Ausgabe 
(24.12.1917) 3
 
Einzelbild herunterladen

fort, als wenn es Nüsse oder Aepfel gewesen wären.

Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum dritten Mal unterbrochen.Großmutter, warum wollten die Kohlen den Mann nicht brennen?

Das wirst du schon hören, sagte Großmut⸗ ter, und dann erzählte sie weiter.

Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern:Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt? Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm:Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?

Da sagte der Mann:Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst. Und er wollte seine Wege gehen, um bald ein Feuer an⸗ zünden und Weib und Kind erwärmen zu können.

Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er er⸗ fahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.

Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berg⸗ grotte liegen, wo es nichts gab als nackte kalte Steinwände. Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kind zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten.

Aber in demselben Augenblicke, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vor⸗ her nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.

Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in

dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.

Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie niemand etwas zu leide tun wollten.

. Und nicht nur rings um

Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.

Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren ver⸗ mocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren, daß er auf die Knie fiel und Gott dankte.

Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie und sagte:Aber was der Hirte sah, das können wir auch sehen, denn die Englein fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Him⸗ mel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.

Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte:Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen

den Hirten waren

kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben, die Gottes Herr⸗ lichkeit sehen können.

(Aus dem schönen Buche der großen schwedischen Dichterin Selma LagerlöfChristuslegen⸗ den. Verlag Albert Langen in München.)

F. 1 7 ** 1 3 5 98 1 5.4

Kriegsweihnacht 1917. Von Gustav Frenssen.

An einem Wintertage fuhr einmal ein Dampfer, der von Kanada kam, durch die Nordsee der Elbe zu. Es war schon seit drei Tagen stürmisch, und war dunkel von Regen. Der Sturm jagte hinter ihnen her, jagte um sie und über ihnen in den Drähten; und seit zwanzig Stunden wußte die Besatzung nicht mehr, wo sie sich befand: ob Sturm und Wogen sie richtig auf die Elbmündung zu⸗ trieben, oder ob sie nördlich oder südlich davon auf die Sande und in die Brandung liefen. Die auf der Brücke standen, starrten in den trüber und trüber werdenden Abend, ob sie nicht ein Feuer entdeckten, und wenn, ob es denn das richtige wäre, das vom Feuerschiff, das in die Elbmün⸗ dung führt; die übrige Mannschaft arbeitete oder lag unten im Logis, und war müde, zerschlagen und mutlos. Sie glaubten alle nicht recht mehr, daß es zu einem guten Ausgang käme, und sie grämten sich und dachten:Was ist nun das Leben? Und wo ist Gott? Als aber die auf der Brücke so standen und vorwärts über die tosende, wühlende See starrten, und eine besonders mächtige, lange Woge kam und den Dampfer hob und auf ihrem Rücken vorwärts trug. sahen sie plötzlich.. weit vor sich ein Licht.. und sahen zugleich, an seinem Blinken, daß es das richtige wäre, das vom Elbfeuerschiff. Da lief der eine von ihnen von der Brücke; und ein andrer, der an der Treppe gestanden hatte, lief auch hin⸗ ab; und sagten es allen andern. Da kamen sie alle in ihren schweren Seestiefeln.. es dröhnte und klirrte die Treppe.. und kamen alle herauf, und starrten nach vorne über die See. Und als wieder eine Woge kam, sahen sie das Licht, und daß es das richtige war. Und sie atmeten alle hoch auf; und sie dankten im stillen Gott.

Liebe Deutsche.., wir sind nun seit Jahren in einem Sturm, in einem Hagelwetter sonder⸗ gleichen, so wie niemals, so lange die Welt steht, über ein Volk gekommen ist. Es tobte von allen Windrichtungen der Welt über uns her; und es tobte fast noch mehr durch unsere Herzen. Da⸗ rüber sind wir traurige, ruhelose, notvolle Menschen geworden. Wo war in diesen Jahren irgendwo eine Freude? Wo konnte irgend ein schöner, ruhiger Gedanke Fuß fassen? Wo war ein stiller, glüͤck⸗ licher Tag, wo ein glückliches Herz? Das Schlimmste aber war, daß in der Tiefe der Seele, die Not, der Zweifel wieder aufkam und die Herrschaft ge⸗ wann, der alte Menschenzweifel: ob das Menschen⸗ leben überhaupt wohl etwas Gutes und Ver⸗ nünftiges wäre, ob die Menschheit und ihr Weg wohl irgend einen Sinn hätte, ob über der Mensch⸗ heit und über aller übrigen Schöpfung ein hoher, guter Geist die Wache hielte.Die Menschheit? sagten sie bitter,was ist die Menschheit? An den Fronten töten sie einander, drinnen im Land reißen sie sich Geld und Nahrung gegenseitig aus den Händen.Gott? sagten sie...Was muß das für ein Gott sein, der dies alles zuläßt! Der die Menschheit eine Weile hob... da dachten wir: nun geht es dauernd aufwärts mit. dann so in die Tiefe zurückwirft, so in die tiefste, grausamste Tiefe! Ja, so dachten viele, viele Menschen! Und ja, das war das Schlimmste in diesen Jahren: dies Sinken, ja, Stürzen des Glaubens, des hellen, guten Glaubens an den Sinn des Lebens und des Menschheitsweges, und

Bitterkeiten, alter, grauser Menschheitsnacht!

Bitterkeiten am

dies Aufsteigen trauriger Zweifel, furchtb

. wenn diese Zweifel, diese höchsten gestiegen waren in diesen 2 Jahren... wenn die noch Gläubigen heftiger trauerten, die Zweifler stärker zweifelten, die Spötter herber spotteten, wenn das schreckliche Toben des Sturmes um uns her mit den Aengsten langer, dunkler Winternächte sich vereinte, Schimpf und Schmach aus aller Welt wilder über die Grenzen drang, mit keuchendem Atem unsere Brüder die Fronten hielten... Sturm über uns und um uns... sieh, dann erschien.. fern über den wilden Wogen... ein Licht... das alte Licht der heiligen Weihnacht; und war uns Bangen, uns Weinenden, uns Zweifelnden, ach, uns fast Verzweifelnden ein leiser, guter Trott ein Trost in Not und Tränen. i

Liebe Deutsche. diese Weihnachtsgeschichte! Diese Erscheinung des Heilands! Ein Kind, in einem Stall... in einer Eselskrippe... Kind kleiner Leute.., fern in irgend einem Land! Engel auf dem Feld in der Nacht... Hirten sagten, sie hätten es gesehn! Genug von diesen Wundern! Diese sind die kleinsten in seinem Leben! Das Kind wuchs auf: und seine Seele war voll von tiefklarem, wunderhohen Licht. Und es wurde ein Mann und trat auf. Unter dem Mißtrauen der Obrigteit seines Volkes, unter dem peinlichen Schweigen, bald dem Haß der Weisen und Gelehrten, unter der Unwissenheit und dem 8 verständnislosen Staunen seines Volkes lebte er ein Leben reinster und hellster Güte; und ver⸗ kündete einen Glauben, der das arme Menschen⸗ leben in das ewig klare und heitere Licht hinüber⸗ riß, das um Gottes Gegenwart flammt, einen Glauben, der die mühsame Menschenseele und die Seele des höchsten Gottes in Feuer zusammen⸗ schmolz, und der das Sterben der Menschen zu einem Fluge macht in Gottes gute Hände. So lehrte er: und so lebte er auch. Und so starb er auch. Im Anfang seines Manntums starb er um diesen Glauben, unter dem Hohn der Weisen seines Volkes, unter der Genugtuung der Massen, in namenlosen Qualen Leibes und der Seele.

Das ist die Geschichte! Das ist die Tatsache eine Tatsache, so fest wie Sonne, Mond und alle Sterne. Da kann kein Mensch etwas davon abnehmen; und keiner kann daran vorübergehen. Ein Narr, der sagte:Ich geh' dran vorüber! Ein rechter, ernster Mensch muß allem ins Gesicht sehn: jeder Niedertracht, jedem Zweifel und jedem Grausen. Aber auch jedem edlen Glauben, jedem hohen Feuer und heiligen Willen und Glauben; auch dieser Botschaft von diesem Heiligen, dieser Weihnachtsbotschaft. Und sieht er hin... sowie an jenem stürmischen Abend die Leute taten Gf

jenem Schiff, da der Mann sie rief... es dröhnte und klirrte die Treppe, und sie standen und starrten über die wilde See...! dann steht da der Hei⸗ land mit dem heißen, schönen Feuer in den Augen n wer wagt zu spotten über ihn, der in jungen Jahren für seine Sache in den Tod ging?.. mit dieser abgrundtiefen, reinen Liebe zu den Menschen .. mit diesem wundersamen Sagen und Ver⸗ sprechen in seiner Rede... von einer ewigen Liebe, die über allen Menschen waltet mit

einer stillen, seelischen Verheißung hinter seiner edlen Stirn. Wer kann dem widerstehn? Nur der, der das Dunkel liebt, die teübe Nacht, und nicht den Tag. Alle andern, die Millionen. wie jene auf dem Schiff, auf der Nordsee sehn hinüber und danken Gott für diesen Schein von Bethlehem, für diesen Tod von Golgatha, .

Aber sieh

8

für dieses Feuer, das er in seiner Seele hatte.

Es gibt ja viele, die sagen: Ja, fenher?! vor dem Krieg... da sahen wir dies Feuer, und sahen dahin! Wie waren wir still selig, wenn Weihnachten kam mit seinem Licht. Aber seit der Krieg da ist.., all dies Schreck⸗ liche.. seitdem glauben wir nicht mehr! S dem ist uns, als wenn

N