Ausgabe 
(1.12.1917) 2
 
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1. Dezember

Baltenland.

Von Otto von Pfister.

Nun fliege zum baltischen Norden Siegtragend, germanischer Aar,

Ertreiße den feindlichen Horden,

Was deutsch seit Jahrhunderten war! Steig' hoch in die sonnigen Lüfte, Bring' Freiheit hinein in das Land, Und schließe der Zwingherrschaft Grüfte, Die Stele und Herzen uns band!

Laßt wehen des Vaterlands Fahnen, Laßt blinken das schneidende Schwert Und zieht auf den Pfaden der Ahnen, Zu schirmen deutschbaltischen Herd! Beschützet die heimischen Sitten,

Die Ritter und Bürger gebracht,

Als einstens gen Ostland sie ritten, Zu künden des Deutschreiches Macht!

Wir haben vergessen euch nimmer,

Die Treuwacht gehalten ihr habt,

Es war wie ein leuchtender Schimmer, Mit dem nns die Hoffnung gelabt.

2 Jetzt soll es zur Wahrheit wohl werden,

Was still in dem Herzen geruht:

Frisch blühe auf baltischer Erden

Für immer deutsch Leben und Gut!

(AusWir harren des Tags!, gesammelt und heraus⸗ gegeben vom Verein für das Deutschtum im Auslande.)

Durchhalten.

Es ist eines Mannes unwürdig, eine Aufgabe zu übernehmen, und sie dann aufzugeben, wenn der Höhepunkt der Schlacht bevorsteht. Es gibt nur einen Weg, und der ist vorwärts! So schrieb einst Fridjof Nansen, indem er das Bild von der Schlacht auf seine mutigen Nordpolfahrten anwandte. Heute ist uns die Schlacht zur Wirk⸗ lichkeit geworden, und da mag uns die Kühnheit des Nordpolfahrers zum Vorbild werden. Es gel⸗ ten eben für alle großen Aufgaben der Menschen die gleichen Regeln. Vor jedes bedeutende Ziel haben die Götter den Schweiß gesetzt, und alle Wege zu den Sternen empor führen über Klippen und Abgründe. So hat jetzt unser Volt im Ganzen die ernste Probe zu bestehen. Da zeigt es, wie⸗ viel es Männer, wieviel Memmen es unter sich zählt. Es sehlt auch an den letzteren nicht ganz, wie ja denn selbst im tapfersten Menschen neben den großen Entschlüssen auch kleine Bedenken wohnen, und auf die mutigsten Stunden verzagte Augenblicke folgen können. Das menschliche Seelen⸗ leben ist eben nicht starr wie Stein, sondern flüssig wie Wind und Wasser; da gibt es Ansch wellen und Abschwellen, da ist eine ewige Unruhe und Bewegung: da bedeutet jeder Schritt neues Wollen und neues Kräfteeinsetzen. Kein Wunder, wenn in mehr als dreijährigem Ringen auch gelegentlich Müdigkeiten und Zweifel und Verzagtheiten sich

regten. Kein Wunder, wenn sich Reichstagsver⸗ handlungen oder Presseartitel oder Privatgespräche nicht alle immer auf der Höhe halten konnten, wie wir sie in den ersten Sturmtagen der Mobil⸗ machung erlebten. Solche Anwandlungen sind menschlich, sind unvermeidlich. Sorgen wir nur, daß sie uns nichts schaden. Bleiben wir uns nur bewußt, daß sie überwunden werden müssen. So überwindet der Tapfere draußen im Feld, was sich an Heimweh und Heimaterinnerungen in ihm regt, wenn's einen Angriff auszuhalten, einen Sturm zu leisten, einen schwierigen Auftrag aus⸗ zuführen gilt. So müssen wir alle überwinden lernen. Es ist leicht, sich im Rausch der Begeiste⸗ rung zu irgend einem Opfer, zu irgend einer kühnen Tat zu melden. Da nimmt man in Gedanken schon Ruhm und Lohn vorweg. Da spürt man schon im voraus den Stolz der vollbrachten Leitung. Aber wenn man in der Arbeit selber erst mitten drin steckt, wenn man weniger mehr das große Ziel und dafür umso handgreiflicher eine Schwie⸗ rigkeit nach der anderen vor sich sieht, da wird

Beilage

1917.

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eigentlich erst die rechte Probe bestanden. Wenn der Nordpolfahrer aufbricht, von Tausenden ge⸗ feiert und mit guten Wünschen begleitet, da erlebt er auch Stolz und Zuversicht und Vorwegnahme des Erfolges. Wenn er aber dann wochen- und monatelang mit seinem Schiff im Eise festsitzt, von Krankheit, Entbehrung und Tod bedroht, da gilt's die Reue über seinen großen Entschluß von sich fern zu halten. Da gilt's in zäher Ausdauer zu halten, was man sich und andern in raschem Schwung der Begeisterung versprach. Im Höllen⸗ feuer moderner Artillerieschlachten ist's nicht anders. Es waren damals auch rasche und begeisterte Ent⸗ schlüsse, als wir dem Vaterlande Gut und Blut gelobten, um sein Dasein gegen den Ansturm der Todfeinde von allen Seiten zu sichern. Das Ziel gilt uns noch, aber der Weg zu ihm war weiter und härter als wir dachten. Wer aber wollte des⸗ halb nun zum Gespött der Welt werden und auf halbem Wege den Arm müde sinken lassen? Und wir haben doch weit mehr schon als den halben Weg hinter uns. Gerade eben taucht ja das Ziel, der kraftvoll gesicherte glückliche Frieden wieder handgreiflich nah vor uns auf. Wen wollte nicht da erneut jener mutige Schwung des Anfangs überkommen! Mag's auch noch heiß hergehen, gerade in diesen Tagen, an der Südfront wie im Westen, in der Heimat wie im Felde, nach alledem, was wir hinter uns brachten, werden wir die kleinere Strecke, die vor uns liegt, auch noch be⸗ wältigen. Das Schlimmste ist ertragen, das Schwerste ist geleistet. Nun heißt's nur festhalten, was gewonnen wurde; nicht verlieren, was wir schon in Händen halten. Seien wir uns einig in dieser Hauptsache, was wir auch sonst verschie⸗ den denken. Es gibt nur einen Weg, und der ist: Vorwärts! Reinhart Strecker.

Die Aebermacht.

In Deutschland denkt man wenig darüber nach, welch ein klägliches Schauspiel die Entente der Welt bietet, die mit einer wahrhaft ungeheuerlichen Uebermacht die Mittelmächte angreift, ohne sich etwas anderes zu holen als Niederlagen. Erfolge

hat sie nur in den schwach oder gar nicht ver⸗

teidigten deutschen Kolonien und im Kampf gegen die Türkei gehabt, aber auch hier nur im Euphrat⸗ gebiet. Ob die Machthaber in Petersburg, Paris, London und Rom nicht gelegentlich darüber er⸗ röten, sei dahingestellt. Aber wenn wir Deutsche auch davon wenig Wesens machen, so ist doch bei den Neutralen, soweit sie nicht durch Deutschenhaß verblendet sind, wohl ein Gefühl dafür vorhanden. Der bei weitem größte Teil der bewohnten Erde mit einer unermeßlichen Menschenzahl steht unseren Feinden zur Verfügung. Ihre Uebermacht an Kämpfern, an Geld und Machtmitteln aller Art, an Kriegsschiffen ist so gewaltig und in die Augen sallend, daß man sich nie genug verwundern kann über all die vergeblichen Anstrengungen. Die Ueber⸗ macht der Zahl ist eben nicht das Entscheidende. Wie das kleine Griechenland im Kampfe mit den Persern, Karls XII. von Schweden, Friedrichs II. von Preußen Kampf mit unendlich überlegenen Feinden, so stehen heute Deutschland und seine Verbündeten da, stark und unbesiegbar. Und dieser Quell der größeren Kraft, die mit der äußeren Uebermacht fertig wird, ist allein die geheimnis⸗ volle Macht des Geistes. Wirken da religiöse Emp⸗ findungen mit? Ganz gewiß. Und daneben die starle Vaterlandsliebe und die größere bürgerliche Tüchtigkeit. Und von diesen Eigenschaften sind alle durchdrungen, von den leitenden Männern des Staates herab bis zu den letzten Schippern und Arbeitern. Fehlt dieser Geist oder versagt er ein⸗ mal, so fallen mächtige Reiche wie Kartenhäuser zusammen. Wir wissen das aus unserer eigenen Geschichte vom Jahre 1806 und sehen es jetzt bei den weichenden Russen. Und verwundern müssen wir uns umsomehr über Deutschlands Stärke, weil die zwanzig letzten Friedensjahre einen solchen Taumel des Genusses, eine Zersetzung der Gesellschaft, eine

allgemeine Oberflächlichkeit gebracht) hatten, die nur Schlimmes befürchten ließen. Aber wir wissen jetzt, daß nur die Schale angefault war, der Kern der Frucht aber gut ist. Eine bessere, wenn auch er⸗ schütternde Probe seines Wertes konnte Deutschland nicht beschieden sein von Gott und seinem Schick⸗ sal, als dieses blutige Ringen mit einer Ueber⸗ macht, wie sie noch nie in der Geschichte vereinigt war, und die dennoch zur Ohnmacht verurteilt ist.

v. Kh.

(Aus der Kriegs⸗Rorrespondenz des Evang. Presseverband des für Dentschland.)

Invaltidenversicherung.

Der Kriegsbeschädigte H. Sch. in Saasen wurde am 8. Februar 1915 verwundet und lag längere Zeit in einem auswärtigen Lazarett. Am 10. April 1917, also mehr als zwei Jahre nach seiner Verwun⸗ dung, stellte er Antrag auf Invalidenrente. Da nach§ 1253 der Reichsversicherungsordnung die Rente nicht länger als ein Jahr rückwärts vom Tage des Eingangs des Antrages an gerechnet, ge⸗ zahlt wird, wurde der Anspruch des Vorgenannten, soweit er die Zeit vom Februar 1915 bis April 1916 betraf, abgewiesen, zumal Sch. nicht nachweisen konnte, daß er durch außerhalb seines Willens liegende Umstände an der rechtzeitigen Antragstellung verhin⸗ dert war. Auch der Kriegsbeschädigte E. F. in Gießen hat, obwohl er schon bereits seit dem Jahre 1914 verwundet war, erst jetzt Antrag auf Inva⸗ lidenrente gestellt und muß, da die Rente nur für ein Jahr rückwärts gezahlt wird, wegen nicht recht⸗ zeitiger Geltendmachung seiner Ansprüche auf einen Teil seiner Rente verzichten. Der Kriegsbeschädigte H. Sch. von Münster erkrankte am 9. August 1916 infolge eines Nervenleidens und wurde dem Reserve⸗ lazarett B.(im Rheinland) überwiesen. Er kam später nach Gießen, versäumte aber infolge seines Zustandes, rechtzeitig Antrag auf Invalidenrente zu stellen. Da Sch. aber durch außerhalb seines Willens liegende Verhältnisse an der rechtzeitigen Geltendmachung des Anspruchs verhindert worden ist, so besteht in diesem Falle die Möglichkeit, daß die Rente vom Tage des Eintritts der Invalidität auch weiter als ein Jahr rückwärts gewährt wird. Auf alle Fälle kann aber allen verwundeten und erkrankten Kriegsteilnehmern nicht dringend genug ans Herz gelegt werden, sich wegen der rechtzeitigen Geltendmachung ihrer Ansprüche an die Verwun⸗ deten⸗Beratungsstelle(Sprechstunden: Dienstag nnd Freitag von 2- 3 ½ Uhr im Soldatenheim) zu wenden.

Mahnspruch aus einem Soldatenheim.

Zahlreich sind die Soldatenheime im Etappen⸗ gebiet geworden, in denen der Soldat eine wohn⸗ lich eingerichtete, im Winter geheizte Stube, auch Schreib⸗ und Lesegelegenheit, Klavier und Gram⸗ mophon findet und wo er in Ruhe seinen Kaffee oder Tee(Alkohol wird nicht ausgeschenkt) genießen kann. Ein einfacher Bilderschmuck, Bilder ver⸗ dienter Heerführer und Sinnsprüche meist eigener Schöpfung sind überall angebracht. Ein besonders netter Spruch möge hier Aufnahme finden:

Kamerad tritt ein,

Ein Heim soll's sein,

Und nicht, bedenke,

Eine wüste Schenke.

Nimm ab die Mütz',

Dann komm' und sitz' Gemütlich und friedlich,

Und sauf' nicht und rauf nicht, Und sing' nicht und spiel nicht, Sei sauber und nett,

Spuck' nicht aufs Parkett, Benimm dich genau

Als ob deine Frau

Hier schalte und walte,

Du kennst deine Alte!