Ausgabe 
4.9.1921
 
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bon dieser nach der Plockstraße abzweigenden, etwas abschüssigen Weg. Da wimmelte es nur so von Jungen, deren, wenn es der Schlitten aushielt, zwei oder drei mitunter auf einem derselben hockten. Die Polizei, welche dem Rodelvergnügen auf Wegen in der Stadt heute rasch ein Ende bereitet, kümmerte sich nicht um das Treiben der Jungen. Es ist Winter, und da gehört das Schlittenfahren dazu. Daß die Rodelbahn spiegelglatt wurde, genierte nicht. Jeder Gießener wußte, daß es gefährlich war, den Weg zu gehen, zumal abends, und schlug eben einen anderen ein; so passierte auch nie ein Unglück. Das Rodeln mit den primitiven und massiven Schlitten gewährte uns Buben min⸗ destens ebensoviel Vergnügen, wie der heuti⸗ gen Jugend der Sport mit den leichten und zierlichen Rodelschlitten. Es machte uns auch durchaus nichts aus, wenn unser schweres Fahrzeug ob seiner Ungelenkigkeit im Augen⸗ blick des Draufsetzens auswitschte, so und so⸗ viel Male allein den Hügel hinabsauste und sein Besitzer auf den Hosen in etwas lang⸗ samerem Tempo hinterher rutschte. Uner⸗ müdlich ging es auf und ab, und wenn die Dämmerung die Gesellschaft zur Heimkehr zwang, dann glühten die Gesichter, und die Ohren waren so rot, wie der Kamm eines Hahnes. Sie standen infolge der anhaltenden Bewegung in der kalten und frischen Luft sichtbar vom Kopfe ab, so strotzten sie von Blut. Die Hände in den Taschen, die Kordel, an der der Schlitten nachgezogen wurde, um den Arm geschlungen, ging es heimwärts, dem Abendessen entgegen. Bevor dieses aber eingenommen wurde, mußten die Kleider

aus- und der Nachtkittel angezogen werden;

denn die untere Hälfte des Körpers war naß bis zu den Zehen herunter.

Durch das Herumtummeln im Freien durf⸗ ten die Schulaufgaben und die Weihnachts- arbeiten natürlich nicht vernachlässigt wer⸗ den, weshalb erstere vor, letztere nach dem Schlittenvergnügen vorgenommen wurden. Die sehnsüchtig erwartete Weihnachtswoche kam endlich herbei. Der Christbaum wurde im städtischen Magazin auf dem Oswalds⸗ garten zu 6 Kreuzer(18 Pf.) gekauft und vom Vater in das hölzerne Gärtchen einge⸗ paßt. Der Behang bestand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus kleinen votbacki⸗ gen Aepfelchen,Anismännern und But⸗ tergebackenem. Durch die einzelnen Stücke dieses von der Mutter selbst hergestellten Backwerks wurden farbige Wollfäden zum Aufhängen an die Aestchen gezogen. Außer⸗ dem bildeten selbstvergoldete und selbstver⸗ silberte Nüsse noch einen weiteren Schmuck des Bäumchens. Die Wachslichtchen kaufte man in Rollen, erwärmte diese etwas, da⸗ mit sie geschmeidig wurden und sich strecken ließen und schnitt dann die einzelnen Län⸗ gen ab. Das obere Teil wurde angebrannt, das untere weich gemacht und um das Aest⸗ chen gebogen und festgedrückt. Eigentliche

Lichthalter, wie überhaupt der Glas-, Flit⸗ ter⸗ und sonstige Schmuck kamen nach und nach erst später auf. Die erste Erweiterung in dieser Beziehung bildeten bronzierte Tannäpfel und dann die von dem Konditor Robert Settler auf dem Seltersweg herge⸗ stellten Figürchen aus einer Art Marzipan. Unter seinem Sortiment spielte ein Minia⸗ tur⸗Schlittschuh eine Hauptrolle, denn er fehlte an keinem Christbaum. Im Gärtchen fanden allerhand kleine Spielsachen aus dem Vorjahre Aufstellung. Hahn und Hühner, Schäfchen, Hündchen, teils aus Holz, teils aus Papiermaché, teils aus Gips. Manche dieser Figürchen waren mit der Fähigkeit behaftet, auf Druck zu piepsen, oder sonst einen undefinierbaren Ton von, sich zu geben. Zu der Ausstaffierung des Gärtchens zählte auch merkwürdigerweise ein Schornsteinfeger. Er hatte sich trotz seiner sonstigen Unbeliebt⸗ heit eingebürgert und seinen Platz behauptet.

Zu allem diesem wurden in den letzten Tagen vor Weihnachten die Vorbereitungen durch die Eltern getroffen. Die eigentliche Schmückung des Bäumchens und die Aus⸗

staffierung des Gärtchens, überhaupt des

Weihnachtstisches fand in der heiligen Nacht statt, nachdem der Nachwuchs zu Bett ge⸗ bracht worden war. Viele Leute bescherten frühmorgens. Erst nach und nach wurde die Bescherung am Christabend allgemein üb⸗ lich. In welcher Aufregung sich die ganze Familie befand, braucht hier nicht geschildert zu werden; jeder weiß das aus eigener Er⸗ fahrung.(Fortsetzung folgt.)

Beim deutschen Beskidenkorps. 2. Die Kämpfe um Przemysl. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns

der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.)

Die Sache fängt an, uns langweilig zu werden, und wir wünschen nach einen an⸗ deren Kriegsschauplatz, am liebsten gegen Italien zu kommen. Der Krieg gegen Italien ist in Oesterreich wirklich populär, und ich bin überzeugt, daß sich die k. u. k. Truppen dort vorzüglich schlagen werden. Hoffentlich kommen dort auch sehr tüchtige Führer hin. n allgemeinen finde ich mich ganz ruhig in mein derzeitiges Schicksal, nur zeitweise bricht doch der sehnsüchlige Wunsch durch, wieder zu meinen Lieben zu lommen, heraus aus dem Krieg mit all seinen Schrecken, Auf⸗ regungen und Anstrengungen. Aber was hilft alles Sehnen? Wir müssen ausharren bis zum Ende.

Gegen Abend. Den ganzen Tag herrschte Ruhe. Die beiderseitige Artillerie schoß

sehr wenig. Da ich nichts zu lesen habe, war es furchtbar langweilig. Ich besuchte mehr⸗ mals Hauptmann Plesser, der in demselben Graben 100 Schritte entfernt seine Beobach⸗ tungsstelle hat, um 4 Uhr ging ich dann mit