Ausgabe 
8.1.1922
 
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zufallen. In breiter Front vom Rhein gegen die Lahn vorgehend, drängte er den von Karl mit ungenügenden Kräften dort zurückgelasse⸗ nen General von Wartensleben über diesen Fluß zurück und durch Nassau und die Gegend von Wetzlar und Gießen in zahl⸗ reichen Gefechten immer weiter über Frank⸗ furt hinter den Main und durch Franken bis in die Oberpfalz.

In diesen Abschnitt des Feldzugs fällt die Besetzung der oberhessischen Festung Gießen durch die Franzosen, und zwar durch die Division Lefebvres.

Am 11. Juni, also wenige Tage vor dem Gefecht bei Wetzlar, hatte Gießen an Stelle des in die Umgegend abgerückten hessischen Bataillons eine österreichische Besatzung er⸗ halten, von der aber nach dem Abmarsch des Erzherzogs Karl nach Schwaben nur schwache Teile zurückgeblieben waren. Kaum vier Wochen später, am 7. Juli, erschienen Lefebvres Vortruppen auf der Hardt und warfen die sich ihnen entgegenstellende Be⸗ satzung in die Festung zurück. In der fol⸗ genden Nacht verließen die Oesterreicher die Stadt, die am frühen Morgen des 8. Juli dem General Mortier ihre Tore öffnen mußte. Von nun an behielt Gießen eine Infanteriekompagnie in der Stärke von 60 Mann, der 6 Dragoner beigegeben waren, als ständige Besatzung unter dem Befehl des Hauptmanns Yyven, der sich in der Folge als braver Charakter erwies und der Bürgerschaft die schwere Zeit feindlicher Besetzung nach Möglichkeit erleichterte. In steter Zusammenarbeit mit einer aus Mit⸗ gliedern der Regierung, des Stadtvorstandes und der Universität gebildeten Kriegskom⸗ mission, der u. a. der Universitätskanzler Koch, der Schwiegervater Schaumanns, und als Dolmetscher der bekannte französische Lektor Franz Thomas Chastel angehörten, trat Poen bald in ein gutes, fast freund⸗ schaftliches Verhältnis zur Einwohnerschaft und den führenden Männern. Durch Auf⸗ rechterhaltung strenger Manneszucht unter seinen Leuten, die er mit Ausnahme der Offiziere und Unteroffiziere statt in Bürger⸗ quartieren im Rathaus unterbrachte, ge⸗ wann er sich Vertrauen und behütete er den Bürger vor Uebergriffen der Einquar⸗ tierung. Zwar konnte er später bei dem Rückmarsch des französischen Heeres die Stadt nicht vor Requisitionen und Kontri⸗ butionen bewahren, aber er hat doch manches Unrecht durch persönliches Eingreifen ver⸗ hindert und sich auch gelegentlich bei einem General günstig über die Kriegskommission zum Nutzen der Stadt ausgesprochen. Im ganzen hat er bis zu seinem Weggang die Ordnung aufrechtzuerhalten verstanden. Ihm ist es daher zu danken, wenn das Urteil über das Verhalten der Franzosen in Gießen im allgemeinen und auch in dem Schau⸗ mannschen Brief verhältnismäßig so günstig ausgefallen ist. f

Dem Vordringen der Armee Jourdans wurde in der Oberpfalz ein Ziel gesetzt. Bis hierher hatte er den General v. War⸗ tensleben zurückgedrängt, als Erzherzog Karl, der mit Moreau an der Donau ge⸗ kämpft hatte, Wartensleben zu Hilfe eilte, zuerst die von Jourdan nach Neumarkt detachierte Division Bernadottes warf und sich dann gegen den Obergeneral selbst wandte. Jourdan wurde durch das Treffen bei Amberg(24. August) zum Rückzuge auf Würzburg gezwungen, wo ihn am 3. September das Schicksal ereilte. Diese Schlacht entschied über den Ausgang des Feldzuges: Jourdan mußte auf dem Wege, den er gekommen war, an den Rhein zu⸗ rück, scharf verfolgt von den siegreichen Oesterreichern, teilweise in eiliger Flucht vor den Bauern Oberfrankens und anderer Gegenden, die sich infolge unerhörter, von den Franzosen verübter Bedrückungen aller⸗ wärts erhoben hatten.

Nach Gießen war die Kunde von der Niederlage der Franzosen schon wenige Tage nach der Schlacht gedrungen, fand aber bei dem Stadtkommandanten(im Gegensatz zur Kriegskommission und anderenvernünf⸗ tigen Leuten) keinen Glauben. Yven ließ ähnlich wie der Kommandant von Frank⸗ furt durch die Schelle bekanntmachen, daß alle diese Gerüchte boshafte Erfindungen seien, und ließ sich auch ein paar Tage lang durch die immer zahlreicher sich einstellen⸗ den Flüchtlinge, die er für zufällig Ver⸗ sprengte erklärte, scheinbar nicht überzeugen. Am 9. September traf der General Ney ein, dessen Brigade sich vor der Stadt ver⸗ sammelte. Bereits am folgenden Tage er⸗ schienen österreichische Scharfschützen und Husaren vom Buschischen Garten her vor dem Neuenweger Tor und plänkelten gegen die französischen Vorposten, waren jedoch zu schwach, ernsthaft anzugreifen. Als aber am frühen Morgen des 11. September dem General Ney durch einen Meldereiter die Nachricht von dem Anmarsch stärkerer öster⸗ reichischer Truppen gebracht wurde, waren in weniger als einer halben Viertelstunde General, Kommissär und alles, was zum Militär gehörte, verschwunden.

Die zeitgenössischen Quellen, die uns die Geschichte dieser Monate berichten, vor allem dieKriegsgeschichte der Stadt und Vestung Gießen... vom 7ten Juli bis zum 19ten September 1796 von einem Augen⸗ zeugen nebstNachtrag, Gießen 1796, und des obengenannten Lektors ChastelRe⸗ lation der französischen Kriegsbegebenheiten im Jahre 1796 ein Tagebuch über die Zeit vom 4. Juli bis 18. September, weichen nur wenig in der Reihenfolge der nun ein⸗ tretenden Ereignisse und in geringfügigen Einzelheiten voneinander ab. Aber beide ergänzen sich gegenseitig vortrefflich und werden in ihrer Glaubwürdigkeit gestützt