6
10
sehr häufig durchschnitten unsere Stellungen dem Feind verraten. Wer bei feindlichen Handlungen ertappt wird, wird erschossen.
Wir haben hier große Schwierigkeiten mit dem Wasser zum Kochen, da in allen Bächen
tote Menschen und Pferde liegen.
25. Mai 15. Abends. Die drei Pfingst⸗ tage waren wirkliche Ruhetage für uns, da wir in Reserve blieben. Am Abend des ersten Feiertages ging ich mit meiner Batterie von Jordanowka aus etwas zurück auf eine Waldwiese an den Rand des Waldes, in dessen Schatten die Pferde untergestellt wur⸗ den. Wir schlugen die Zelte auf und gönnten uns morgens längere Ruhe. Da wir aber kein Stroh haben, ist das Liegen unmittelbar auf dem harten holperigen Ackerboden un⸗ bequem. Tagsüber weiden die Pferde, die Mannschaften gaben sich dem süßen Nichts⸗ tun hin Gestern nachmittag fand ein schö ner Feldgottesdienst in der Nähe statt. Den dritten Feiertag ließ ich dazu benutzen, die Uniformen und Waffen instand zu setzen. Am Waldesrand sitzt der Batterieschneider an einer Nähmaschine, die er noch von Frankreich her mitführt; er hat immer viel Arbeit, ebenso der Schuster. Die Uniformen werden doch jetzt recht brüchig; es sind noch die ersten, die bei Kriegsausbruch empfan⸗ gen wurden.
Unsere Vorräte sind jetzt aufgebraucht; nun können wir die vielen Päckchen brau⸗ chen. die seit 7. Mai für uns unterwegs sind. Sie kommen aber sicher an, wenn wir wieder im Vormarsch sind und nicht alles sorgfältig verpacken und ruhig genießen können. Das Essen und Trinken ist dauernd knapp. Dabei immer die größte Hitze und der entsetzliche Staub. O, dürfte man einmal ein Glas Wasser trinken! Aber wegen der Cholera⸗ und Typhusgefahr muß man diese Gelüste unterdrücken. Für die Cholerazulage, die wir seit dem 17. April beziehen, soll besseres Essen und vor allem auch mehr Getränke, Bier, Wein, Mineralwasser, geliefert wer— den; aber es ist bis jetzt so gut wie nichts an uns gekommen, und, ob es nachkommt, weiß ich nicht. Heute verbrachte ich viel Zeit mit Zeitungslesen. Leutnant Thüre hält die„Kölnische Zeitung“, sie kommt aber leider nicht regelmäßig an, sondern manch⸗ mal ein ganzer Stoß, so auch gestern abend. Die neueste Nummer war die Morgenaus⸗ gabe vom 17. Mai. Darnach scheint es mit dem Durchbruch der Franzosen bei Arras doch nicht so schlimm zu sein. Derartige Mißerfolge müssen ja vorkommen, so ging es auch in Kurland an einigen Stellen; aber im großen Ganzen hat uns der Mai doch sehr große Erfolge gebracht. Unerfreu⸗ lich ist ja der Eintritt Italiens in den Krieg auf seiten der Gegner, unbegreiflich bei den weitgehenden Zugeständnissen Oesterreichs. Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, dann muß Italien unterliegen, und statt des kampf—
des abgefunden a
4. und 5.
losen Gewinnes, den es ausschlug, noch mit
— 139—
Verlust abschneiden. Wir haben uns nun schon mit dem Hinzutritt dieses neuen Fein⸗ und hoffen zuversichtlich uf einen guten Ausgang des Ringens. Die uns gegenüber sich hartnäckig wehrenden Russen sollen zurückgeworfen werden, damit die dritte österreichische Armee, zu der unser deutsches Beskidenkorps gehört, mit der elf⸗ ten deutschen Armee des Generals von Mackensen Fühlung bekommt und Przymysl
eingeschlossen wird. Aber es scheint schwer zu sein. dieses Ziel zu erreichen.
27. Mai 15. Die Batterie lag gestern noch den ganzen Tag an dem schönen Bi⸗ wakplatz. Um 11 Uhr vormittags wurden die Batterieführer zur Abteilungsbeobach⸗ tungsstelle vorgeholt. Diese befindet sich nördlich von Jordanowka an einem Wald⸗ rand neben den Beobachtungsstellen des Ge—
nerals von der Marwitz, des Führers des
Beskidenkorps. unseres Divisions⸗, Bri⸗ gade⸗ und Regimentsstabes. Vormittag hatte die feindliche Artillerie gehörig dahin ge⸗ funkt, da die hohen Herren sich zu ungeniert bewegt hatten. Hauptmann Fresenius und
ich blieben bis zum Abend bei Hauptmann
von Hirschberg, während Hauptmann Ples⸗ ser schon nachmittags mit seiner Batterie in Stellung ging. Um 7 Uhr rückten auch die Batterie vor. Ich ritt voraus, durch das Dorf Horislawice hindurch, an dessen Nordwestrand ich in einer Mulde eine Stellung aussuchte. Bis die Batterie vor⸗ kam war es dunkel, aber der Mond schien. Es wurden etwas Erddeckungen gemacht, da sich Infanteriegeschosse bis hierher verirrten. und dann nach 11 Uhr in den Zelten zur Ruhe übergegangen.
Heute wurde ich um zwei Uhr schon wieder geweckt, bestieg ungewaschen und ohne Kaffee getrunken zu haben, mein Schlachtroß und suchte nach einer Beobachtungsstelle. Ich mußte weit vor,— die Pferde hatte ich vor Hellwerden zurückgeschickt— durch ein Laby⸗ rint von Schützengräben, an schon staxk ver⸗ westen russischen Soldaten vorüber, bis ich in einem verlassenen Schützengraben eine geeignete Stelle fand. Noch etwas weiter vorn, über dem Städtchen Hussakow, hatte ich bosnische Infanterie getroffen, die dort in Reserbe lag. Nun sitzen wir wieder den ganzen Tag in dem Graben. Die Sonne brennt furchtbar; jetzt, nachmittags, hat sich der Himmel etwas bewölkt. Um 2 Uhr wurde die Feldküchensuppe vorgebracht, dann ge— stattete ich mir als einen besonderen Genuß eine Nollita(von Kommerzienrat Noll in Gießen gestiftete Cigarillos). Abends um 5 Uhr verließ ich die Beobachtungsstelle, ging zur Batterie zurück und von da 1½ Stunden auf die Suche nach einer neuen Beobach tungsstelle, da ich von der heutigen den Punkt, den wir morgen beschießen sollen, nicht sehen konnte. Ich kam bis in den vor⸗ dersten Schützengraben, wo mir die Infan— teriegeschosse lustig um den Kopf sausten,


