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6 Nun versuche ich ihnen klar zu machen,

ßen. Die Kanoniere haben viel Eifer und große Freude bei dem Beschießen der feind⸗ lichen Flieger.

Sehr wichtig ist eben bei der Verfolgung der Feinde die Tätigkeit der Pioniere. Sie stellen zerstörte Brücken wieder her oder schlagen neue, und machen an sumpfigen Stellen Uebergänge. Sie leisten Vorzüg⸗ liches.

Heute kamen Bewohner des nahegelegenen Janow in den Wald geflüchtet, da die Russen mit Artillerie in den Ort schossen. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern bot uns ein Huhn an, das wir gut bezahlten. Den Kin⸗ dern gaben wir Brot und Gebäck. Nach einiger Zeit kam die Frau wieder und brachte uns Walderdbeeren. Ich schenkte dem Kind eine Mark, worauf es mir die Hand küßte. Heute abend werden wir uns, da uns Wein geliefert worden ist, eine Bowle ge⸗ nehmigen. Die Bewohner sind hier arm, die Häuschen schlecht, der Boden wenig fruchtbar.

20. Juni 15. Gestern ging rechts und

links unseres Biwakplatzes schwere Artillerie in Stellung und unterhielt den Nachmittag ein lebhaftes Feuer. Unsere Erwartung, daß dadurch feindliches Feuer auf unser fried⸗ liches Lager abgelenkt werden könnte, er⸗ füllte sich zum Glück nicht. Ich habe mit dem Flugzeugabwehrgeschütz morgens un abends einen Flieger beschossen und aus unserer Gegend vertrieben. Im übrigen ver⸗ trieb ich mir die Zeit mit Spazierengehen nach dem Wereszyca-Bach, wo unsere Kano⸗ niere Wasser- und Sonnenbäder nahmen und Fische und Krebse fingen. Dann las ich GanghofersReise zur Deutschen Front. Es ist sehr schön geschrieben und redet den Daheimgebliebenen ins Gewissen, daß sie kein Recht haben, ungeduldig zu werden, und daß sie gar nicht opferwillig und freudig genug sein können, wenn sie sich der Opfer der draußen kämpfenden Brü⸗ der würdig zeigen wollen.

Abends kam der Befehl, daß mit baldigem Aufbruch zu rechnen sei, weil die Russen abgezogen waren. Ich wartete bis halb zwei auf die näheren Befehle, konnte dann keinen Schlaf finden und hatte kein Auge zugetan, als wir um halb ein Uhr wieder aufstehen mußten. Um halb drei Uhr begann der Vormarsch über Dabrowica nach Polany, 18 bis 20 Kilometer, meist durch Wald. Da die Lage noch nicht geklärt ist, bezogen wir hier Biwak. Nachmittags ging ein wohltuender Regen nieder. Wir haben uns für die Nacht in einem nahegelegenen Häus⸗ chen Quartier gemacht. Die Bevölkerung ist hier sehr freundlich, aber man kann sich nicht mit den Leuten verständigen. Um für alle Fälle bereit zu sein, wurden die Ge⸗ schütze auf der Höhe zwischen den Häu⸗ sern in Stellung gebracht. Da wurde es den Bewohnern himmelangst, viele weinten.

daß ein Gefecht hier nicht zu befürchten ist, aber es gelingt mir nicht so recht. Etwas beruhigter scheinen sie aber zu sein.

Rechts und links von uns hallt ferner Kanonendonner zu uns herüber, im Walde vor uns ist manchmal Gewehr⸗ oder Ma⸗ schinengewehrfeuer zu hören. In der Rich⸗ tung auf Lemberg, von dem wir nur 18 Kilo⸗ meter in, nördlicher Richtung entfernt sind, steigen dicke, schwarze Rauchwolken gen Him⸗ mel. Entweder haben die Russen die Stadt, die sie nun wohl räumen müssen, oder in der Nähe gelegene Petroleumquellen in Brand gesteckt.

Heute nachmittag war der Kaiser in Da⸗ browica, eine halbe Stunde von hier ent⸗ fernt, wo wir heute mittag durchgekommen sind. Er ging dort lange mit den höheren Offizieren auf der Straße spazieren. Wie gern hätte ich den Kaiser einmal draußen im Felde gesehen, aber da wir in der Vorhut sind, konnten wir leider nicht zurückreiten.

Eben ist es mir gelungen, den Leuten hier klar zu machen, daß die Ruski ganz weg sind und keine Gefahr mehr droht. Ihre Mienen hellen sich auf, und sie reden leb⸗ haft, um allerlei gute Wünsche und Dank für uns zum Ausdruck zu bringen. Mit einem reizenden vierjährigen Mädchen mit

d blondem Haar und tiefbraunen Augen schließe

ich Freundschaft. Gern hätte ich es geküßt, aber es war trotz des Sonntags zu schmutzig.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Gießener Franzosenzeit 1796.

Von Professor Dr. Karl Ebel, Direktor der Universitäts⸗Bibliothek zu Gießen. (Fortsetzung.)

Die geschichtlichen Ereignisse, die der Brief schildert, fallen in das vorletzte Jahr des sogenannten ersten Koalitionskrieges, in dem von 1792 bis 1797 das revolutionäre Frank⸗ reich mit fast dem ganzen übrigen Europa im Kampfe stand. Während dieses langen, mit wechselndem Glück geführten Krieges waren die französischen Heere mehrmals nach Oberhessen und in die Nähe Gießens ge⸗ kommen. Der Husarengeneral Custine hatte Mainz und Frankfurt genommen, ein Teil seiner Truppen in der Wetterau gekämpft. Später focht Jourdans Maas⸗Sambre⸗Armee

an der Nidda und an der Lahn, und zahl⸗ 4

reiche Durchmärsche durch die Provinz brach⸗

ten die Stadt öfter in Gefahr, aber erst im 1

Sommer 1796 fiel sie in feindliche Hand. Am 15. Juni hatte. Karl Jour⸗

dans Truppen unter Lefebvre bei Wetzlar geschlagen und zum Rückzug an den Rhein gezwungen. Da er aber selber mit dem größten Teil seines Heeres nach dem ober⸗

rheinischen Kriegsschauplatz marschierte, sties Jourdan sofort von neuem vor, um durch Franken und die Oberpfalz in Böhmen ein⸗