onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 36 Sießen, 15. Sonnt. n. Trinitatis, den 4. Septbr. 1921
10. Jahrg.
Gott, mensch und Sperling.
Evang. Matth. 10, 29—31. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Den⸗ noch fällt derselbigen keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. So fürchtet euch nicht! Ihr seid besser denn viele Sperlinge.
Durch die Zeitungen ging letzter Tage ein Artikel über„Die Wunder des größten Fern⸗ rohres der Welt“.„Im Vergleich mit dem 60⸗Zoll⸗Fernrohr schätzt man, daß dieses neueste 100⸗Zoll⸗Fernrohr einige 100 Mil⸗ lionen Sterne(jeder Stern eine Welt!) er⸗ reichen kann, die früher zu blaß erschienen, um mit dem kleineren Fernrohr photogra⸗ phiert werden zu können Bereits ist die Ent⸗ fernung eines der entfernten Sterne im Orion mit etwa 160 Lichtjahren gemessen worden.(Unter einem Lichtjahr versteht man eine Entfernung von 9,48 Billionen Kilo⸗ meter!) Der Durchmesser dieses Sterns wird auf 215 Millionen Meilen angegeben, oder mehr als das Doppelte der Entfernung zwi⸗ schen der Sonne und der Erde.“— So heißt es u. a. in dem Artikel. Angesichts derart bodenloser Entfernungs⸗ und Raum ⸗Grö⸗ ßen im Universum, deren ständige Lenkung dem Schöpfer gleichsam ein spielendes Be⸗ dürfnis ist, kann es verzeihlich erscheinen, wenn, man, vom Schauer ihrer Unendlich⸗ keiten gepackt, sich fragt: Muß Gott es nicht für unter seiner Würde halten, darauf zu achten, daß— nach Jesu Wort ohne seinen Willen kein Sperling zur Erde falle, wie auch unsere Haare auf dem Haupte alle gezählt seien?
Dieser ohnedies rein verstandesmäßigen Sorge bin ich indessen überhoben, seitdem mir eine Schrift zu Händen kam:„Die Welt des Unendlich Kleinen“, verfaßt von Prof. Dr. P. Gruner⸗Bern. Aus der Fülle des Materials nur ein paar ganz bescheidene Proben:„Das Molekül(d. h. das kleinste che⸗ misch noch zerlegbare Stoffteilchen), das in unserer Luft i i als
herumirrt, mag weniger 0,000 000 000 000 000 000 01 Milligramm wägen, kaum das Hundertfache eines Qua⸗ drillionstels Gramm.“ Aber:„Das negative Elektron im Kathodenstrahl wiegt nicht ein⸗ mal den quadrillionsten Teil eines— Milli⸗ gramms“(eine 28stellige Ziffer!). Und dabei fügt Gruner dieser Feststellung hinzu:
„Wann werden wir grobsinnlichen Menschen begreifen, daß gerade
die unendlich kleinen,
die verborgenen, unsichtbaren Faktoren den größten Einfluß auf das ganze Wesen des Universums ausüben?“ Solch Elektron legt bis über 280 000 Kilometer in der Sekunde zurück!“ Und von diesen, unser Denkvermö⸗ gen längst außer Kurs setzenden Stoffklein⸗ heiten erzählt uns Gruner gleichwohl:„Ihre Anordnung, ihre Entfernung, ihre gegensei⸗ tigen Bewegungen, bald vereinzelt, bald in Gruppen, sind durch unabänderliche Gesetze geregelt. Wild und stürmisch sind die Be⸗ wegungen derselben; bald eilen sie schnur⸗ stracks voran, bis sie durch gewaltigen An⸗ prall aus ihrer Bahn zurückgeworfen wer⸗
den; bald kreisen sie in wohlbestimmter Kurve um ein positives Uratom— alles nach unverrückbaren Gesetzen ähnlich
wie der Mond unsere Erde, wie die Planeten unsere Sonne umkreisen.“
Und solch göttlicher Gesetzgeber sollte nicht mächtig genug sein, um auch am Sperling, geschweige an uns Menschen, die auf seinen Spuren bewußt wandeln dürfen, seinen Wil— len kundzutun? O, wir Kleingläubigen!
F. K.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Zu Hause angekommen, ging die Suche nach dem Schlitten los. Einer besonderen Sorgfalt in der Aufbewahrung hatte sich derselbe nicht zu erfreuen. Aus irgendeiner Ecke des Speichers— oder aus dem Gerüm⸗ pel des Holzstalles mußte er hervorgezogen werden. Aber was waren das damals auch für Schlitten! Zwei Seitenbretter mit unten daraufgenagelter Schleife aus schmalem Bandeisen, oben zwei Bretter als Sitz und zwei runde Holzstege zwischen ersteren, da⸗ mit das Machwerk standhielt. Keine Spur von Anstrich oder dergleichen. So sah der vom Schreiner hergestellte Schlitten aus. Wie viele zimmerten sich aber so ein Ding selbst zurecht! Die hübschen Rodelschlitten, wie sie heute allgemein im Gebrauch sind, waren damals noch unbekannt; so unbekannt, wie die Bezeichnung„rodeln“, Aber es ging auch so. Zuerst wurde die kleine Steigung der„Sonne“ bei ihrer Einmündung in das „Kreuz“ zum Rodeln benutzt; dann ging es auf die neue Anlage(Süd-Anlage) auf den


