— 142—
Pfeile, welche bei jedem Schuß im Holze stecken blieben, mußten vorn an der eisernen Spitze angefaßt und herausgezogen werden, sonst brachen sie ab. An jagdbarem Wild war die Scheppeck arm. Nach Singvögeln schossen wir nicht, und die Spatzen hatten den. „Schnuppen“ bald heraus. Wenn wir nach der Schule im Garten erschienen, verschwan⸗ den sie, und so blieb nur noch Nachbar Wittichs Katze übrig, die Minka, die eine eifrige Vogelstellerin war und manchem Singvögelchen den Garaus gemacht hat. Aber die paßte wohl auf, denn sie war, wenn sie sich auf ihren Streifzügen sehen ließ, stets durch Steinwürfe verscheucht worden. Ihr Geschick erreichte sie dennoch eines Tages.
Hinter dem vorerwähnten Gartenhäus⸗ chen lag ein ehemaliges Hoftor aus Latten. Diese durften wir auf unser Betteln dazu verwenden, einen Kaninchenstall zu bauen. Wir nahmen die Latten vom Hoftor ab und nagelten ein etwa 1 Meter hohes, ebenso langes und/ Meter breites Lattenhäuschen zusammen, zu dessen vechter Seite die Wand des Gartenhäuschens benutzt wurde. Das Dach dieses Bauwerks erhielt eine Schiefer⸗ auflage, um deren Zustandekommen sich ein Junge verdient gemacht hat, der jetzt Ge⸗ heimer Oberbaurat ist. Man sieht die Ver⸗ anlagung zu seinem Beruf steckte schon als Bub in ihm.
Nun war alles in der Reihe bis auf die Stallhasen. Kaninchen, wie man, sie heute züchtet, gab es damals noch nicht in Gießen. Wenn übrigens der Ehemann seiner Haus⸗ frau zugemutet hätte, ein Kaninchen zu einem Braten herzurichten, so wäre sie ent⸗ weder in Ohnmacht gefallen oder hätte die Scheidungsklage eingereicht, je nach der Ver⸗ anlagung. Der Stallhase war ein Spiel⸗ zeug der Kinder und bei den Landwirten ein althergebrachter Gesellschafter des Rindviehs, dem er im Stall zwischen den Beinen herumlief. Er ernährte sich von dem, was das Vieh beim Fressen herumstreute. Welche Gründe zum Halten von Stallhasen für den Viehbesitzer maßgebend waren, ist mir nicht bekannt. Vielleicht wurden diese Tiere des⸗ halb gehalten, weil sie keinerlei Unkosten verursachen und mit einer geradezu ver⸗ blüffenden Unermüdlichkeit und Ausdauer an der Produktion des Mistes teilnehmen, von dem der waschechte Landwirt damals ja nie genug haben konnte. Unser Lieferant war ein Gießener Kernhürger namens Braun in der Mühlgasse, dessen Frau uns für 12 Kreuzer(35 Pf.) vier Hasen verabfolgte. Es war ziemlich umständlich, diese zu fangen; denn im Stall herrschte Dunkelheit, und der Bildungsgrad der Kühe und Ochsen war da⸗ mals wie heute sehr gering. Das Vieh benahm sich während unsexer Karnickeljagd ausgesprochen unmanierlich. Es kam uns dies erst recht zum Bewußtsein, als wir uns beim Tageslicht unsere Kleider besahen. Wir
hatten für die 12 Kreuzer außer den vier Hasen auch noch den Dung für eine kleine Landwirtschaft unfreiwillig mitgenommen. Dadurch war die Freude an unseren Tier⸗ chen getrübt. Im Laufschritt und den Leuten ausweichend, stürmten wir in die Scheppeck, wo uns Frau Sch., als wir 15 von weitem unsere Kaufobjekte zeigten, freundlich ent⸗ gegenlächelte. Aber als wir näher, kamen! Die gute Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Gretchen, das Dienst⸗ mädchen, wollte sich totlachen. Mit Schwamm, warmem Wasser und Seife wurde an mir herumgewaschen, denn so durfte ich nicht. nach Hause kommen. Meine beiden Freunde mußten ihre beschmutzten Kleider mit dem Sonntaganzug vertauschen. Dann bewunderten wir unsere Hasen, holten ihnen Krautblätter und freuten uns an ihrem Appetit. Als ich abends nach Hause kam, merkten meine Angehörigen sofort, daß ich nach Stallparfüm roch. Ich erzählte den ganzen Sachverhalt, und so wanderten meine Kleider unverzüglich in den Waschzuber. In den nächsten Tagen wurde unsere freie Zeit fast ausschließlich den Kaninchen ge⸗ widmet, und die Indianerei nur nebenher
betrieben. Als ich kurze Zeit darauf eines
Sonntagsmorgens zu meinen Freunden kam, herrschte daselbst große Betrübnis. Wittichs Minka hatte in der Nacht, mit ihren Pfoten durch das Lattengitter unseres Hasenstalles fassend, zwei der Insassen umgebracht, Das Holz war blutig, und man sah deutlich, daß sie versucht hatte, die Tierchen stückweise herauszuziehen. Wir hielten einen Kriegsrat ab und verurteilten das gelbweiße Ungetüm zum Tode. Unseren Vorstellungen bei der Familie Wittich wurde zwar freundliches Gehör geschenkt und das Mißgeschick be⸗ dauert, auch hielt Frau Wittich der gerade anwesenden Minka eine Pvedigt, aber diese, wie auch unsere Anspielungen, daß zwei Hasen 8 Kreuzer gekostet hätten(2 Kreuzer hatten wir vorsorglich drauf A981 waren im wahrsten Sinne des Wortes für die Katze. Wir zogen unverrichteter Sache ab, und Minka schlich, wenn sie sich un⸗ beobachtet wähnte, nach wie vor um den Hasenstall herum. Eines Tages, als wir von einem Spaziergang zurückkehrend, den Hasenstall in Sicht bekamen, sahen wir die Katze zusammengekauert vor diesem sitzen.
Ein Steinwurf scheuchte sie auf, und da Nel
ihr den Weg versperrten und sie weiter bombardierten, flüchtete sie, in die Enge ge⸗ trieben, auf einen hohen Holunderbaum. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Einer hielt Wache, wir beiden andern holten unsere Bogen und Pfeile und durch ihr falsches Katzenherz getroffen fiel sie vom Baum herunter. Wir zogen die Pfeile heraus und warfen die Räuberin in die Wieseck. Wittichs
wissen bis heute noch nicht, wo ihre Minka
hingekommen ist. (Fortsetzung folgt.)
.


