Ausgabe 
5.11.1922
 
Einzelbild herunterladen

f

1 2

Ne eee

1

a

*

W N ü 1

onntags gruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 45

Gießen, 2 I. S. n. Trinitatis, den 5. November 1922 Jahrg. II.

Reformationsfest. Evang. Joh. 6, 63. Der Geist ist es, der da lebendig macht.

In den letzten fünf Jahren ist die evan⸗ gelische Kirche sehr in die Oeffentlichkeit getreten. Wir haben eine Reihe von Festen gefeiert, die dem Andenken an die Refor⸗ mation gewidmet waren. Die vierhundert⸗ jährige Jubelfeier der deutschen Reforma⸗ tion fiel in die bewegte Zeit, da Deutschland schwer mit seinen Gegnern zu ringen hatte, und so ist das Fest eigentlich nur in klei⸗ nem Rahmen begangen worden. Man kann bezweifeln, ob es für die Vertiefung des Glaubenslebens günstig gewesen wäre, wenn

diese Säkularfeier in ruhige, glückliche Zeiten

gefallen wäre. Sicher hätte man alsdann ein Fest großen Stiles gefeiert, ein Fest mit viel rhetorischem Aufwand, Festzügen, dramatischen Aufführungen, aber es wäre ohne tieferen Eindruck an den Menschen vorübergerauscht. Vielleicht haben die Deut⸗ schen, als sie das Fest unter dem Drucke schwerer Heimsuchung feierten, um so tiefer das Wort erfaßt: Ein feste Burg ist unser Gott. Vor einigen Wochen haben wir uns dankbar daran erinnert, daß Martin Luther uns die deutsche Bibel geschenkt hat. Am Tage der Himmelfahrt Christi ist in Witten⸗ berg feierlich der evangelische Kirchenbund geschlossen worden. Sehr bemerkenswert waren auch die Verhandlungen, die in den einzelnen deutschen Landeskirchen um ihre Verfassung geführt worden sind. Diese Ver⸗ handlungen sind jetzt abgeschlossen, sie 1 das Interesse weiter Kreise wieder auf ihre Kirche gelenkt.

Doch sagen wir uns, daß weder Feiern, von denen man in allen Zeitungen berichtet, noch Verhandlungen über Verfassungsfragen das rechte Leben in der Kirche schaffen können. Selbstverständlich kann und soll das deutsch⸗ evangelische Volk die Erinnerung an die großen Taten der Vergangenheit nicht auf⸗ geben, aus dieser Erinnerung strömt blei⸗ bender Segen, und sicherlich braucht die Kirche, um lebensfähig zu bleiben, auch eine äußere Verfassung. Damit ist aber nicht alles getan. Wir wollen an diesem Refor⸗ mationsfeste daran denken, daß die Stärke unserer Kirche der in ihren Gliedern ruhende Glaube ist. Wie der oberste Leiter eines kirchlichen Verwaltungslörpers genannt wird, ist höchst gleichgültig, man kann sich

. nur freuen, daß die hessische Landeskirche nicht beschlossen hat, dem Geistlichen, der in der Zukunft an der Spitze unserer Landes⸗ kirche stehen wird, den unevangelischen Titel Bischof zu geben. Es ist auch einerlei, in welcher Form die kirchlichen Wahlen zustande kommen. Die Hauptsache ist die, daß wir gläubige Männer und Frauen und fromme Kinder haben, Gemeindeglieder, die ihre Kirche lieben, die sich weder dem Un⸗ glauben in die Arme werfen noch den ver⸗ derbenbrengenden Sekten Gefolgschaft leisten. Wir brauchen, soll unsere Kirche leben und gedeihen, Gemeindeglieder, die treu zu ihrem Gottesdienste halten, die den Schwachen nachgehen, die Schwankenden ermahnen, die Irrenden auf dem rechten Weg führen, den Armen, Verlassenen und Hungernden Hilfe bringen. Wir brauchen Geistliche, die das Evangelium von Jesus Christus aus leben⸗ diger Ueberzeugung verkündigen, ihre ganze Lebenskraft in ihrem Amte einsctzen und mit dem wissenschaftlichen Rüstzeuge ihrer Zeit ausgestattet sind. Der Geist ist es, der da lebendig macht. Haben wir den Geist

Gottes in unserer Kirche, so ist uns um

ihre Zukunft nicht bange. H. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahre n.

Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

In den 60er Jahren in Gießen Schau⸗ spieler zu sein, das, lieber Leser, war nicht so einfach, wie du dir dies vielleicht heute vorstellst. Da mußten schon höhere Gewalten mitwirken, um den Kunstjünger zu veran⸗ lassen, hier ein Engagement einzugehen. Der mehr wie primitive Theaterbau, die noch primitivere Bühne mit ihren bescheidenen Hilfsmitteln, die Hungergagen und auch die als ungesund und unschön verschrieene Stadt selbst boten dem Schauspieler, der sein Metier verstand, nichts Anziehendes. Es kamen daher vielfach Anfänger oder Stümper und ver⸗ brauchte Kräfte hierher, die die Not drängte, sich à tout prix ein Unterkommen zu ver⸗ schaffen. Mit dem Ansehen des Schauspielers war es daher damals nicht weit her, auch wenn er an und für sich der anständigste Mensch von der Welt war. Der Kampf ums Dasein zwang ihn, sich, wo er konnte, anzu⸗ biedern. Einen Schoppen oder gar ein Früh⸗

5