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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
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Gießen, Jubilate, den 7. Mai 1922
II. Jahrg.
Der Mampf gegen die Welt.
1. Joh. 2, 15. Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. 5
Der Feind(der Christen) ist die zu allem
bösen reitzende Welt, die ligt nun gantz im
argen und wird regiret von dem argen,
i das ist vom Teuffel. In derselben gehet es
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nach dem geschrieben stehet: Die bösen Exempel verführen und verderben das gute, unnd die veitzende Lust verkehrt unschuldige Hertzen. Da werden offtmals mit Sünden verstricket, welche wohl ihr lebenlang so schwer zu sündigen nie keinen vorsatz ge⸗ habt haben, dann wie man bey den frommen from ist, also ist man verkehrt bey den ver⸗ kehrten, wie David sagt im 18. Psalm. Bey den stolzen Weltkindern lernet man Hoffart unnd stoltz, bey den Gotteslästerern und Flüchern lernet man Fluchen und so fort mit gleichmäßigen Sünden, dann wie Chry⸗ sostomus wol geschrieben hat: Wie es schwer ist, einen Baum der an der straßen stehet zu bewahren, daß er alle Früchte zur weiffigkeit bringe, so ist es auch schwer, die Seele und das Gewissen unbefleckt behalten, welche sich der Welt anhängig gemacht haben. Dann ob wohl der Apostel Paulus eyfrig vermahnet: Stellet euch nicht dieser Welt gleich, so prädominieret doch die Weisheit der Welt, beschrieben im Buch der Weis⸗ heit: Wolher, nun laßt uns wohl leben, weils da ist, und unseres Leibs brauchen, weil er jung ist, wir wollen uns mit dem besten Wein und Salben füllen, last uns die Meyenblumen nicht verseumen, last uns Kräntze tragen von jungen Rosen, ehe sie welck werden. Unser keiner laß ihm fehlen mit prangen, das man allenthalben spüren möge, wo wir fröhlich gewesen sind, wir haben doch nichts mehr darvon dann das. Ungeachtet nun sie solches anschlagen und fehlen, dann ihre Boßheit verblendet sie, daß sie Gottes heimliche Gerichte nicht er⸗ kennen, so folgen ihnen doch die gerechten Gerichte Gottes mit ewiger traurigkeit nach. Wo hat dieser Welt Feind hingeführet die erste Welt? In die Leib und Seel verderb⸗ liche Sündfluth. Wohin die schändliche Leut zu Sodoma? In den Schwefel und Fewer Regen deß Zorns Gottes, anderer Exempel jetzo zu geschweigen. Ist also wahr, was Chrysostomus geschrieben: Ein elender zu⸗ stand ist es umb die Welt, viel erbärmlicher
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sind die so der Welt folgen, Wie können wir aber diesem Feind widerstehen, daß wir von ihm nicht überwunden werden? Folgen sollen wir dem getrewen raht des Apostels Johannes in seiner Epistel im andern Ca⸗ pitel: Liebe Kindlein, habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist, so jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe das Vaters. Durch den Glauben müssen wir aller Welt Laster überwinden, damit unsere Herzen dadurch nicht berücket werden, so ist der Glaub schon der Sieg, der die Welt überwunden hat. Sehr schön hat Am⸗ brosius geschrieben: Wer begehret, selig zu werden, der muß sich über die Welt schwin⸗ gen, wann der Leib in der Welt ist, sollen die gedancken, Hertz unnd Seel in dem Himmel seyn. Inmittelst müssen wir von Herzen beten: 5
Ich lig im streit unnd widerstreb, Hilff o Herr Christ, mir schwachen, An deiner Gnad allein ich kleb, Du kannst mich starcker machen. Ludwig Seltzer, Pfarrer zu Gießen, gestorben 1642.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
36. Gießener Zustände in der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts.
(Schluß.)
„Der Spengler Münding wurde seines ärgerlichen Lebens und sündlichen Betra⸗ gens gegen sein Eheweib wegen nachdrück⸗
lich erinnert.“
„Auf unsern Buß⸗, Fast⸗ und Bettag ersten Osterfeyertag hat des sogenannten Juden tauben Itzigs Sohn sich bestialisch betruncken und auf der Straße gelermet und geschrien.— Auch geschiehet die Anzeige, daß die hiesige Juden auf unsere Sonntage ihren Handel treiben und mit Päcken in die Häuser gehen, ingleich richten es die Juden mit Fleis darauf ein, daß ihre Schule zu⸗ gleich mit unserem sonntäglichen Gottes⸗ dienst zu Ende gehet, dahero dann eine Menge von 50, 60 Juden unter den Kirch⸗ leuten vermenget nach Hause gehen.“
„Erschien Meister Henckel, Schuhmacher allhier, welcher eine sehr uneinige Ehe mit seiner Frau führen soll, hatte zwei Messer⸗ stiche, einen an der Hand, den andern am Hals, welche ihm seine Frau zugefüget hätte mit beygefügten Worten: Hund, jetzt


