Ausgabe 
27.3.1921
 
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der Anwendung des Mittels die weiteste rbreitung zu schaffen. Flog der Storch über die Stadt, was im Sommer tagtäglich Pues so sangen die Kleinen, ihn mit den Blicken verfolgend:

Storch, Storch, guter,

Bring mir en Bruder.

Storch, Storch, bester,

Bring mir e Schwester!

Unter solchen Umständen hatte natürlich ein regelrechter, sich der Pflichten seines Berufes bewußter Storch vollauf zu tun. Der Gießener Gemeindestorch, der aus dem Preußischen herübergekommen war, konnte damals ein Liedchen von der Fülle seiner Amtsgeschäfte singen. Oft brachte er es nicht allein fertig, und da mußte ihm die Frau Störchin helfen. Das war es wohl auch, was die beiden allabendlich hoch dro⸗ ben in ihrem Nest in langandauerndem Gellapper ihren Jungen erzählten.

So lange der kleine Gießener noch nicht laufen konnte, verbrachte er tagsüber die Zeit im Bettchen oder auf einer sonstigen improvisierten Unterlage, je nach dem Luxus, den sich die Eltern gestatten konn⸗ ten. Vielfach legte man auch ohne viel Um stände das Kindchen auf das Bett des Vaters oder der Mutter. Ob das vom Standpunkte der häuslichen Ordnung richtig war, wollen wir dahingestellt sein lassen, jedensalls machte man sich damals darüber keine Kopsschmerzen. Die beschränkten Wohnungsverhältnisse außerhalb der vier Schoren standen zu dieser Zeit nur wenige Häuser zwangen, über manches hinwegzusehen, was man gegenüber heutigen Gepflogenheiten als einen Verstoß betrachten würde. Aber auch mit anderen Dingen, die mit dem Raummangel nichts zu kun hatten, nahm man es ebenfalls nicht so genau. Es lag überhaupt im Charakter der damaligen Zeit, im Haushalt nicht viel Federlesens zu machen. Die Eltern hatten ihre Arbeit, und wo Dienstmädchen im Hause waren, mußten diese nicht nur bei den häuslichen Obliegenheiten, sondern auch in der Wirtschaft, beim Handwerk, Geschäft usw. tüchtig mitanpacken, so daß für die Kinderwartung nicht viel Zeit übrig blieb. Bei schönem Wetter wurde eine Ausnahme gemacht und der Kleine ins Freie getragen, aber beileibe nicht vor der Taufe; der Aberglaube verbot dies. Auch durfte man kleine Kinder nicht zum Fenster hinaus⸗ oder hereinreichen oder über sie hinweg⸗ steigen. Das brachte dem Kinde irgendeinen Nachteil.

Die Taufe feierte man in den Gießener bürgerlichen Familien in althergebrachter Weise als ein schlichtes aber weihevolles und hehres Fest. Die ganze Wohnung wurde auf den Kopf gestellt, geputzt und gefegt, der Fußboden geschrubbt und, wo es üblich war, mit weißem Sand bestreut, frische

Gardinen wurden aufgehängt! kurzum, es mußte alles blitzblank sein, denn der Pfarrer

sechste Bub. Auf

kam in das Haus, und ihm durfte man sich in allem nur von der besten Seite zeigen. eee wurden auch Kuchen ge⸗ acken, denn an die Taufe schloß sich ein

geselliges Beisammensein der gesamten Tauf;

gesellschaft bei Kaffee und Kuchen. Wein und sonsligen Genüssen, wie sie eben die Verhält⸗ nisse der Familie gestatteten, an, Dabei ging es gemessen aber doch gemütlich zu, und manche Taufe blieb den Teilnehmern zeitlebens eine schöne Erinnerung. Der Pfarrer ließ sich, mitunter nicht ungern, bewegen, ein Stündchen dazubleiben. Das wurde stets als eine große Ehre angesehen, und wenn später von dem schönen Verlauf

der Taufe bei Bekannten die Rede war, ver⸗

säumte man nie, hervorzuheben, daß der Pfarrer an der Anschlußfeier teilgenommen habe. Pfarrer Engel),das Kirchenrätche, war in der damaligen Zeit ein ganz besonders gern gesehener Gast bei solchen Gelegen⸗ heiten, denn er fühlte sich wohl unter seinen Pfarrkindern, und diese bekamen dann manche hielt er in der Familie N b Laufe der Nachfeier eine kleine Ansprache, in welcher er auch erwähnen wollte, das wievielte Söhnchen der Täufling sei. Da er dies aber nicht wußte, unterbrach er einen Augenblick lang seine Rede, neigte sich nach der neben ihm sitzenden Mutter des kleinen Weltbürgers und fragte halblaut:Der wie⸗ vielte Bub?Der vierte, antwortete diese, leise zwar, aber es hörten es doch alle. Fortfahrend sagte Engel:Es is der den sofort einsetzenden Widerspruch bemerkte er:No, was net is, kann noch wer'n.... So ganz unrecht hatte er damit nicht, denn es kamen noch ein Junge und zwei Mädchen nach Dem nachmaligen Schwiegervater des Verfassers, Kanzleirat Demuth, antwortete das Kirchen⸗ rätchen auf die Bitte, die Taufe seines Jungen vorzunehmen:Gut! Ich hab' de Sonntag drei Taufe; zu dir komm' ich zu⸗ letzt, bei dir bleib ich. Als er dann um 5 Uhr nachmittags erschienen war und die Taushandlung vorgenommen hatte, fragte er:Demuth, was hawwe mer dann vor e Stöfsche? Es wurden ihm die zwei vor⸗ gesehenen Weinsorten zu kosten gereicht. Mit Schmunzeln entschied er sich für die eine Sorte.Bei der bleiwe mer, sagte ex, Demuth auf die Schultern klopfend,und eh' mer heimgeh', läßt de noch e Schälche gute Kaffee mache. So geschah es denn auch. Bei dem angeborenenWenn ich sitze, dann sitz' ich des Gießeners war auch die Tauffeier bei ihm ein dehnbarer Begriff, Geh. Kirchenrat Pfarrer Dr. Engel (17901864), der selbst einer Gießener Bür⸗ gersfamilie entstammte und nie aus Gießen herausgekommen ist, war hier ein sehr popu⸗ lärer Mann, der im vertrauten Kreise in der Gießener Mundart redete 0

Probe seines Humors zu kosten. So