erfolgen. Die Bankstelle aber, die Tag und Nacht arbeitete, um den an sie gestellten Anforderungen zu genügen und keinen Ab⸗ transport durch Rückständigkeit in Frage zu stellen, darf es sich als ganz besonderes Verdienst anrechnen, daß nicht eine einzige Reklamation aus dem Auslande erfolgte. Interessant war es übrigens, auch noch zuletzt den Unterschied zwischen Engländern und Franzosen zu beobachten. Während jene nur in seltenen Fällen ein Guthaben hat⸗ ten, da sie in den letzten Tagen all ihr Geld in Wein angelegt hatten, trugen fast alle Franzosen Anweisungen auf hunderte von Mark, nicht wenige sogar solche auf Tausende nach Hause, ein Zeichen für ihre große Sparsamkeit. Ist es doch bekanntlich das Ideal des Franzosen, möglichst bald ein kleiner„Rentner“ zu werden.
Bei weitem den größten Raum und das meiste Personal, deutsches und fremdländi⸗ sches, beansprucht die Paketstelle. Zunächst in einer besonderen Baracke neben der Lie⸗ bigshöhe untergebracht, erwies sich Anfang 191/ der dort zur Verfügung stehende Platz als unzulänglich, und es mußte das Lager⸗ haus der Firma Bär& Wetterhahn ge⸗
mietet, aber doch durch eine im Hof aufge⸗
steltte Baracke vergrößert werden. Daneben
bestand eine Zweigstelle innerhalb des
Lagers. Bei der Paketstelle ging es zu wie in einem Ameisenhausen, ihre Leitung lag in der Hand eines sprachkundigen, organi⸗ satorisch hervorragend geschickten Mannes, des Vizefeldwebel Wissenbach. Ich er⸗ wähnte bereits, daß die Anzahl geprüfter und auszugebender Pakete monatlich zuwei⸗ len 150000 Stück betrug, daß also an manchen Tagen mehrere Waggons, manch⸗ mal 5—7 eintrafen, die stets innerhalb einiger Stunden entladen werden mußten, um die Eisenbahnwagen wieder dem Ver⸗ kehr zuzuführen. So kam es, daß zuweilen kaum noch ein Plätzchen zur Unterbringung von Paketen übrig schien, daß gefährliche Stockungen drohten. Dann mußte eben auch die Nacht hindurch gearbeitet werden, um Luft zu schaffen. Und das scheinbar Un⸗ mögliche wurde möglich gemacht nach dem Grundsatz:„Schwierigkeiten sind dazu da, um überwunden zu werden.“— Nach der En ladung der Wagen. welche die franzö⸗ sischen Pakete aus der Schweiz, die englischen aus Holland gebracht hatten, durchliefen die Pakete zunächst die Kartei. Dort wurde auf jedem der Vermerk über den augenblick⸗ lichen Aufenthalt des Empfängers ange⸗ bracht. Für die Pakete, deren Adressaten im Lager waren, fand die Prüfung erst dort statt; sie wurden täglich mit Fuhrwecken, zuletzt auch mit der Elektrischen auf den Trieb befördert. Die Pakete für die Kom⸗ mandierten fanden ihre Prüfung im Lager⸗ hause an der Bahn um alsbald wieder der Post zur Nachsendung übergeben zu wer⸗ den. Große Mengen mußten an anoere
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Lager weiter befördert werden, weil ihre Eigentümer dorthin übergesiedelt waren. Natürlich dauerte es stets geraume Zeit, meist 4 und mehr Wochen, bis die Ange⸗ hörigen die neue Adresse wußten. So lange trafen die Sendungen noch hier ein. Auch der nicht eingeweihte Leser wird ermessen können, wie viel rein mechanische Arbeit, wie viel Handgriffe nötig waren, um die vielen Zehntausende von Paketen stets
mal Zeiten der Ruhe. Und gab es solche, etwa infolge von Sperren, so waren sie nicht einmal willkommen, da nachher ein um so größerer Zustrom automatisch ein⸗ setzen mußte. Es ging einem wohl wie Till Eulenspiegel, der stets weinte,„wenn sein Weg einmal bergab führte, weil er fürchtete. er müsse nachher wieder steigen.— Außer den Paketen gab es noch große Frachtgut⸗ sendungen, Kisten im Gewicht von 1½ bis 4 Zentner, meist Liebesgaben und dann wöchentlich die Brotsendungen der Fran⸗ zosen, die sog. Biskuits. Auch diese ge⸗ waltigen Mengen mußten entladen, beförbert und umgepackt werden, möglichst ohne un⸗ nötigen Zeitverlust, einmal aus Gründen des chronischen Raummangels, dann aber auch unter dem wich eigen Gesichtspunkt, daß die Arbeitswilligkeit der Gefangenen auf au wärtigen Kommandos stets in hohem Maße von dem regelmäßigen Eingang der Pakt und Biskuit Postsendungen, natürlich auch der Brief- und des Geldes abhing. Daß es trotz aller erdenklichen Mühe, welche die Paletstelle sich dauerud gab, zu schier un⸗ zähligen Reklamationen kam, ist bei den oben gesch'lderten Gemütszustand der Kriegs- gefangenen erk ä u lich entspyrang vachgewie⸗ senermaßen aber auch in vielen Fällen ledig⸗ lich bösem Willen. Natürlich verursachten diese Reklamationen stets ungeh ure Mühe und Arbeit die Prüfung des Inhalts der Pakete erfolgte natürlich ausschließlich durch deutsches Personal, während die mecha⸗ nischen Arbeiten des Oe'fnens und Wieder⸗ verpackens der Pakete durch Gefangene vor⸗ genommen wurden. Bei dem knappen mir zur Verfügung stehenden Raum muß ich mich auf die kurze Bemerkung beschränken, daß verbotene Gegenstände, die natürlich jedem Prüfer genau bekannt sein mußten, entnommen und nach bestimmten Grund⸗ sätzen behandelt wurden. Um den Gefange⸗ nen Gelegenheit zu bieten, sich davon zu überzeugen, daß ihnen nichts von ihrem rechtmäßigen Eigentum vorenthal'en oder gar entwendet wurde, war die Einrichtung cetroffen, daß stets Vertrauensleute der ver⸗ schiedenen Nationalitäten bei der Prüfung zugegen waren. 8
Indem ich mit dieser knappen Schilde⸗ rung die Reihe der„Bilder“ abschließe hoffe ich dem Leser wenigstens einen Ein⸗ blick in die Vielheit und die Eigenart der in einem Kriegsgefangenenlager zu leistenden
im Fluß zu halten. Dabei gab es kaum ein⸗
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