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lassen, welches mit dem Drachen von Karl Spruck ausgeführt werden solle. Er rief sich denn auch letzteren beiseite, unterhielt sich leise mit ihm, wobei er nach uns herüber⸗ schielte, und zeigte ihm den Inhalt seines kleinen Päckchens. Spruck nickte Beifall, gab dem Geheimniskrämer den Drachen, der sich mit ihm auf den üblichen Abstand entfernte und dann wie wir von weitem sahen, eine Blechbüchse ein Viertel so groß wie ein Zi⸗ garrenkistchen, an dem Schweif befestigte und sich dann noch dabei allerhand zu schaffen machte. Dann stieg der Drachen. Alle guckten gespannt nach oben, denn es sollte etwas geben. Und es gab etwas! Nach einer Weile explodierte die Büchse mit einem weithin hallenden Donnerschlag und riß dem Drachen den Schwanz ab. So etwas hält kein wirklicher Drache, geschweige denn ein papierener, auf die Dauer aus. Der unfrige machte denn auch augenblicklich Kehrt und schoß schnurstracks, hast du nicht gesehen, zur Erde nieder, während sich der Schweif mehr Zeit dazu nah und gemächlich in der Richtung nach dem Nahrungsberg abzog. Das war ein Fall, den weder Karl Spruck noch der Bombenmacher vorausgesehen hatten. Das Bubenpublikum lachte, einige darunter mehr, wie angebracht war, und Karl Spruck juckte es in den Fingern, aber er bezwang sich; denn er hatte die Buben nötig. Er bat einige, mit dem Wägelchen längs der nun auf dem Boden liegenden Kordel nach der Grünberger Straße zu bis zur Wieseck zu fahren und dabei, ohne Gewalt anzuwenden aufzuwickeln. Er ent⸗ fernte sich dann, begleitet von einigen, in der gleichen Richtung watete durch die Wieseck lief durch die Eichgärten über die Grünberger und Licher Straße und fand seinen Drachen hinter dem alten, damals noch nicht halb so großen Friedhof auf dem Lotzschen Acker, aus dem schon lange ein Gottesacker geworden ist. Spruck hatte Glück, denn der Drache war bei dem Kopf⸗ sturz mit ein paar Rissen, die leicht über⸗ klebt werden konnten, davongekommen. Auf den beiden erwähnten Straßen wurde die Kordel durchschnitten und nun ging an vier Stellen die Wickelei in beschleunigtem Tempo los. Trotzdem dauerte es zwei Stun⸗ den. bis alle bei dem Wägelchen wieder beisammen waren. Ein Teil der Jungen lief an dem einen die übrigen an dem anderen Ufer der Wieseck entlang bis zur Brücke an der Gasfabrik, kletterte die Böschung hinauf, und nun konnte der ge⸗ meinsame kurze Heimweg beginnen. Vor der Verabschiedung sagte Spruck zu dem Feuerwerker:Es war ja mal etwas anneres, awwer das nächstemal kannste die Bomb an en annern Drach hänge. Schweif zierte aber noch längere Zeit wie ein aus der Walpurgisnacht verlorener Irr⸗ wisch die Bäume des hinteren Nahrungs- berges.

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Das Drachensteigen war eine beliebte Unterhaltung, an welcher auch ältere Leute ihren Spaß hatten und mit ihren kleinen Söhnen auf die Gänsäcker hinauszogen, um ersteren, wenn sie es noch nicht selbständig fertig brachten, behilflich zu sein. Im Herbst wiegten sich damals, wie das ja auch heute noch der Fall ist, Dutzende von Drachen in der klaren Herbstluft, nur war früher die Mannigfaltigkeit in den Formen keine große denn man beschränkte sich auf die bekannte rhomboidische.

Mit dem Steigenlassen der Drachen war das offizielle Jahresprogramm der Gießener Buben so gut wie beendet. Es wurde all⸗ mählich rauh draußen, und der Wind pfiff über die nach und nach eine graugelbe Farbe annehmenden Wiesen, über die Stoppel⸗ felder, Wege und Chausseen, mächtige Staub⸗ wolken vor sich herwirbelnd. Die Bäume verloren ihr Laub, und von den an der Grünberger und Licher Straße stehenden Kastanienbäumen fielen die Früchte her⸗ unter. Die Gießener Gärtner heimsten die abgefallenen Blätter, die Buben die Kasta⸗ nien ein; erstere verwendeten die Blätter zur Errichtung von Komposthaufen, letztere die Kastanien, um sie auf Bindfäden zu reihen und auf diese Art Ketten herzustellen, mit welchen aber nichts weiter anzufangen war, als daß man sie zu Hause als Dekora⸗ tion über das Bett hing. Daverhutzelten sie und wurden knochenhart. In den meisten Fällen verschwanden sie bald im Feuer des Zimmerofens, beim Verbrennen zischend und knallend, wie wenn sie gegen eine solche Behandlung Protest einlegen wollten. Ein⸗ mal, eines Spätnachmittags, fanden die Kastanien eine andere Verwendung. Fried Noll hatte eine große Kastanienkette mit aufs Kreuz gebracht. Wahrscheinlich war sie zu Hause im Wege. Was damit anfangen? Einer nahm sie am Ende und schleuderte sie mahe am Boden im Kreise um sich herum, die anderen sprangen dabei drüber hinweg. Das dauerte eine Zeitlang, dann zog sich die Ver⸗ sammlung auf Buschs Treppe und die Kreuzer Mauer zurück. Von da warfen sie mit ein⸗ zelnen Kastanien flach über das Pflaster und freuten sich über die hohen Sprünge, welche diese machten. Da aber bei dieser Spielerei eine der Kastanien dem zufällig vorüber⸗ gehenden Handelsmann Elias Meier an den Kopf sprang, riß die ganze Gesellschaft in die Judengasse aus, noch ehe der Getroffene wußte, was eigentlich los war. Bedauer⸗ licherweise zeitigte nun der Wunsch, die Kasta⸗ nien möglichst ausgiebig und wirkungsvoll zu verwenden, die Idee, in einem alten, an⸗ scheinend unbenutzten Haus in der Juden⸗ gasse die Fenster einzuwerfen. Einzelne der Scheiben waren schon entzwei, und in der Annahme, daß kein Hahn darnach krähe, fing das Bombardement an und dauerte so lange, bis keine einzige Scheibe mehr ganz war. Ein Nachbar kam und schimpfte. Wir