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Jlf. 2S9

Seite 4

Erna und Ille.

Roman von D. Feußner.

(Fortsetzung).

Nach einigen Tagen hatte sich Ilse soweit erholt, datz sie ausstehen konnte und man durste an die Heim­reise denken, welche in den ersten Tagen des Juli stattfinden sollte. Die drei Mädchen machten häufig kleine Spaziergänge in den herrlichen Wald. Immer mehr suhlten sie sich zueinander hinge,zoge>> und immer schmerzlicher erschien ihnen die nah bevorstehende Trennung. Aber die Stunde kam, der Wagen des Forstmeisters hielt vor der Tür und die beiden Mädchen gaben ihren Gästen das Geleit zum Bahn­hof. Bald war dieser erreicht, ein letzter Kutz, ein Händedruck und fort ging es der Heimat entgegen. Weinend blickten Erna und Hedwig den Entschwin­denden nach.

Es war an einem schönen Septemberabend. Die Firnen der Berge erglühten unter dem Scheideblick j der Sonne wie blendendes Kupfer. Immer länger wurden die Schatten, immer tiefer sank der goldig glänzende Feuerball und immer kleiner wurden die leuchtenden Spitzen der Berghäupter bis endlich die Sonne ganz herabglitt und ihre letzten Grütze im purpernen Abendrot zurücklietz. Auf dem Gutshose herrschte eine beän'stigende Stille, der Verwalter sorgte überall für möglichst geräuschloses Arbeiten, er gebot den fütternden Knechten die Türen nicht in der sonst üblichen Weise zuzuschlagen, da das gnädige Fräulein schwer krank sei. In der Küche stand Marie mit rotgeweinten Augen und bat die hier beschäftigten Mädchen nach Möglichkeit jedes Geräusch zu ver­meiden. So schlich man durch die Räume des Herren­hauses und vernried jeden lauten Ton. Ueber das feenhafte Mädchenzimmer war ein düsteres Kolorit ausgegossen, die Fenster waren dicht verhängt, so datz der Strahl der scheidenden Sonne nicht einzudringen vermochte. In den schneeigen Kissen lag Ilse, die zarten Hände über der Brust gefaltet, bleich wie eine Lilie, vom Hauche himmlischen Friedens umweht. Man sah es auf den ersten Blick, datz diese holde Menschen­blüte dem Welken nahe war, um in einem anderen Garten schöner, herrlicher zu erblühen. Sieben dem Bette satz, eine Beute tiefsten Seelenschmerzes der Vater der Kranken. All seine Hoffnungen waren er­loschen, vor ihm lag sein geliebtes, sorgsam gehegtes i Kind ein welkes, beinah schon verwelktes Veilchen. 1 Roch vermochte er diesen furchtbaren, jeden Lebensmut ertötenden Gedanken nicht zu fassen. Sie, die feines Lebens Sonnenschein gewesen, sollte er verlieren! O mein Gott, warum denn! War er ihrer nicht wert, datz sie ihm so früh, ach so früh entrissen wurde? Für wen hatte er gearbeitet und geschafft Tag für Tag? Für sein holdes Kind, seine Ilse und jetzt

Ein liefet Seufzer hob seine Brust, er mutzte auf einige Minuten hinausgehen, um frische Luft zu schöpfen.

Als er sich entfernt hatte, regte sich etwas im Hin- iergrunde des Zimmers und eine schlanke Frauengestalt mit tiefernsten Zügen trat an das Lager heran. Es war Ema.

Seit einer Woche schon weilte sie in £, um die kranke Ilse zu pflegen. Der Brief, den ihr diese ge­schrieben, war so dunkel, so rätselhaft gewesen, für sie aber trotzdem so verständlich, datz sie dem dringenden Rufe:Komm, o komme!" sofort aeiolgt mar. In

Jleut Tageszeitung. Montag, den 12. Oktober 181«

1 angekommen, hatte sie Ilse der baldigen Auflösung entgegengehend angetroffen.

Wünschest du etwas?" fragte Erna jetzt kaum hörbar.

Ich habe nicht mehr viel Wünsche," hauchte die Kranke,nur Roüerich möchte ich noch einmal sehen und dann"

Nicht weiter! Nicht weiter!" unterbrach sie Erna.

C Erna latz das sein, mich kann niemand mehr täuschen und ich selbst will es auch nicht mehr. Wozu denn?"

Ilsel Ilse!«

Ja Erna, ich habe mit dein Leben abgeschlossen.

Ach könnte ich für dich sterben, du liebe, liebe Freundin!"

Du sterben? Nein diesen Tausch würde ich nicht einmal eingehen ich freue mich vielmehr, datz ich sterben darf, damit du glücklich werden kannst."

Ilse," rief Erna fast gellend,du bohrst einen glühenden Stahl in meine Brust, der mit) aufs tiefste verwundet! Ich bitte dich dringend mich zu schonen, sonst"

Sie brach jäh ab.

Nun sonst?" erklang die sanfte Frage.

Sonst töte ich mich vor deinen Augen!"

Ein mattes Lächeln umspielte die Lippen der Kranken und leise erwiderte sie:Ich weitz, was du damit sagen willst aber wozu sich unnötig ausregen ich wäre ja doch gestorben auch wenn wir uns nicht kennen gelernt hätten."

2n Ernas Brust arbeitete es gewaltig, ein Zittern, ein heiliger Schwur überfiel ihre schlau» Gestalt, datz diese erbebte wie das Laub der Espe inr Abendwindei dann verlor sie die Beherrschung über sich selbst und der wilde Seelenschmerz brach durch wie der wilde Bergstrom, der den Damm zerbricht und verheerend die Ebene überflutet.

Laut schluchzend warf sie sich vor dem Bette nieder und barg den schmerzenden Kops in den Kissen.

Allmächtiger Gott," rang "sich's von ihreg Lippen, tue ein Wunder, latz sie nicht sterben, nimm mich statt ihrer, latz mich leiden"

(Fortsetzung folgt.)

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