihn auf die Schultern, schleppten ihn in die Schepp⸗ eck und warfen ihn neben den schiefen Pumpenstock auf den Brunnendeckel, wobei durch die Erschütterung losgelöste Stein⸗ chen unten ins Wasser plätscherten. Es konnte aber auch ein freudiges Kichern des Pumpenstocks sein, weil er nun seinen an⸗ hänglichen alten Gefährten, den Schwengel, wieder hatte.

Als ich am andern Tage nach der Schule wieder zu meinen beiden Freunden kam, erzählten dieselben, daß nun auch der kranke Onkel die Geschichte erfahren, aber sich gar nicht darüber aufgeregt habe. Im Gegenteil, er habe zu seiner Frau gesagt, sie hätte uns, da der Taler ja doch zu einem mützlichen Zweck verwendet worden wäre, in Ruhe lassen sollen. 0

So verging der Sommer, in den Gärten und Alleen wurden die Blätter gelb, und die Kreuzer und Neustädter Buben gaben ihr Soldätches⸗Spielen auf, um, wie das die Jungen auch der anderen Stadtviertel taten, den Drachen steigen zu lassen. Ueberall, rings um die Stadt herum, erschienen nach⸗ mittags hoch droben in der Luft die papier⸗ men Herbstverkünder. Nur wir in der Schepp⸗ eck, wie überhaupt die Buben vom Selters⸗ berg und Selterstor machten eine Ausnahme und nahmen an diesem Vergnügen nicht, teil. Es war das Drachensteigenlassen in diesem Stadtteil nicht Mode. Unsere Kaninchen hatten das Zeitliche gesegnet. Eins war uns durchgegangen, ein anderes, das letzte, lag eines Tages tot im Stall. Anscheinend hatte

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es ein Wiesel umgebracht. Wir stellten zwar eine selbstgefertigte Kastenfalle auf und

schrieben sogar, damit nicht etwa jemand in die Verlegenheit käme, das Instrument für sonst etwas zu halten, mit Kreide drauf:

Wieselfalle, aber trotzdem schon alles auf

die Verwertung der Felle Bezügliche bereits beschlossene Sache war, tat uns keins der kleinen Tiere den Gefallen, sich fangen zu lassen. Vorhanden waren sie aber sicher, denn wir hatten sie im Sonnenschein spielen sehen und nach ihnen ges chossen.

Den verwaisten Hasenstall fegten wir rein und benutzten ihn als Wigwam(Indianer⸗ wohnung). Zu vieren konnten wir zur Not darin unterkommen, und da sich infolge des zunehmenden rauhen Wetters die Sommer⸗ gäste der Scheppeck bis auf mich, einer nach dem andern, verloren, so hockten schließlich mur noch der jüngere Sch. und ich in dem Ställchen. Um uns wärmen zu können, bauten wir in dasselbe aus Backsteinen eine kleine Feuerstelle, die wir aber, als wir eine alte Teemaschine fanden, durch diese ersetzten. Selbstverständlich fehlte nicht viel, daß wir im Qualm erstickten, aber wir hielten mit Tränen in den Augen tapfer stand, bis eines Tages Frau Sch., durch den brenzlichen Geruch unserer Kleider auf⸗ merksam gemacht, hinter unsere Feuerungs⸗ anlage kam und diese aus berechtigter Sorge um das anstoßende, den Kleiderschrank be⸗ herbergende Bretterhäuschen, eigenhändig entfernte. Mit einem blechernen Rappel flog unser Ofen über die Hecke in den Nachbar⸗ garten, aus dem er von dem Besitzer, als lästiger Ausländer auch wieder alsbald über die Grenze abgeschoben wurde.

Um diese Zeit eröffnete das Gießener Stadttheater die Wintersaison, und zwar, wie seit Jahren, im Leibschen Saale an der Walltorstraße. Bisher hatten wir von diesem kaum Notiz genommen. Es ging uns wie dem Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Wir straften das Kunstinstitut mit Ver⸗ achtung. Aber eines Tages wurde uns doch der Mund lang gemacht. In der Schule erzählten sie von derschönen Galathea als einem wunderbaren Stück, welches wir unbedingt sehen müßten. Die Schilderungen unserer Mitschüler, die der Aufführung bei⸗ gewohnt hatten, waren so begeistert, daß in mir und noch bei einigen anderen der leb⸗

hafte Wunsch rege wurde, bei Wiederholung 9

der Vorstellung dieser beizuwohnen. Aber, aber die Gelder! Es kostete der Galerie⸗ platz 12 Kreuzer pro Nase und der Leser

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weiß es ja: Geld war damals viel rarer 1 als heute. Wenn ich meinen Eltern mit

einem derartigen Anliegen ge wäre, wäre ich glatt abgefahren. Mein Vater hätte gesagt:Warte erst mal, bis du kon⸗

gekommen

firmiert bist, dann darfst du auch ins Theater 1

gehen! Die Konfirmation wurde vielfach

als Grenzpunkt für mancherlei vorgeschoben.

namentlich da, wo man eine Sache auf