Ausgabe 
29.12.1914
 
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Hummer 304

Dienstag, den 30. Deremker 1014.

7. Jahrgang

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Kämpfe im Osten. 3 englische Flugzeuge gesunken, 1 Flieger ertrunken. Weihnachten im

Hauptquartier. (<ine 'Ansprache des Kaisers.

l^rlas; des Reichskanzlers.

Berlin, 24. Dez. (ämtlidj). Wie wir erfahren, hat der Reichskanzler an die Kaiserlichen Botschafter und Gesand­ten nachfolgenden Runderlaß gerichtet:

Großes Hauptquartier, 24. Dez. 1914.

In der Rede, die Ministerpräsident Biviani in der franzö­sischen Kammer gehalten hat, befindet sich der Passus, daß Franlrcich und Rußland am 81. Juli dem englischen Vorschlag beigestimmt hätten, die militärischen Dorbcreitungen einzustcl» len und in Verhandlungen in London einzutreten. Hätte Deutschland zugestimmt, so hätte der Friede noch in dieser Stunde erhalte» werden tonnen.

Da ich diese im französischen Parlament ausgesprochene falsche Behauptung gegenwärtig von der Tribüne des deut- fchen Reichstages nicht widerlegen kann, so sehe Ich mich ver­anlaßt, Euer pp. die nachfolgenden Darlegungen zuzustcssen * mit dem Ersuchen, davon wcitrstgehendcn Gebrauch zu machen.

Der britische Konserenzvorschlag, der im englischen Blau- b»ch unter Nummer 36 abgcdruckt ist, stammt vom 26. Juli. Sein Inhalt war, daß Vertreter von Deutschland, Franlreich, Italien mit Sir Edward Grei) in London zusammentreten sei­len. um dort einen Ausweg aus den Schwierigkeiten, die in der serbische» Frage entstanden waren, zu suchen. VonAnsang an hat Deutschland den Standpunkt vertreten, daß der Kon- slikt zwischen Serbien und Oesterreich-Ungarn eine Angelegen- heit sei, die nur die nächstbet.-iligien beiden Staaten berühre. Diesen Standpunkt hat auch Sir Edward Erey später selbst an­erkannt.

Deutschland mußte den englischen Konserenzvorschlag ab- lchncn, weil cs nicht zulassen konnte, daß Oesterreich-Ungarn in einer Frage seiner nationalen Lebensinteressen, die nur Oesterreich-Ungarn selbst anging, einem Tribunal der Groß­mächte unterstellt würde. Au» dem deutschen Weißbuch geht hervor, daß auch Oesterreich-Ungarn den Konserenzvorschlag als unannehmbar bezeichnetc. Durch seine Kriegserklärung an Serbien dolumentierte cs seinen sesien Willen, die serbische Frage ohne das Dazwischentrrtcn der Mächte allein zu regeln. Zugleich erklärte cs aber, um alle gerechten Ansprüche Ruß. landr zu bsricdigen, sein vollkommenes territoriales Des­interessement Serbien gegenüber. Da Rußland sich nicht mit dieser Versicherung begnügte, war aus der serbischen Frage eine europäische geworden, die zunächst in einer Spannung zwi­schen Ocsterreichch-Ungarn und Rußland ihren Ausdruck fand. Um zu verhindern, daß aus dieser Spannung eine europäische Konslagration sich entwickelte, mußte ein neuer Boden gesucht werden, auf dem eine Vermittlungsaktion der Mächte sich an­bahnen konnte. Es war Deutschland, dem das Verdienst ge­bührt, diesen Boden zuerst betreten zu haben.

Staatssekretär von Iaqow wies in seinem Gespräch mit dem britischen Botschafter am 27. Juli daraus hin, daß er in dem Wunsche Rußlands, mit Oesterreich-Ungarn direkt zu ver­handeln. eine Entspannung der Lage und di« beste Aussicht aus eine friedliche Lösung erblickte. Diesen Wunsch, durch den die englische Konserenzidee auch nach russischer Meinung vorläusig ausgeschaltct war, hat Deutschland von dem Tage, wo er ge­äußert wurde, mit aller Energie, die ihm zu Gebote stand, in Wien unterstützt. Kein Staat kann ehrlicher und energischer danach gestrebt haben, den Frieden der Welt zu erhalten, als Deutschland.

England selbst verzichtet- nunmehr darauf, seine Kovfe- renzidce weiter zu versolgen und unterstützte auch seinerse-ts den Gedanken der direkten Ve rhandlungcn zwischen Wie» und Petersburg sBIaubuch 87).

Diese begegneten jedoch Schwierigkeiten, und zwar Schwie­rigkeiten, die nicht von Deutschland und Oesterrcich-Unzarn, sondern von den Entente-Mächten herbeigesührt wurden. Sollte Deutschlands Bemühen gelingen, so bedurfte es des guten Wil­lens der nicht unmittelbar engagierten Mächte, es bcdurite aber auch des Etillhaltcns der Hauptbetciligien, denn wenn eine der beiden Mächte, zwischen denen vermittelt werden sollte, die im Gange besindlichc Aktion durch militärische Maß­nahmen störte, so war von vornherein llar, daß diese Aktion nie zum Ziele gelangen konnte

Wie stand es nun mit dem guten Willen der Mächte?

Wie Frankreich sich verhielt, ergibt sich mit Deutlichkeit aus dein sranzösischen Eelbbuche. Es traute den deutschen Versicherungen nicht. Alle Schritte des dorischen Botschafters, Freiherr von Schoen, wurden mit Mißtrauen ausgenommen, sein Wunsch aus mäßige Einwirkung Frankreichs in Petersburg wurde nicht beachtet, denn man glaubte annehmcn zu sollen, daß die Schritte Herrn von Schaens nur dazu bestimmt waren, ^a ccmpromettre la France au rcgard de la Russte". Aus dem

sranzösischen Eelbbuch ergibt sich, daß Frankreich keinen einzi­gen positiven Schritt im Interesse des Friedens getan hat

Was für eine Haltung hat England angenommen? In den diplomatischen Gesprächen gab es sich den Anschein. dis zur letzten Stunde zu vcrmiricln, aber seine äußere» Hand­lungen hatten es aus eine Demütigung der beiden Dreibund­mächte abgesehen. England war die erste Großmacht, die mi­litärische Maßnahmen in großem Stile anordnete, und dadurch eine Stimmung insbesondere bei Rußland und Franlrcich schuf, die allen Vcrmittlungsaktionen im höchsten Grade ab­träglich war. Es ergibt sich cus dem Berichte des französischen Gcschäststrägers in London vom 27. Juli (Eelbbuch Rr. 881 , daß schon am 24. Juli der Befehlshaber der englischen Flotte diskret seine Maßnahmen sllr die Zusammenziehung der Flotte bei Portland getroffen hatte. Großbritannien hat also früher mobilisiert als selbst Serbien. Großbritannien hat sich ferner ebenso wie Frankreich geweigert, in Petersburg mäßigend und zügelnd cinzuwirken. Aus die Meldungen des englischen Bot­schafters in Petersburg, aus denen ganz klar hcrvorging, daß nur eine Mahnung an Rußland, mit der Mobilisation einzu­halten, die Situation retten konnte, hat Sir Grcy nichts getan, sondern die Dinge gehenlassen, wie sie gingen. Zu gleicher Zeit hat er aber auch geglaubt, daß es nützlich sein würde, Deutschland und Oesterreich-Ungarn, wenn auch in nicht ganz klarer Weise, doch deutlich genug daraus hinzuweisen, daß sich auch England an einem curooäischen Kriege beteiligen könnte. Zu derselben Zeit also, wo England sich nach dem Fallenlassen seiner Konserenzidee de» Anschein gab zu wünschen, daß sich Oesterreich-Ungarn aus Deutschlands Vermittlung hin nachgie­big zeigen sollt«, weist Sir Edward Erey den österreichisch- ungarischen Botschafter in London aus die englische Flotten- Mobilisation hin (Blaubuch 48). gibt dem deutschen Botschaster zu verstehen, daß sich auch England an einem Kriege beteiligen könnte, und unterrichtet die Botschaster des Zweibundes sofort von dieser an die deutsche Adresse gerichteten Warnung, womit der Sieg der Kricgspartei in Petersburg besigelt war.

Es war das gerade diejenige Hgltung, die nach der sach­verständigen Ansicht des englischen Botschafters Buchanan am ungeeignetsten war, eine gute Stimmung zwischen den Mäch­ten hervorzurufen.

Unter diesen Schwierigkeiten wird man es als einen beson­deren Erfolg betrachten dürfen, daß es Deutschland gelang, Oesterreich-Ungarn dem Wunsche Rußlands, in Sonderoer- handlungcn cinzutrcten, geneigt zu machen. Hätte Rußland, ohne seinerseits militärische Maßnahmen zu treften, die Ver­handlungen mit Oesterreich-Ungarn, das nur gegen Serbien mobilisiert hatte, im Gang gehalten, so hätte die volle Aussicht aus Erhaltung des Weltfriedens bestanden.

Statt dessen mobilisierte Rußland gegen Oesterreich- Ungarn, wobei Sasonoss sich völlig klar darüber war (ocrgl. Blaubuch 78), daß damit alle direkten Verständigungen mit Oesterreich-Ungarn hinsielen. Das mühsame Resultat der deutschcn Vermittlungsocrhanblungen war damit mit einem Schlage erledigt.

Was geschah nun seitens der Ententenmächte, um den Frie­den in dieser letzten Stunde zu erhalten?

7ir Edward Erey nahm seinen Konserenzvorschlag wieder an- "'"ch nach Ansicht des Herrn Sasonoss war jetzt der geeig­net- -.»-ment gekommen, um unter dem Druck der russischen Mobilisation gegen Oesterreich-Ungarn den alten englischen Gedanken der Konversation zu vieren wieder zu empfehlen. (Deutsches Weißbuch Seite 7). Graf Pourtales ließ den Mi­nister nicht im Zweifel darüber, daß nach seiner Aussassung die Entente-Mächte hiermit dasselbe von Oesterreich-Ungarn verlangten, was sie Serbien nicht hatten zumuten wollen, näm­lich unter militärischem Druck aachzugcbcn. Unter solchen Um­ständen konnte Deutschland und Oesterreich-Ungarn der Konse- renzgcdanke unmöglich sympathisch sein. Trotzdem erllärt« Deutschland in London, daß es im Prinzip den Vorschlag einer Intervention der vier Mächte annehme, ihm widerstrebe ledig­lich die Form einer Konferenz. Gleichzeitig drang der deutsche Botschaster in Petersburg in Sasonoss, auch seinerseits Konzessionen zu machen, um ein Kompromiß zu ermöglichen. Daß diese Bemühungen fruchtlos blieben, ist bekannt.

Rußland selbst schien an der weiteren Vermittlungstätig- leit Deutschlands in Wien, die bis zur letzten Stunde weiter geführt wurde, nichts mehr zu liegen. Es ordnete in der Nacht vom 30. zum 31. Jul« die Mobilisation seiner gesamten Streitkräste an, was die Mobilisation Deutschlands und dessen spatere Kriegserklärung zur Folge haben mußte.

Angesichts dieses Ganges der Ereignisse ist cs nicht ver­ständlich, wie «in verantwortlicher Staatsmann den Mut fin­den kann, zu behaupten, daß Deutschland, das sich der russischen Mobilisation, den militärischen Vorbereitungen Frankreichs

i und der Mobilisierung der englischen Flotte gegenüber fand, iioch am 31. Juli durch die Annahme einer unter de» eihobe- ncn Wassen der Entente-Mächte abzuhaltendc» Konscrcnz de» Flieden hätte retten können Es war nicht das bis zur letzten Stunde in Wien vermittelnde Deutschland, das die Idee der Vermittlung der vier Mächte unmöglich gemacht hat, es varen die militärischen Maßnahmen der Entente-Mächte, di- Frie. densworte im Munde führten, während sie zum Kriege ent­schlossen waren. v. Bcthmann Hollwcg.

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Der deutsche Geireralstaö bzz zrr. - ; meldet: ___________ %

WTB. wrotzcs Hauptquartier, 2t!. Tez., vormittags. Amtlich.

Bei Rieuport erneuerte der Feind seine Angrisssocrsuchc, ohne jeden Erfolg. Er wurde dabei durch das Feuer vom Meere her unterstützt, das uns keinerlei Schaden tat, dagegen einige Bewohner von Westende tötete und verletzt«, Aach ein Angriss des Feindes gegen das Gehöft St. George«, das er in seiner ossiziellcn Mitteilung als in seinen Händen bcsinolich bezeichnet hatte, scheiterte.

Südlich Ppern wurde von uns ein feindlicher Schützengraben genommen, wobei einige Dutzend Gefangene in unsere Hände sielen.

Mehrfache starke Angriss« de» Gegners in der Gegen» nordwestlich Arra» wurden abgewiesen.

Südöstlich Berdun wiederholte der Feind seine Angriss» ebenfalls ohne jeden Erfolg.

Desgleichen war der Fall bei seiner Absicht, die gestern umstrittene Höhe westlich Sennhrim zurückzugewinnen.

(Oestlicher Kriegsschauplatz.) In Ostpreußen und Po­len nördlich der Weichsel nichts neues.

Aus dem linken Weichseluler rntwickelien sich unser» Angrisse trotz sehr ungünstiger Witterung weiter.

Oberste Heeresleitung.

Weihnachten im Felde.

Die Weihnachisscirr im Großen Hauptquartier. (W.

T. B. Nichtamtlich.) Tie »Kölnische Zeitung" meldet aus dem Großen Hauptquartier vom 25. Dezember: Tie W.'ih- nachtsseier im Großen Hauptquartier war ebenso cinlach und schlicht wie eindrucksvoll. Ter Kaiser wollte das Fest inmitten der Soldaten begehen, die zum Hauptquartier gehören. Dazu bedurste es eines sehr großen Raumes, da Gabentische siir etwa 900 Personen ausgestellt werden mußten. Tic weite Halle war über und über mit Taiinen- griin geschmückt, sodaß nirgends von Decke und Wand et­was zu sehen war. Jedermann vom Kaiser bis znin schlichten Landwchrmann fand einen Platz an den in Längs­richtung ausgestellten Tische», die in gleichen Abständen mit Lichtern geschmückte Bäume trugen. Jeder Ossizicr und jeder Mann erhielt die gleichen Pscsserknckzcn, Acpsel und Nüsse, sowie das Bild des Kaisers. Die Mannsckmften erhielten außerdem einen Tabakbeutel und Zigarren. An der Stirnseite des Raumes war ei» Altar errichtet, davor eine große Krippe. An den Seiten standen hohe Christ- tannen. Ter alte Weihnachtsgesang:O du selige, o d» fröhliche Weihnachtszeit" leitete die Feier ein. Sobald d-r Kaiser die Anwesenden mit dem GrußeGuten Abend, Kameraden" begrüßt hatte, folgte eine kurze Ansprackn: d l Pfarrers und dann daS LiedStille Nacht, heilige Stacht' Nachdem Generaloberst v. Plessen dem Kaiser für di- Be­reitung des schönen Festes gedankt hatte, hielt der Kais.r felgende Ansprache:

Kanicradcnl In Wehr und Waffen stehen wir hier versammelt, dieses heilige Fest zu feiern, das wir sonst im Frieden zu Hause feiern. Unsere Gedanken schweifen zurück zu den Unsrigen daheim, denen wir dies- Gaben danken, die wir heute so reichlich auf unseren Tischen sehen. Golt hat cs zngclassen, daß der Feind uns zwang, dieses Fest hier zu feiern: wir sind überfallen, wir weh- ren uns, unb das gebe Gott, daß ans diesem Fricdeii,- feft mit unserem Gott für »ns und für unser Land aus schwerem Kamps ein reicher Sieg erstehe. Wir stehen auf feindlichem Boden, dem Feinde die Spitze unseres Schwertes, das Herz unserem Gott zugewandt. Wir sprechen cs aus, wie es einst der Große Kursürst getan