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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 36 Gießen, 12. S. n. Trinitatis, den 3. September 1922

II. Jahrg.

Der deutsche Wald.

Jes. 44, 23. Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und seine Bäume darin! 5

In diesen Sommertagen offenbart der deutsche Wald seine ganze Herrlichkeit. Im dunkelgrünen Gewande steht er vor uns, in den Tannen singt der Wind sein uraltes Lied, an den steinigen Abhängen reifen die Brombeeren, zwischen dem Gesträuch wächst das Heidekraut, ein Wohlgeruch ohnegleichen durchzieht das grüne Revier, nach den Regengüssen der letzten Wochen strömen überall die Wasser rauschend und brausend u Tal, durch das Dickicht bricht das Wild, Vogelstimmen ertönen von den Bäumen. Wer diesen Wald in seiner Schönheit kennen lernen will, der darf nicht dahin gehen, wo⸗ hin sich in der Regel der Strom der Men⸗ schen ergießt, wo sie mit Musik und Stim⸗ mengewirr Lärm machen, er muß vielmehr weit wandern, bis ihn die Waldesstille um⸗ gibt bis er keinen Laut mehr hört als den des Hähers, der über die Wipfel fliegt, keinen Ruf mehr als den des Kuckucks, bis er völlig weltabgeschieden und mit der Natur allein ist.

Unter allen deutschen Dichtern hat keiner den deutschen Wald so formvollendet und in so inniger Weise gepriesen als Joseph Frei⸗ herr von Eichendorff. Ihm war der Wald eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister muß ich loben, so lang noch mein Stimm' er⸗ schallt. Schirm dich Gott, du deutscher Wald! In der Tat sehen wir im Walde Gottes ewiges Wirken. Die Zeiten ändern sich, die Menschen kommen und gehen, eine Regierung löst die andere ab, der Wald bleibt sich immer gleich. Die Eiche breitet ihre Zweige aus, die Birke leuchtet im Sonnen⸗ licht und im Schein des Mondes, Ahorn, Buche und Linde streben aus dem Boden empor, die Drossel singt, und die Insekten summen, heute wie vor Jahrhunderten. Es ist kein Zufall, daß die Menschen in alter

Zeit Gott im Walde und in heiligen Hainen

angebetet haben, die Fülle der Natur und die feierliche Stille, die sie im Walde fanden, mögen sie dazu getrieben haben. Wir haben kein Wort des Heilandes, das vom Walde redet. Das liegt daran, daß Jesus in einem Lande lebte, das Wälder in unserem Sinne kaum kannte, aber er, der am Getreide⸗

felde, an den Lilien und an den Sperlingen Gottes Walten erkannte, gibt uns das Recht, den Wald als eine Offenbarung Gottes an⸗ zusehen. Von Franz von Assisi wird erzählt, er habe eines Abends, als er gerade im Psalter las, den Ruf der Grille vernommen, da habe er das Buch auf die Knie sinken lassen, um der Stimme Gottes in der Natur zu lauschen. Waldesstille macht die Seele, die dem wild erregten Meere gleicht, wieder ruhig, auf einsamer Waldwanderung löst sich mancher Zweifel, und die Natur trägt Frieden hinein in das gequälte Herz. Der treffliche Kenner des deutschen Volks⸗ tums, Wilhelm Heinrich Riehl, hat einmal gesagt, daß eines Volkes Kraft ungebrochen bleibe, solange es noch viel Wald besitze. Das ist wahr. In der Waldeinsamkeit herrschen noch einfache Sitten, dort ist zumeist noch Gottesfurcht und Glaube zu finden, die gute Art der Urväter kann dort nicht unter⸗ gehen.Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet und alles, was gebrestenhaft, aus Leib und Seele scheidet. Noch hat Deutschland einen großen Wald⸗ besitz. Das ist ein Trost in dieser schweren Zeit. Möge der deutsche Wald mit dazu beitragen, daß unser Volk wieder gesundet und sich gegenüber dem Vernichtungswillen der Gegner behauptet.Schirm dich Gott, du deutscher Wald! H. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen

37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Ich zeigte ihnen, wie diese hergestellt werden mußten, und so fertigte sich jeder einige an. Für die Bogen holten wir uns aus den inzwischen verschwundenen Erlen⸗ büschen des Bruchbachs in der Stephans⸗ mark die Bügel, die wir an der Sonne trockneten, nachdem wir sie von den Aest⸗ chen und Knoten befreit hatten. Nach einigen Tagen war alles in Ordnung, und nun wurde mit Kreide ein Vogel an die Holz⸗ tür des verschließbaren, einem mächtigen Kleiderschrank als Unterkunftsraum dienen⸗ den Gartenhäuschen in Sch.'s Garten gemalt und darauf geschossen. Anfänglich geschah dies aus der Nähe, dann vergrößerten wir die Abstände, und so erlgngten wir schließlich eine beachtenswerte Schußsicherheit. Die