Ausgabe 
8.10.1922
 
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bequeme Art abtun wollte. So hielt der ehrsame Gießener Bürger darauf, daß seine Kinder nicht eher die Tanzstunde besuchten, bis sie konfirmiert waren. Heute ist das anders. Es widerstrebt mir, zu übertreiben, 311 würde ich behaupten, auf den modernen

ällen Wickelkinder beiderlei Geschlechts tanzen gesehen zu haben. Schlicht wie das derb hausbackene Bürgertum der 60er Jahre waren damals auch die Bälle. Nette, einfache Garderoben, wohlanständige, züchtige Ma⸗ nieren; ein infolgedessen etwas geschraubter, nüchterner Ton der Unterhaltung in den ersten Stunden, bis dann die Gemüter auf⸗ tauten und eine unschuldig heitere Aus⸗ gelassenheit Platz griff. Wie ganz anders ist das heute. Der One⸗step, der Boston, Shimmy, Foxtrott, Tango und, wie die modernen Geschmacksverirrungen alle heißen, haben unseren altehrwürdigen und durch keinen anderen Tanz an Schönheit erreichten Walzer, Rheinländer und Polka überpwuchert, und folgerichtig bildet ein ebensowenig 115 tisch befriedigendes, wie geschmackvolles Kostüm den Deckel zum Topf. Früher konnte man für die Verrücktheiten der Tanzkostüme wenigstens noch die Ausrede anführen, daß es sich um Pariser oder Wiener Mode⸗ schöpfungen handle. Was aber jetzt die deut⸗ schen Kostümgenjes, von der nach allen Richtungen hin kräftig ausgenutzten Stoff⸗ ersparnissucht abgesehen, an geradezu polizei⸗ widriger Geschmacklosigkeit leisten, geht ins Aschgraue. Noch eine Stufe tiefer steht der Stolz der deutschen Jungfrau, die sich über das, was man früher schlicht und gediegen nannte, mit großer Gleichgültigkeit hinweg⸗ setzt und sich mit solchen Machwerken be⸗ hängt. Zu den überaus traurigen Zeiten, in welchen wir leben, passen sie wahrlich nicht.

(Fortsetzung folgt.)

Hessische Heimatliteratur.

Die Menschen unserer Zeit, soweit sie geistig interessiert sind, gewinnen wieder Gefallen an historischen Erzählungen. Sie sind es müde, Stimmungsbilder, Seelen⸗ analysen und expressionistische Schilderungen auf sich wirken zu lassen, und verlangen wieder nach einer Lektüre, die Geist und Gemüt in gleicher Weise zufriedenstellt, die

in dieser unxuhevollen Zeit die Seele be⸗ ruhigt und ihr Mut einhaucht, getrost in

die Zukunft zur sehen. Diesem Bedürfnis kommen zwei Bücher entgegen, die unser Mitarbeiter Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn in Darmstadt soeben als Nr. 1 und 2 der von ihm herausgegebenen Hessischen Hausbücherei veröffentlicht hat. Es sind dies die ErzählungenDer Grena⸗ dier von Pirmasens undDes Glocken- spielers Töchterlein von Ernst Pasqué. Pasqus, ein geborener Kölner, hat die größte Zeit seines Lebens in Hessen zugebracht und ist 1892 in Alsbach gestorben. Er besaß die Gabe, in fesselnder und spannender Form

Bilder aus alten Tagen vor seinen Lesern

erstehen zu lassen, und war zu seiner Zeit

als Erzähler sehr beliebt. Esselborn erwirbt sich ein großes Verdienst, indem er Arbeiten des begabten Erzählers, die seither nur in Zeitschriften erschienen waren, in Buch⸗ fomn herausgibt. Die beiden Bände, die die Hessische Hausbücherei seither heraus⸗ gebracht hat, behandeln Abschnitte aus der hessischen Geschichte.Der Grenadier von Pirmasens führt uns zunächst nach Pir⸗ masens, wo Landgraf Ludwig IX. seine Soldatenspielerei trieb, sodann nach Darm⸗ stadt, wo die Landgräfin Karoline im Mittelpunkt der Erzählung steht. Die Er⸗ zählungDes Glockenspielers Töchterlein behandelt in anmutiger Form die Her⸗ stellung des Darmstädter Glockenspiels in

den Jahren 1671 und 1672 und führt uns

ein anschauliches Bild von dem Leben und Treiben in Alt⸗Darmstadt vor. Besonders wertvoll sind die Einleitungen, die der Herausgeber jedem Bande beigegeben hat. Der erste Band enthält eine eingehende Würdigung Pasqués und eine Darstellung seines Lebensganges, die Einleitung des zweiten Bandes beschreibt die Vorgänge bei der Herstellung des Glockenspieles. Essel⸗ born schöpft hier, wie immer, aus den Quellen, auch hier ist erstaunlich, wie exakt er arbeitet und wie genau und zuverlässig seine Darbietungen auch in Einzelheiten, so in Zahlen und Daten, sind. Jeden Ge⸗ schichtsfreund werden seine Ausführungen fesseln. Sicherlich wird sich dieHessische Hausbücherei viele Freunde erwerben; der erste Band hat namentlich in der Pfalz große Verbreitung gefunden und ist nahezu ausverkauft. Die beiden Bände eignen sich vorzüglich für Volksbibliotheken und sind eine für die strebsame Jugend sehr geeignete Lektüre. Erschienen sind sie im Verlag der Litera, A.⸗G. in Darmstadt. H. B

Tu das deine, trau auf Gott.

Der Mensch kann sich sein Schicksal bauen, Soll Schmied sein seines eignen Glücks. Er soll auf seine Kraft vertrauen

Und auf die Gunst des Augenblicks.

Er soll, wenn alles wankt und fällt,

Als Mann sich zeigen und als Held.

Dabei soll niemals er vergessen Den, der die Baustein' ihm geliehn Und soll im Glück sich nicht vermessen Zu glauben, es müßt' immer blühn. Oft wird's am Morgen anders sein Als es noch war bei Abendschein.

Auf festen Baugrund soll er bauen Und vor die rechte Schmiede gehn. Der feste Grund heißt Gottvertrauen, Die Schmiede heißt, auf Christum sehn. Dann wird, mag alles auch vergehn, Vor Menschen er und Gott bestehn. F. R.

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