Ausgabe 
1.5.1921
 
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zugeschicket, 1 b er also 1 biß nachfolgenden Mittwoch, den 5. Julii. Da auß dem natürlichen Schlaff ein Todtes Schlaff worden und der liebe Gott unseres lieben Herrn Caspar Chemlins Seel auß ihrem Cörper abgefordert und in das himm⸗

lische Paradeiß versetzet hat, Mittags zwi⸗ schen 11 und 12 Uhr seines Alters 65 Jahr

und 8 Monden.

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Diese Biographie ist in mancher Hinsicht

interessant. Sie zeigt uns, daß Kaspar Chemlin Gießener Univerfitätsbuchdrucker war, 1608 kam er hierher, wann er nach Marburg gekommen ist, wird nicht gesagt, frühestens kann dies im Jahre 1621 ge⸗ schehen sein. Chemlin war zweimal verhei⸗ ratet und hat im ganzen 17 Kinder ge habt. Als die Erörterungen über Bevölke rungspolitil in Deutschland sehr rege waren, hat man oft rühmend gesagt, daß in alter Zeit die Familien viel kinderreicher gewesen seien als heutzutage. Zu diesem Rühmen liegt nicht der geringste Grund vor; denn in alter Zeit sind unglaublich viele Kinder im zarten Alter gestorben. Von 17 Kindern hat der Gießener Buchdrucker 12 verloren, und das mag damals oft vorgekommen sein. Die Rückständigkeit der Heilkunde, die

Mangelhaftigkeit der sanitären Einrichtun⸗

gen und Wohnungen, die Hilflosigkeit gegen⸗ über Kinderkrankheiten, aber auch der Un⸗ verstand der Mütter mögen dies verschuldet haben. Man scheint sich damals über das Kindersterben rasch hinweggesetzt zu haben mit dem Troste, daß die früh entschlafenen Kinder in den Himmel gekommen seien. Vor 100 Jahren hat ein in Hessen lebender Vater, dem fast alle Kinder in den ersten Lebensjahren starben, in seinem Hausbuche, wenn er den Tod der Kinder aufzeichnete, immer die Wendung gebraucht:Ist ein Engel geworden.

Chemlin stammte aus Windesheim in Franken, seinen Eltern und seiner Heimat hat der Mann ein pietätvolles Andenken bewahrt. 1611 gab er sieben Predigten seines Vaters heraus, er widmete diese Sammlung seinen in Franken wohnenden

Verwandten. Zwei Jahre später druckte er

eine kleine Schrift, die kulturgeschichtlich interessant ist und den Titel trägt:Denck würdige Beschreibung einer trawrigen und jämmerlichen Bronnenfahrt, darüber auff einmal drey Personen plötzlich das Leben gelassen, als nemlich die erbarn und wol⸗ geachten Hans Model Satler und Valentin Otho Weißgerber, beyde Bürger zu Windß⸗ heim und dann Johann Erhart Häring von Kitzingen, des Satlers Lehrjung. Chemlin hak selbst die Einleitung geschrieben, darin bemerkt er:Es hat sich voriges Jahr in

meinem Heimat Windßheim dieser kläg⸗ liche Fall begeben und zugetragen: Daß ein Bürger daselbsten in seinem Hause ein Brun⸗ nen gehabt, welcher zwar zu seiner Hand

tierung und anderer Hausarbeit nicht un fleißig gebrauchet, doch wegen anderer un gelegenheit zu Kochen und Backen nicht dien lich und bequem ist geachtet worden. Nun tregt sichs zu, daß in diesem Brunnen drey Personen kurtz nacheinander, deren je die eine der andren hat wollen hülffreiche Hand bieten, von Dampff, bösen Dünsten und Gestanck erstickt sind.... Wie desen ein merckliches Exempel ist, da Anno 1555, den 24. Januarii im Thal Mansfelt sieben Personen von Bergleuten 119 Ehlen dieff verfallen, und also drey gantze Tage und zwo Nächt in Finsternuß und schatten deß Todtes ungegessen und ungetruncken, bloß und nacket in ihren Fahrhosen, under dem Erdreich in kaltem dampff gelegen, und nichts anders als den gewissen elenden Todt für sich gehabt, biß sie durch stetiges auf⸗ welgern und zu arbeien anderer frommer Bergleute, endlich den 26. Januarij umb 6 Uhr gegen Abend vom Todt seind errettet und widerumb ans Tages Liecht gebracht worden.

Diese Schrift enthält im wesentlichen die Predigt, die der Windesheimer Pfarrer cklias Flentsch bei dem Begräbnis der drei Opser gehalten hat. Chemlin bemerkt in der Vor- rede über die durch ihn erfolgte Druck⸗ legung:welches ich zu thun meines viel geliebten Vaterlandes wegen desto williger unternommen habe.

An die Predigt schließt sich ein Gedicht, das ein Lehrer der Windesheimer Latein- schule über diesen traurigen Gegenstand ver fertigt hat. Mit der Wiedergabe dieses Poems wollen wir indessen unsere Leser verschonen. Ueberhaupt sind die Leichen⸗ gedichte, die im 17. Jahrhundert Pfarrer und Prosessoren in lateinischer, oft sogar in griechischer Sprache verfaßt haben, einfach fürchterlich. Schade, daß damals die Papier⸗ preise und die Druckkosten nicht 0 hoch waren wie heute. B.

Geschichten und Bilder aus A 0

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit 1505 zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Das Zeugk haus. wurde 1585 zu bauen an⸗ gefangen; aus Steinen, die man an einer heute noch als Steinbruch unschwer er kennbaren Stelle links der Lahn, nicht weit vom Launsbacher Steg, brach und die man auf einem durch die Schwarzlach nach dem Wallgraben angelegten Kanal zur Baustelle

brachte.

Noch eine Stelle hatte der Brand, die unsere Phantasie beschäftigte. Das war das Stück Wall, welches zwischen der Ostanlage und dem Nordostrande des Brandplatzes als kleiner mit Gras und einzelnen Obst und Tannenbäumen bewachsener Berg lag,