Ausgabe 
26.6.1921
 
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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 26 Gießen, 5. Sonnt. n. Trinitatis, den 26. Juni 1921 10. Jahrg. Christentum und völkerversöhnung. mente der Lebensmöglichkeiten der Völker

Röm. 13, 8. Seid niemand nichts schul⸗ dig, denn daß ihr euch untereinander liebet.

Bei all dem Furchtbaren, das unser Vater⸗ land heute durchleben muß, wird jedem ernst⸗ haft denkenden Menschen, ganz abgesehen von se iner religiöfen Stellung, unwillkürlich die Frage auftauchen müssen, wie es möglich ist, daß christliche Völker den Besiegten mit einem so rücksichtslosen und grausamen Haß verfolgen. Dabei beten alle, Besiegte und Sieger, Franzosen und Deutsche, Engländer und Amerikaner zu demselben Gott, jeden Sonntag wird in allen christlichen L dieselbe christliche Nächstenliebe gepredigt, dasWohltun dem Feinde als das Funda ment christlicher Weltanschauung hingestellt. Ist das nicht ein Zeichen, daß diese christ liche Weltanschauung überlebt, ihre ethischen Forderungen von neuen Ansichten einer neuen Zeit abgelöst sind? Wird nicht in einer Zeit, wo von Völterversähnung und Völkerbund allenthalben gesprochen wird, der Völkerhaß und die Völkervernichtung mit allen nur denkbaren Mitteln wirklich betrieben? Werden nicht all die christlichen und ethischen Fundamentalsätze von Liebe und Versöhnung nur noch leere Phrasen? Und doch, dünkt nicht jedem einzelnen von uns auch heute noch das Hohelied der Liebe und Versöhnung als das höchste und ethische Ziel, das nun zu erreichen unsere heiligste Pflicht ist. Aber diese ethische Wiedergeburt wird nicht von außen kommen können. Eine innere Erneuerung der Welt, ein Besinnen aus dem Taumel des Völkerhasses, ein Her⸗ ausgehen aus den öden Wüsten des allmächtigen Materialismus, und zwar bei jedem einzelnen und durch jeden einzelnen noch Rettung bringen. Jede große ethische Bewegung ist nicht aus einem Kopfe geboren oder diktiert, sie ist eine Notwendig keit der Volksempfindung. Eine sittliche Er neuerung der Welt muß aus der Tiefe, aus dem einzelnen geboren werden. Nicht eher wird die jetzige unglückselige Pein über⸗ wunden werden können, ehe nicht jeder ein⸗ zelne sich wieder auf sich selbst besinnt, ehe nicht der Kampf um Reichtum und Macht aufhört, ehe nicht Wucher und Schiebertum, Gewalt und Roheit, Unsittlichkeit und Un

moral von innen heraus ausgerottet werden. Sittlichkeit sind nicht sondern Funda

Ethik und christliche

Phantome schöner Seelen,

jetzt

und

bewegen,

ie d Wenn das deutsche Volk, wie schon des öfteren in der Geschichte den Weg innerer Vertiefung gehen wird, die aus dem innersten sittlichen Empfinden des einzelnen geboren ist und auch in der Heilig⸗ keit ihrer Bewegung die anderen Völker er⸗ greift, dann können wir hoffen auf Völker⸗ frieden und Versöhnung. Kein Wortchristen⸗ tum, sondern ein Tatenchristentum ist nötig, entstanden aus dem Besinnen des einzelnen

wie der einzelnen.

und seiner Rückkehr zu der ewig größten Wahrheit des Christentums: der Liebe.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

Ländern

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen. Jahrhundert und was

mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. Fortsetzung.)

Zimmer. Die machten schaffen n Er

Allmählich füllte sich das Schüler der drei älteren Jahrgänge sich um ihre neuen Kameraden zu führten das Wort, durchweg mutigendem Sinn. Die letzteren standen meist schweigsam, etwas bedrückt umher. Sie konnten sich mit ihren Tornistern kaum was erklärlich ist, wenn man be denkt, daß 5060 Knaben anwesend waren. Man sah ihnen an, daß ihnen das ganze Getue befremdlich und ungewohnt vorkam, und es war gut, daß nun Herr Franz wieder erschien und dablieb. Er hatte seine Emp fangstätigkeit Angestellt; denn es war nun alles, was die Schule fortan bevölkern sollte, eingetroffen. Er gebot zunächst den älteren Schülern auf die linke Seite zu treten, wäh rend er die Neulinge nach rechts bugsierte und ihnen da ihre Plätze anwies. Ich kam an das rechte Ende zu sitzen und hatte daher nur einen Nachbar, und dieser hieß Wil helm Rech. Leider war unser Plaßg ein Vorderplatz. Der Tisch des Herrn Franz stand in dem durch die Hufeisenform der übrigen Tische gebildeten Viereck nicht weit von uns entfernt und wir befanden uns daher unter Aufsicht aus erster Hand, was zwar 3 angenehm, wohl aber sehr nützlich war. An die Neulinge reihten sich nach links die Jungen an, die bereits ein Schuljahr hinter sich hatten, dann kamen diejenigen mit zwei Jahren, hieran anschließend die mit drei und schließlich an dem linken Tisch flügel die, mit vier Jahren. Die Zwei und Dreijährigen saßen somit in der Mitte.