onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr 2
Gießen, I. S. n. Epiph., den 8. Januar 1922
II. Jahrg.
die wichtigste Missionsarbeit.
Apostelgeschichte 26, 17 u. 18. Ich will dich erretten von dem Volk und den Heiden, unter welche ich dich jetzt sende, aufzutun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Lichte.
Als Paulus als Angeklagter vor dem König Agrippa stand, da hat er sich nach dem Bericht der Apostelgeschichte in sehr wirkungsvoller Weise verteidigt. U großen Zügen gab er ein Bild von seinem seitherigen Leben und Wirken und erzählte dabei die Geschichte des Tages von Damas⸗ kus, die Geschichte seiner Bekehrung. Mitten am Tage sah er damals ein Licht vom Himmel, heller denn der Sonne Glanz, Jesus erschien dem Manne, der auf der Straße dahinzog, berief ihn zu seinem Dienste und gab ihm den Auftrag für sein zukünftiges Leben mit den Worten: Ich will dich erretten von dem Volk und den Heiden, unter welche ich dich sende, aufzutun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finster⸗ nis zum Lichte.
Die Heiden sollen sich zum Lichte bekehren. Das ist nach der Heiligen Schrift zweifellos der Wille Gottes. Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Christen der Gegen⸗ wart? Unter ihnen, sonderlich unter den europäischen Christen, ist in der Gegen⸗ wart nichts weniger als Licht. In Kämpfen, wie sie die Welt nie gesehen hat, mit Mit⸗ teln. die furchtbarer gar nicht sein können, haben die europäischen Christen einander so befehdet, daß unser Erdteil jetzt entsetz⸗ liche Bilder des Jammers und Elendes darbietet. Der Wohlstand ist vernichtet, Mil⸗ lionen von Menschen sind in den Kriegs⸗ jahren in das Grab gesunken, Herzeleid und Trauer gehen über die Lande von der Nor⸗ mandie bis zur asiatischen Türkei. Und nun nach dem Kriege regen sich unter den Völ⸗ kern. die eine so hohe Kultur aufwiesen, Sünde und Greueltat, Habsucht, Eigennutz, Gewalttat und Aufruhr. Halbzivilisierte Heiden werden von unseren Gegnern dazu verwendet, am deutschen Rhein die Wache zu halten. Weiter als der Morgen vom Abend entfernt ist, haben sich die europäischen Völker von den klaren Weisungen entfernt, die der Heiland in seiner Bergpredigt ge⸗ geben hat. Unsere Missionsarbeit ist gestört, nicht nur dadurch, daß unsere Gegner den deutschen Missionaren den Zutritt zu den
von ihnen beherrschten Gebieten verwehren, sondern viel mehr durch das ungöttliche Leben, das die erfüllt, die sich Christen nennen. Darum gilt den europäischen Völ⸗ kern nicht weniger als den Heiden in Afrika und Asien die Mahnung, daß sie sich von der Finsternis zum Lichte bekehren sollen, und unsere wichtigste Missionsarbeit muß die sein, daß das eigene Herz und das eigene Volk die Richtung nehmen, die der Heiland uns gewiesen hat. H. B.
Beim deutschen Beskidenkorps.
Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.
3. Die Kämpfe bei Lemberg.
(Fortsetzung.)
Abends. Wir sind hier den ganzen Tag liegen geblieben. In den großen Waldungen ist die Feldartillerie eingesetzt worden. Der Ruhetag tat einem recht wohl. Da alle Batterien und die beiden leichten Kolonnen nahe beieinander liegen, und zwar an der Bahn Lemberg—Jaworow, so hatten wir durch gegenseitige Besuche Unterhaltung. Auch las ich, schlief und ließ meine Ge⸗ danken heimwärts wandern.
Auf der neben dem Biwakplatz gelegenen Wiese habe ich ein Geschütz zur Abwehr von Fliegern aufgestellt, da diese recht ungeniert unsere Stellungen auskundschaften. Um nicht immer wieder das zum Aufstellen nötige Material zusammensuchen zu müssen, führe ich seit Trzieniec dieses auf zwei eisernen Rädern eines Dreschwagens, die durch eine starke Holzachse verbunden sind, mit; auf dieser Achse liegen die Balken und Bretter nebst Klammern für das Ober- und Unter⸗ gestell. So wird es als zweirädriger Karren, nach Art eines römischen Triumphwagens, mitgefahren. Soll es aufgebaut werden, dann wird das eine Rad aus der Achse her⸗ ausgenommen und diese so in ein Erdloch gestellt, daß das andere Rad wagrecht dreh⸗ bar ist. Darauf kommt ein Gestell aus Holz⸗ balken, auf welches das Geschütz auf Bret⸗ tern hinaufgeschoben wird. Die Räder des Geschützes stehen etwa 1 Meter über dem Erdboden, während der Lafettenschwanz auf diesem ruht. Das Rohr ist steil nach oben gerichtet, was ein Schießen in große Höhe ermöglicht. Mittels des wagrechten Rades kann das Geschütz herumgedreht werden; man kann also nach allen Richtungen schie—


