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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 49

Gießen, 2. Advent, den 4. Dezember 1921

10. Jahrg.

Hoffart und demut. 1. Petri 5, 5. Gott widerstehet den Hoffär⸗ tigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewal⸗ tige Hand Gottes, daß er euch erhöhe zu seiner Zeit!

Gewaltig liegt uns die Hand unserer Feinde auf, und immer unerträglicher wer⸗ den unsere Demütigungen. Gegen soviel Frevel und Untat empört sich unser Herz, und dabei behaupten sie noch, die Voll⸗ strecker eines gerechten Gerichtes über unser Unrecht zu sein. In dem allen die Hand und den Willen Gottes, ja den gerechten, guten und gnädigen Gotteswillen zu erkennen, wird uns sehr schwer.

Und doch haben wir es, recht verstanden, letztlich immer mit Gott zu tun, und nur dem werden seine Erlebnisse zum Segen, dessen inneres Auge die hinter ihnen lie⸗ genden göttlichen Gedanken gewahr wird. Die

Ruchlosigkeit unserer Feinde erschwert uns

die Einkehr und die heilbringende Buße. So wollen wir jetzt in der Adventszeit, in der Johannes der Täufer, der große Buß⸗ prediger, vor uns hintritt, von ihnen ganz absehen und Auge in Auge dem heiligen Gott gegenübertreten.

Er widerstehet den Hoffärtigen. Waren wir nicht hoffärtig? Gehörten wir nicht zu einem Geschlecht, das auf der Höhe seiner Erfolge sicher und selbstbewußt geworden war un auf seine eigene Vernunft und Kraft baute? Wer von uns hätte es je als möglich zuge⸗ geben, daß es uns einmal am Brot und an der nötigen Kleidung fehlte? Wer hätte es nicht als ganz unsinnig abgewiesen, wenn man ihm hätte weissagen wollen, das stolze Deutsche Reich würde einmal hilfloser dar⸗ niederliegen alsder kranke Mann am Bos⸗ porus und wehrloser als irgendein Neger⸗ stamm? Wir sahen auf andere tief herab, und nur zu viele von uns kamen ohne die Hilfe eines allmächtigen Gottes aus, wir waren sehr hoffärtig.

Gott aber widerstehet den Hoffärtigen. Haben wir es nicht mehr glauben wollen, so müssen wir es jetzt erfahren, und er wird es uns solange einprägen, bis wir es gründ⸗ lich wieder gelernt und uns unter seine gewaltige Hand gebeugt haben. Es ist eine alte Wahrheit: Je größer ein Mensch sich

dünkt, desto kleiner und bedeutungsloser wird ihm sein Gott; je mehr wir aber unsere

Kleinheit, unsere Armut und Schwachheit, unsere Unwürdigkeit und Verlorenheit spü⸗ ren, desto gewaltiger erweist sich der all⸗ mächtige und gnädige Herr, er wird uns erhöhen zu seiner Zeit.

Wie lange diese Zeit noch auf sich warten läßt? Der Lehrer muß es wissen, wann der Schüler aus einer Klasse in die andere aufsteigen darf, des Schülers eigenes Urteil reicht nicht zu. Ich glaube nicht, daß wir der Zeit schon nahe sind, in der uns Gott wieder erhöhen kann. Unser Weg wird wohl noch viel tiefer hinabführen. Wir hatten zuviel von den Grundelementen der Wahr⸗ beit und des Lebens verloren und sind von Buße auch heute noch weit entfernt. Noch taumeln Unzählige gewissenlos und dreist dahin. Und die Anderen? Verzagtheit ist nicht Demut, Verbitterung ist nicht Buße. Es liegt nicht an Gott, wenn es noch lange währt, bis unser Weg wieder auf⸗ wärts führt. Die Vorbedingungen der Wen⸗ dung unseres Geschicks liegen allein in uns. Es kann uns niemand von außen helfen. Es muß ein neuer Geist in unser Volk ein⸗ ziehen. Wir müssen wieder lernen, uns vor dem zu beugen, der allein groß und mächtig und heilig ist. Wir müssen demütig werden und wieder glauben, beten und gehorchen lernen. Den Demütigen gibt Gott Gnade.

So hart unser Los ist, ich möchte es nicht mit dem unserer übermütigen Feinde ver⸗ tauschen. Sie sind ihrem Gott und ihrem

d Heil, wenn mich nicht alles trügt, noch

ferner als wir. Daß sie, die Vielen, über unser Volk schließlich im ungleichen Kampf den Sieg davontrugen, ist kein Beweis da⸗ für, daß Gott auf ihre Seite getreten ist. War Babel gerechter als Juda, weil Gott es ihm gestattete, Jerusalem zu erobern und seine Bewohner in die Knechtschaft zu füh⸗ ren? Hat Gott nicht zu seiner Zeit Babel mit all seiner, den Völkern der Erde er⸗ preßten Pracht und Macht in den Schutt jahrtausendelanger Vergessenheit versenkt, aber das Häuflein frommer Juden in die Heimat zurückgeführt und aus ihnen den Heiland der Welt hervorgehen lassen? Gott hat seine Zeiten für jeden. Er hat sie auch für unsere Feinde. Wir wollen auf unseren eigenen Weg sehen und den untrüglichen Wegweiser beachten, auf dem für jeden ein⸗ zelnen und für unser Volk geschrieben steht: Dem Demütigen gibt Gott Gnade. Das wird unserm Aufstieg und unserm Frieden dienen. D. K. Axenfeld.