Ausgabe 
(24.12.1917) 3
 
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Nummer 3.

Beilage

Das kleine Mädchen mit den

Schwefelhölzern.

Von Andersen.

Es war entsetzlich kalt; es schneite und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahr, Sil⸗ vesterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffel angehabt, als es von Hause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden, so groß waren sie, und diese hatte die Kleine ver⸗ loren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wieder aufzufinden und mit dem andern machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken sielen auf ihr langes blondes Haar, das schön ge lockt über ihren Nacken herabfloß, aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von kostlichem Gänsebraten. Es war ja Selvesterabend und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vor sprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotz⸗ dem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade uber sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut mußte ein Schwefel hölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es. Das Schwefelholß strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um das selbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingve r zierungen; das Feuer de annte so schoͤn und wärmte so wohltuend! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand sie saß mit einem Stümpf⸗ chen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.

Ein neues wurde an⸗ 2 gestrichen, es brannte, es

leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Aepf⸗ln gefüllte, gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit

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Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden

hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schweselholz und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder, die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weih⸗ nachtslichter stiegen höher und höher und sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen siel herab und zog einen langen Feuer⸗ streifen über den Himmel.

Jetzt stirbt jemand! sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich be handelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte ge⸗ sagt:Wenn ein Stern fällt, steigt eine Scele zu Gott empor!

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein rings⸗ umher und im Glanze desselben stand die Groß mutter hell beleuchtet mild und freundlich da.

Großmutter! rief die Kleine,o nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du verschwindest, sobald das Schwefel bolz ausgeht, verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde Weihnachtsbaum! Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, daß es heller war, als am lichten Tage. So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm sie waren bei Gott.

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, da- saß.Sie hat sich wärmen wollen! sagte man. Niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in wel⸗ chem Glanze sie mit der alten Groß⸗ mutter zur Neujahrsfreude einge⸗ gangen war.

Ne

Welche Bücher soll man im Lazarett lesen?

Wenn der Soldat verwundet oder krank in der Heimat weilt, dann wird er in Mußestunden nicht nach Schilderungen vom Schlachtengetümmel greifen, denn was er selber erlebt, ist ihm persönlicher und darum größer, sondera er wird sich lieber erfreuen an zarten Blüten in träumerischen lauschigen Eckchen des deutschen Dichterhaines. Die da suchen, möchte ich hinführen zu einer Zeit, die wir mit einem leisen Hauch der Schwärmerei die Romantik nennen, wo gerade, wie auch jetzt, der Deutsche sich wieder auf sich selbst besann, wo des Dichters Herz sich erwärmte für die deutsche Natur, für die Berge und Täler und Ströme und vor allem für den deutschen Wald. Da erwachteder Natur⸗ und Heimatsinn, der Deutsche gewann das Land lieb, wo seine Vorfahren gesessen, in der Zeit, als Deutschland im Bann des gewaltigen Korsen lag, als Napoleon im Jahre 1806 Preußen nieder⸗ warf, sammelten in Heidelberg, der frohen Stadt am Neckarstrand, Armin und Brentano alte schöne Lieder, die sie im Volksmunde hörten. In der Zeit des tiefsten Elends Deutschlands zeigten

Weihnachten 1917.

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sie in ihrer Sammlung:Des Knaben Wunderhorn? den unerschöpflichen poetischen Reichtum der Deutschen. Mit großem Jubel wurde die Sammlung aufgenommen, mit einem Male das Deutschtum mächtig belebt. Wer sich in ruhigen Stunden an den Liedern erfreuen will, die bei unseren Vorfahren vor Jahrhunderten von Mund zu Mund gingen, und in denen sie ihre Freude an der Heimat, ihre Erlebnisse, ihre Märchen be⸗ sangen, der lese Lieder aus demWunderhorn, das die Dichter mit kindlichem Gemüt vor uns ausgeschüttet haben.

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Noch ein Werkchen möchte ich von Clemens Brentano meinen Kameraden empfehlen. Er ist einer unserer größten Märchenerzähler; das italienische Blut in ihm gab ihm die Freude an glänzenden farbenreichen Gestalten, die seine Phan⸗ tasie am besten in Märchen auftreten lassen konnte. Ueberaus reizvoll ist dieGeschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl, eine blutige Dorstragödie, die in der Nacht auf den Stufen des Schlosses von einer alten Frau erzählt wird, und uns mit dem geheimnisvollen süßen Schauder des echten Märchens ergreift.

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Am sagenumwobenen Schloß im rauschenden Neckartal gesellte sich noch ein anderer zu den naturschwärmenden Romantikern, Josef v. Eichen- dorff. Echt romantische Fahrten unternahm er als Student neckar- und mainaufwärts, donauab⸗ wärts bis nach Wien. In seiner schlesischen Hei⸗ mat führte er dann mit jungen Adligen ein lustiges Leben und dichtete seine Lieder, denen etwas Traum- haftes eigen ist, die etwas Versonnenes und Heim⸗ liches haben trotz aller Fröhlichkeit. Mit zum vollendetsten gehört seine berühmte NovelleAus dem Leben eines Taugenichts. Ein göttlich leichtsinniger Bursche durchwandert die Welt, dem eswie ein ewiger Sonntag im Ge⸗ müt war. Er briagt seine Tage im Müßiggang zu; es ist ihm einerlei, ob er Gärtner oder Zollein⸗ nehmer ist, oder gar herrlich und in Freuden auf einem italienischen Schlosse lebt.

Nirgends ist seines Bleibens von langer Dauer, wechselvoll ist sein lustiges Wandern, so wechselvoll wie auch die Frauengestalten, die ihm begegnen, sei es die junge Gräfin aus Deutschland oder die Kammerjungfer. Er genießt das Leben in unver⸗ wüstlichem Glauben an die Welt. Er versteht den Zauber der Natur zu kosten in stimmungsvollen Stunden. Und als der Taugenichts schließlich seine vermeintliche Gräfin wiederfindet, die aber nur eine arme Waise ist, will er sein Wander⸗ leben beschließen und mit ihr auf dem ein⸗ samen Schlößchen, das ihm ein Freund schenkt, seine Tage verbringen,und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten und die Donau rauschte dazwischen herauf und es war alles, alles gut! B.

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Die Werke find in folgender Preislage durch die Zen⸗ tralstelle der Lazarett⸗Beratung, Frankfurt a. M. zu

beziehen: Eichendorff:Aus dem Leben eines Tauge⸗ if. Brentano:Des Knaben Wunderhorn. 50

8Geschichte vom braven Kasperl nab schznen Auel. Man schreibe unter Einsendung des Betrags in Marken an die Zentralstelle der Lazarett⸗Beratung des Roten Kreuzes, Frankfurt a. M., Theaterplatz 14. Am besten tun sich mehrere Kameraden zusammen um die Hefte zu beziehen.(In Frankfurt übernehmen die Lazarett⸗ vertrauensmänner die Beflellung.)