und die schließlich auch in dem Briefe zu⸗ tage tritt. Wir werden später sehen, wie er sein Urteil verbessert.
Der im Brief nicht mit Namen genannte Empfänger, Gottlieb Hufeland, war ein Sohn Westpreußens, im Jahre 1760 in Danzig geboren und, als er den Brief emp⸗ fing, Professor des Lehnrechts und Beisitzer des Schöppenstuhls in Jena. Sein bewegtes Leben führte ihn 1803 als Professor der Pandekten nach Würzburg, von da 1806 nach Landshut, 1808 als Bürgermeister nach seiner Vaterstadt Danzig, die ihn ohne sein Zutun auf diesen schwierigen Posten berufen hatte. Jufolge von Mißhelligkeiten legte er schon 1812 sein Amt nieder und kehrte als Professor für römisches Recht, Polizei und Staatswirtschaft nach Landshut zurück, wandte sich aber, da sich seine feste Anstel⸗ lung jahrelang hinauszog, infolge seiner mißlichen Lage verbittert, im Jahre 1816 far Halle, wo er im folgenden Februar ar?
Hufeland,„ein mit tiefer philosophischer Bildung ausgerüsteter Rechtsgelehrter“, war einer der Erneuerer der Lehre des Natur⸗ rechts. Er gab 1785 seinen„Versuch über den Grundsatz des Naturrechts“ und 1790 ein„Lehrbuch des Naturrechts“ heraus, das 1795 in zweiter Auflage erschien. Diese seine
Widmung Schaumanns. (Fortsetzung folgt.)
Weihnachten und Neujahr in der Heimat. Jugenderinnerungen. (Schluß.)
Deshalb prägte sich uns, als wir noch Kinder waren, die Weihnachtsfeier so tief in das Gemüt, weil sie sich auf den heiligen Abend und die beiden Festtage beschränkte und nur in der Familie und in der Kirche begangen wurde. Heute gibt es in den Städten schon vor dem Feste eine solche Fülle von Weihnachtsfeiern, daß man zum eigentlichen Feste etwas ermüdet und über⸗ sättigt herankommt. Die ewigen Auffüh⸗ rungen und Verlosungen haben zur Folge, daß den Menschen der tiefe Gehalt der Weihnachtsfeier verloren geht.
Am Nachmittage des zweiten und dritten Festtages war im Dorfe lebhafte Bewegung; denn die Dienstboten„wanderten“, sie wech⸗ selten ihre Stellen. Die Knechte oder, wie sie jetzt heißen, die„landwirtschaftlichen Ge⸗ hilfen“ taten das am zweiten, die Mägde— jetzt wird man sagen, die„Hausangestellten“ — am dritten Tage. Die Knechte taten das mit starkem Peilschenknallen, die Mägde hatten auf ihren Kisten, die auf dem Bord⸗ wagen standen, Platz genommen und fuhren nach der neuen Stelle.
In einem Jahre war das Weihnachtsfest in der Heimat recht gestört, kurz zuvor hatten in einem Abstande von wenigem
Bedeutung in der Wissenschaft erklärt die
1
Tagen zwei Brände stattgefunden, jedesmal waren Scheuern, die mit Stroh gefüllt waren, in der Nachtzeit in Flammen auf⸗ gegangen. Offenbar lag Brandstiftung vor. Die Gemüter waren erschreckt und erregt, man befürchtete weitere Untaten des Brand- stifters, der übrigens nie ermittelt wurde. Da ordnete der Ortsvorstand an, daß die Männer abwechselnd im Dorfe die Wache übernehmen sollten. Je zwei Mann pa⸗ trouillierten von abends 10 Uhr bis mor⸗ gens 5 Uhr durch die Straßen. Es war natürlich erlaubt, sich für Geld einen Ersatz⸗ mann zu beschaffen. Meine Eltern hatten hierfür schon einen Mann angenommen, als ich, damals 17 Jahre alt und in den Weihnachtsferien zu Hause verweilend, mit aller Energie erklärte, daß ich den Wach- dienst versehen wolle. Es kostete lange Unter⸗ handlungen, bis das genehmigt wurde. So zog ich denn mit einem jungen Mann, der zwei Jahre älter war als ich, auf Wache. Unsere Waffen bestanden in„Waldrevol⸗ vern“, nämlich in handfesten Stöcken; das war gut; denn damit konnten wir nicht viel Unheil anrichten. Wir durchzogen in der Nacht vom zweiten auf den dritten Festtag die in nächtlicher Ruhe liegenden Straßen, Gassen und Gäßchen. Kalt war es nicht, aber auf die Dauer wurde die Sache doch langweilig. Das Romantische des Wach⸗ dienstes, auf das ich gehofft hatte, blieb aus. Als mein Kamerad sich von mir getrennt hatte und ich am dunklen, frühen Winter⸗ morgen allein nach Hause schritt, hatte ich einen leichten Schreck. Als ich nämlich an der hohen Mauer des Kirchhofes vorüber⸗ gehen wollte, stand eine dunkle Gestalt vom Erdboden auf und veckte sich an der Mauer riesengroß in die Höhe. Einen Augenblick stutzte ich, dann wurde ich gewahr, daß es mein eigener Schatten war, der sich da auf⸗ richtete. Hinter den dünnen Schneewolken war der Mond, ohne daß ich das beobachtet hatte, erschienen und hatte den Schatten hervorgerufen. Mir ist das ganze Erlebnis deshalb interessant, weil ich sagen kann, daß ich in meinem Leben auch einmal Nacht- wächter gewesen bin.
Still, in dörflicher Ruhe vergingen die Tage„zwischen den Jahren“, zwischen Weihnachten und Neujahr. Am Silvester⸗ abend knallten, alter Sitte gemäß, in den Höfen und abgelegenen Gassen die Pistolen, mit denen man das neue Jahr anschießen wollte. Kaliber aller Art kamen da zum Vorschein, sicherlich auch Pistolen, die die Urgroßväter sich angeschafft hatten, als der Räuber Schinderhannes im Lande sein We⸗ sen trieb. Um zwölf Uhr, wenn die Glocken läuteten, begann eine förmliche Kanonade. Der Polizeidiener und der Nachtwächter soll⸗ ten das Schießen nach Möglichkeit verhin— dern, zu diesem Zwecke waren ihnen Hilfs- kräfte beigegeben. Die jungen Männer, die im abgelaufenen Jahre geheiratet hatten,


