Ausgabe 
5.11.1922
 
Einzelbild herunterladen

178

stück schlug er so wenig aus, wie eine Ein⸗ ladung zu einer Faßpartie oder einen Schub⸗ karren voll Brennholz. Die private Mild⸗ tätigkeit überbrückte manche Kluft, und Zeichen rührender Dankbarkeit und Anhäng⸗ lichkeit, namentlich älterer Bühnenleute, waren ebenso häufig wie spurlose Verduftun⸗ gen jüngerer. Nach und nach besserten sich diese Zustände, und mit dem Wachsen und Aufblühen der Stadt traten auch für das Theater und seine Angehörigen bessere Zeiten ein. Der Vorhang, in welchem sich in Augen⸗ höhe eine Anzahl Gucklöcher, wohl für jeden Schauspieler eins, befanden und welcher sich beim Hochziehen aufrollte, machte einem neuen Platz, der sich, wenn er sich hob, ineinanderschob. Das ging schneller, geräusch⸗ loser und glatter vonstatten. So war es auch, wenn er herabgelassen wurde. Den gerollten ließ man einfach fallen, wobei die unten ein⸗ genähte Holzstange mit einem dumpfen Klaps auf dem hohlen Bretterboden, dicht vor der Nase des Souffleurs, aufschlug. Der neue Vorhang schwebte geräuschlos und flink her⸗ unter. Die Kulissen boten nach und nach mehr Abwechslung, ebenso wurden aus den zwei Hintergründen im Laufe der Zeit mehrere. Man merkte auch, daß die Staffage mit mehr Sorgfalt gemalt war und nicht mehr abfärbte. Der Lampenfritze, welcher auch gleichzeitig der Theatermaler war, zündete die zu beiden Seiten des Souffleur⸗ kastens, der Rampe entlang angebrachten Bühnenlampen nicht mehr kurz vor Beginn der Vorstellung an, sondern so frühzeitig, daß er dem Publikum den Anblick einer von Lampe zu Lampe kriechenden, lebenden Hockerleiche ersparte. Man sah auch zuweilen neu eingezogene Dielen und wirkliche Türen, durch die man ein⸗ und ausging, im Gegen⸗ satz zu dem bisher üblichen Verschwinden zwischen den Kulissen. Brachte das Stück eine Wirtshausszene, oder ein Familien⸗ fest mit sich, dann gab es wahxhaftiges Bier oder Wein und nicht mehr Luft, die durch undurchsichtige Trinkgefäße zu ver⸗ decken man sich vorher nicht einmal die Mühe nahm. Unter dem Mobiliar erschienen mach und nach ganz neue Stücke. Der Möbel⸗ händler, welcher sie borgte, hatte demnach jetzt mehr Vertrauen zu den Entleihern. Auch die Garderobe wurde abwechslungs⸗ reicher, so daß dem im 5. Akt erscheinenden Enkel, dem die Ehre zugefallen war, im 1. bis 3. Akt als sein eigener Großvater aufgetreten zu sein, der Schmerz erspart blieb, in dessen Kleidern herumzulaufen. Für Könige war mit der Zeit eine gold⸗ papierbeklebte Pappdeckelkrone, wenn sie nicht gar aus Blech bestand, anstatt der Pelzkappe angeschafft worden, und das, der Sprosse eines Treppengeländers ähnelnde, goldene Zepter war auch da. Dagegen fehlte es dauernd an einem richtigen Thron zum Regieren. Da mußte ein Sessel nach wie vor herhalten.

Im Saale aber blieb alles beim alten, nur war der damalige Besitzer, Herr Leib, in der Auswahl der Stühle vorsichtiger ge⸗ worden, nachdem unter einer korpulenten Dame ein solcher mitten in einer Vor⸗ stellung mit lautem Krachen zusammen⸗ gebrochen war.Gott, ä Wolkebruch! soll sie gerufen haben. f

Ein Foyer war entbehrlich, denn dem Bedürfnis, einen hinter die Binde zu gießen, half der neben dem Saaleingang befindliche Bierschalter ab. War dieser geschlossen, so ging man durch den Hof nach vorn in die Gastwirtschaft, wo man Wein, Bier und belegte Brote haben konnte.

In einem Seitenzimmer befand sich auch eine Garderobe, aber der größte Teil der Theaterbesucher betrachtete sie als einen Luxus. Sie war ungünstig gelegen, denn der Menschenstrom drängte bei Schluß der Vorstellung an ihr vorüber und hinderte die Empfangnahme und das Anlegen der aufbewahrten Stücke.

Alles in allem erkennt man aus Vor⸗ stehendem unschwer, welch ein himmelweiter Unterschied zwischen den Theaterverhältnissen vor einem halben Jahrhundert und heute besteht. Aber trotzalledem bleibe ich dabei: Die con Galathea von anno 68 war mein schönstes Theatererlebnis, sie umfängt heute noch meine Seele wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Leben eines Aebeltäters.

(Fortsetzung.) 1

Im Dezember 1801 wurde Jeanbon St. André zum Generalkommissar der vier neuen Departements ernannt. Er ergriff mit großer Schneid seine Aufgabe. Er hielt seine ganzen Maßnahmen geheim, er schrieb alle Befehle und Briefe eigenhändig, um das übliche gegenseitige Ausspionieren der Beamten zu verhüten. 5 5 5

Schinderhannes ging um diese Zeit mit dem Gedanken um, sein schändliches Gewerbe aufzugeben. Er zog öfters als Krämer unter dem Namen Jakob Ofenloch im Lande umher und handelte mit Kleinwaren. Er wandte sich sogar an den Inspektor der Kreuznacher Salinen, Lichtenberger, mit der Frage, ob er kein Mittel wisse, wie er wieder zur menschlichen Gesellschaft zurückkehren könne. Lichtenberger kannte den Räuber schon länger von Bärenbach aus, auch hatte Julie öfters Almosen von ihm empfangen. 0.

Eines Tages begegneten sich die beiden bei Altenbamberg. Schinderhannes, umgehen von sieben anderen Räubern, behandelte Lichten⸗ berger höchst respektvoll und brachte sein Anliegen vor. Der Schwarze Peter betrach⸗ tete lüstern die silbernen Schnallen, die goldene Uhrkette und die neue Jagdflinte des Inspektors. Lichtenberger gab sich auch

Mühe, die Begnadigung des Räubers zu er⸗