Ausgabe 
31.7.1921
 
Einzelbild herunterladen

S

emeindeblatt für die evangelische

onntagsgruß

Kirchengemeinde Gießen

I

Gießen, 10. Sonnt. n. Trinitatis, den 3]. Juli 1921

10. Jahrg.

Unser Gotteshaus.

Psalm 150, 1. Lobet den Herrn in seinem Heiligtum.

Am 29. Juli dieses Jahres waren hundert Jahre verflossen, daß die Stadtkirche zu Gießen eingeweiht wurde. Die evangelische Gemeinde Gießen feiert diesen Tag mit Dank und Freude. Zwölf Jahre lang hat man an dem Gotteshause gebaut, die Be⸗ strebungen eine neue Kirche an Stelle der früheren Stadtkirche zu errichten, erstrecken sich auf einen Zeitraum von 209 Jahren. Als man an jenem Sommertage des Jahres 1821 das Gotteshaus weihte und dem Ge⸗ brauche übergab, war die Welt anders als heute. Gießen war damals eine Kleinstadt, die erst vor wenigen Jahren ihren Festungs⸗ gürtel abgestreift hatte. Das Leben in der Stadt war eng und klein, der Verkehr war dürftig. In einem aber war diese alte Zeit der unseren gleich, sie war nämlich eine arme Zeit; denn wie heute, so war damals ein langjähriger, verderbenbringender Krieg vorausgegangen. Die Zeit nach 1821 war jedoch eine Zeit des Aufstieges für das ganze deutsche Volk und für die Stadt Gießen. Die vordem enge und winklige Stadt dehnte sich weit über ihre alten Grenzen aus. Der Bau der MainWeser⸗Bahn und die Errich⸗ tung der übrigen Bahnlinien, die die Stadt Gießen berühren, machten sie zu einem wichtigen deutschen Verkehrsmittelpunkte. Waren in früheren Jahrhunderten Handwerk und Ackerbau neben der Pflege der Wissen⸗ schaft und der Betätigung für das öffentliche Wohl die einzigen dort betriebenen Zweige menschlicher Tätigkeit, so kam allmählich eine sich immer mehr steigernde industrielle Be⸗ tätigung hinzu. Die Universität gewann von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an Bedeutung, ein immer größerer Zustrom von Studierenden. war zu verzeichnen, und der hessische Staat hat es sich angelegen sein lassen die einzel⸗ nen Institute derHochschule, wie man früher gern sagte, auszubauen. Freilich auf den großen Aufstieg ist nun der uns allen so schmerzliche Rückgang gefolgt, ein Rück⸗ gng, den wir erst in den nächsten Jahren in seiner ganzen verderblichen Auswirkung spüren werden.

In all dieser Zeit ist unser Gotteshaus die Stätte der Anbetung und Erbauung ge⸗ wesen. Viele tausende 1 1 Men⸗ schen haben in ihm Kraft und Trost aus Gottes Wort entnommen und sind dadurch

gestärkt worden, den schweren Lebensweg fortzusetzen. Die heilsbegierige Jugend ist in dieser Kirche zu Gott geführt und auf dem rechten Lebensweg erhalten worden. Mühselige und beladene Menschen haben dort durch die Beteiligung an der Feier des heiligen Abendmahles die Kräfte der Ewig⸗ keit in sich aufgenommen. Gut geartete Kin⸗ der haben bei der Konfirmation gelobt, Gott allezeit vor Augen und im Herzen zu haben und bei Jesus zu bleiben. Junge Paare haben einander versprochen: Wo du hingehst, da will ich auch hingehn. Für all diesen Segen danken wir heute Gott, wir loben ihn in seinem Heiligtum, daß er unser Gotteshaus hundert Jahre lang vor der Vernichtung durch die Elemente und vor Kriegsstürmen verschont hat. Denken wir an das Schicksal, das so viele Kirchen in den Jahren 1914 bis 1918 erlitten haben, so können wir Gottes bewahrende Treue nicht genug rühmen. Seit 28 Jahren ist zu der Stadtkirche ein neues Gotteshaus hinzugekommen. Gott wolle über unsere beiden Kirchen auch in der Zukunft schützend die Hand halten und sie wie seither zu Stätten des Segens für Zeit und Ewigkeit werden lassen! H.,

die Geistlichen der Stadtkirche.

Seit dem Bestehen der Stadtkirche, also in der Zeit von 1821 bis 1921, haben an der Stadtkirche zu Gießen folgende Geist⸗ lichen gewirkt:

1. Johann Friedrich Christoph Buff, geb. 13. Oktober 1756 zu Gladenbach, gest. zu Gießen 13. März 1826, in Gießen tätig 17841826, zuletzt als erster Stadtpfarrer, erster Burgpfarrer und Superintendent.

2. Dr., Ludwig Adam Dieffenbach, geb. 19. April 1772 zu Dietzenbach, gest. 26. No⸗ vember 1843 zu Gießen, in Gießen tätig 1798 bis 1843, zuletzt als zweiter Stadt pfarrer und außerordentlicher Professor der Theologie.

3. Dr. Philipp Christian Jakob Engel, geb. 27. Februar 1790 zu Gießen, gest. 24. März 1864 zu Gießen, in Gießen tätig 1810 bis 1864, zuletzt als erster Stadt⸗ pfarrer, Dekan und Geh. Kirchenrat.

4. Philipp. Wilhelm Christian Bonhard, geb. 7. Juli 1795 zu Nordenstadt, gest.

10. März 1859 zu Trebur, in Gießen zweiter Pfarrer 1839 bis 1852, von da ab bis zu seinem Tode Pfarrer zu Trebur.