Ausgabe 
(24.12.1917) 3
 
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Gießen.

Kr. 3.

Weihnachten 1017.

Ueihnacht.

Als einst det tos'ge Christ geboten In Bethlehem zur Weihenacht,

bat Gott den Hirten vor den Toren, durch schöne Engel auserkoten, dle erste Kunde zugebracht.

Dle grauen hüter auf dem Felde

in dunkler Weihenacht sind wir.

0, dass vom Wasgau bis zur Schelde det nächt'ge himmel sich erhellte Und Gottes Engel trät' herfüt!

Feinmal gibt Gott uns doch den Frieden, 30 oder 80, nach seinem Sinn; sel's droben, sei's im sleg hlenleden, wir nehmen, was er uns beschleden, demütiglich als Weihnacht hin.

mit deinen Engeln, deinen schönen, du ros'ger Christ, kehr' ein, kehr' ein! Die wunden Herzen zu versöhnen, lass' du dein Frlede Freude tönen! Die grauen Hüter hafen dein.

Leutnant Walter Flex, gefallen auf Oesel am ie. Oktober 1017.

Die heilige Nacht. Von Selma Lagerlöf.

1 Es war an einem Weihnachtstag, alle waren

dur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir.

Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir haben nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle

beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum

Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen

konnten. 2

Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.

Es war einmal ein Mann, sagte sie,der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an.Ihr lieben Leute helft mir! sagte er,mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu er wärmen.

Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm.

Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weißer Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirte wachte über die Herde.

Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliesen. Sie er⸗ wachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut.

Der Mann sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden.

Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf und regte sich.

Soweit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen.Warum regten sie sich nicht, Groß⸗ mutter? fragte ich.Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.

Als der Manu fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mür⸗

rischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld.

Als Großmutter soweit gekommen war, unter- brach ich sie abermals.Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen? Aber Groß mutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort:

Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm:Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kind⸗ lein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.

Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren, und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte.

Nimm soviel du brauchst, sagte er zu dem Manne.

Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.

Als der Hirte dies sah, sagte er abermals: Nimm so viel du brauchst! Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte ste in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie