.
230
die Stadtkirch zur Kinderlehr wieder kom⸗ men mögen.“ Die Burgkirche war im Jahre 1645 als gottesdienstliches Gebäude her⸗ gerichtet worden, nachdem sie vorher ein „Ballhaus“ für die Studenten gewesen war. In diesem Hause ist nicht etwa getanzt worden, sondern es wurden Spiele darin veranstaltet. In früheren Jahrgängen des „Sonntagsgrußes“ ist über die Entstehung der Burgkirche das Nötige gesagt worden.
Eine Nachwirkung des langen, verheeren⸗ den Kriegs merkt man in der Notiz:„Fin⸗ den sich viel abgedanckte Soldaten alhier, welche bapistisch(katholisch) sind Soll des⸗ wegen mit ihnen geredet werden.“
1657.
„Samuel Fischer treibet wieder seinen alten Muthwillen, Gerlach Böß hat das Gleiche gethan.“ Der Name scheint das immer noch mit sich gebracht zu haben.
1661.
„Wird geklaget, daß auf die Sonntäg die Leute auf den gassen hin und wieder haufen⸗ weise stehen, die Soldatenweiber feil haben und Joh. Casp. Gap under der letzten Predigt Maltz eingefasset und auf ein Karn geladen habe.“
1663.
„In der Wolkengaß zancken sich die Nach⸗ barn aufn Sonntag under der Predigt. Die Seniores sollen herumbgehen.“ Diese Auf⸗ zeichnung ist deshalb interessant, weil sie beweist, daß der Name„Wolkengasse“ schon 1663 existierte. Wie Herr Professor Dr. Ebel vor einer Reihe von Jahren in einem Vortrage dargelegt hat, so ist der Name aus der Bezeichnung„Walkerstraße“ ent⸗ standen; dieser Name hängt mit dem in Gießen einst blühenden Tuchmachergewerbe zusammen. Besonders in der Zeit der deut⸗ schen Reformation gab es hier viele „Wüllenweber“.
Interessant ist die Art, in der damals ein Gießener Bürger bezeichnet wurde. Wir lesen nämlich oft vom„wilden Mann“. Mit⸗ unter wird des„wilden Mannes“„Schnur“ (Schwiegertochter) erwähnt. Es ist möglich, daß der Mann Gastwirt zum„wilden Mann“ war.
Recht in die alte Zeit hinein versetzt uns die Bemerkung:„Die Kinder auf der Gassen achten das Gebett nicht umb 12 Uhren wider den Türcken. Die Eltern sind Ursach daran.“ Damals, als die Türken vom unteren Lauf der Donau aus die Christenheit so oft be⸗ drohten, hat man Gebete wider die Türken angeordnet, die um 12 Uhr gebetet werden sollten. Augenscheinlich war es Sitte, daß jeder, wo er ging und stand, dieses vorge⸗ schriebene Gebet sprach.
Von altem Aberglauben meldet die Notiz: „Der Becker Joh. Hermann Reuling ge⸗ braucht der Wahrsagerei, den Leuten zu sagen, wann sie etwas verloren.“ Weiter
lesen wir:„Alle Abend zu forschen, in
den Wirtshäusern, was sie für Leut her⸗ bergen.“ Der Seniorenkonvent, der ja über⸗ haupt eine Art von geistlicher Polizei war, hat somit die schwierige Arbeit der Kon⸗ trolle der Wirtshäuser übernommen. Erfreulicherweise findet sich unter den
vielen Protokollen auch eins, das sich auf
die Uebung christlicher Barmherzigkeit be⸗ zieht:„Des Müntzmeisters Sohn Christoph Wißner epilepticus, soll in ein Hospitahl aufgenommen werden.“
„In Hans Seipen Hauß ein groß Ge⸗
schmäuß aufn Sonntag under der Predigt, das Weib papistisch. Jemand sehe nach,
wann die Kircheneltesten herzukommen und
sey alsdann alles still.“
1664.* Mehrere Male wird in dieser Zeit eine
„Froschgasse“ erwähnt. Wo sie gelegen hat,
ist vorläufig nicht zu ermitteln.
„In Wieseck gehen die Studiosi häufig zum h. Abendmahl.“ Offenbar wollte man die Studenten dazu zwingen, sich an den Gottes⸗
diensten in der Stadk Gießen zu beteiligen.
1665.
„Die Mönch gehen in des Sprachmeisters Hauß aus und ein. Ist ihm verwiesen wor⸗ den, entschuldiget sich und soll künftig nicht mehr geschehen. Italiäner thun viel böses alhier, halten einen offenen Altar, ärgern die Studenten.“ Woher die Mönche nach der doch ganz evangelischen Stadt kamen, ist nicht ersichtlich; die Italiener scheinen vom Kriege her in Gießen zurückgeblieben zu sein. a ö
1668.
Die Pulvermühle scheint ein uraltes
Wirtshaus zu sein; denn wir lesen:„Die
Pulvermühle gebe viel Aergernis. Muß dem
Wirth undersagt werden.“
1670. „Gartenstehlen gehet für.“„Kindtaufen gehet groß Unordnung für, tantzen und springen.“ Daß sich damals schon eine An⸗
zeige damit befaßte, daß ortsfremde Leute
„hamsterten“, ist sehr interessant; am 9. September wird nämlich protokolliert: „Ist angezeigt worden, daß die Italiener ein ärgerlich Leben führen kauffen aller⸗ hand Victualien auf und schicken sie hin⸗ weg.“ 8
Im allgemeinen hat man beim Durch⸗ lesen dieser alten Protokolle den Eindruck, daß diese Sittengerichte nicht viel ausrich⸗ teten. Sie befaßten sich vielfach mit in⸗ ternen Angelegenheiten der Familien, um


